Schneider & Shetler
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Lara und Doktor Schiwago, Stan Laurel und Oliver Hardy, Bonnie und Clyde, es gibt legendäre Kinopaare. Und es gibt Schneider und Shetler, die Filmliebhaber, die Alphaville-Gründer. Georg Schneider, 37, und Norman Shetler, 33, lernten sich vor mehr als elf Jahren kennen. Es war ein Zusammentreffen wie im Kino, es war wie in einer Komödie, wie in einem Krimi. „Damals“, sagt Shetler, „war es nicht einfach, Gleichgesinnte zu treffen. Mittlerweile hat sich das geändert.“ Damals. Mittlerweile. Zwei wichtige Wörter in der Geschichte der beiden. Shetler, Sohn eines bekannten US-Pianisten, verdingte sich seinerzeit, Leben und Studium plätscherten so dahin, in einer Videothek in der Innenstadt. Schneider, wie Shetler schon früh vom Virus Film infiziert, arbeitete als Aushilfskraft bei einer Tageszeitung. „Im Telemarketing“, präzisiert Schneider. „Sagt man das heute überhaupt noch: ‚Telemarketing?‘“ Man begegnete sich in der Videothek, man traf sich, anfangs unbekannterweise, im virtuellen Raum. 1996 glich das Internet einer gewaltigen Maschine der unerforschten Möglichkeiten, neu und aufregend und reizvoll zu jener Zeit: das Treiben in den Foren. Nach Feierabend stieß man im Netz anonym in diversen Diskussionsplattformen zum Thema Film aufeinander. Shetler bemerkte die geistreichen Beiträge Schneiders, dieser wiederum erkannte, dass sein Vis-à-vis eine Ahnung von der Materie hatte. Der eine war bekannt als Freund feiner französischer Kinokunst, der andere liebte Trash und Splatter. Für Ganz-Klein-Shetler war „Eliott, das Schmunzelmonster“ der Film, für Schneider Walt Disneys „Robin Hood“. Eine Kurosawa-Retrospektive ist für den einen zentrale Erinnerung, für den anderen eine Peter-Bogdanovich-Retro.
Schneider und Shetler, die beiden passten von Anfang an gut zusammen. „Schneider & Shetler“ wäre kein schlechter Titel für einen Buddy-Film nach Wiener Art.
Eines Tages, im Juli 1996, erfuhr Schneider von einer Videothek namens Silverscreen, die ehestmöglich geräumt werden musste: 2300 Kassetten, die meisten davon in Originalsprache, ein denkbar weites Genrespektrum, vom Arthousefilm bis zum Kunstblutmassaker, vom Mainstreamkino bis zum Melodram. „Zuerst wollte ich mir nur meine zehn Lieblingsfilme preisgünstig besorgen. Beim Verlassen des Lokals machte es Klick: Warum kaufe ich nicht alle?“, erinnert er sich. Schneider informierte Shetler. Es war ein risikoreiches, riskantes Unterfangen. Die Idee, eine Videothek zu gründen, war ein Traum, einer unter vielen. Drei Tage und drei durchwachte Nächte später waren sie Videokassettenbesitzer ohne Videothek. Im September 1996 entdeckten sie ein leerstehendes Geschäftslokal in der Schleifmühlgasse. Der Vorbesitzer, wohl ein Gastronom, war unauffindbar, über dem Eingang prangte der Schriftzug „Sandwichwelt“. Nach neunmonatiger Umbauphase eröffneten sie am 28. April 1997 ihre Videothek: Elf Filme wurden an diesem Montag ausgeborgt, sechs Kunden beantragten die Alphaville-Mitgliedschaft. Am Abend selbigen Tages standen die beiden Neo-Geschäftsinhaber, aufgekrempelte Ärmel, den Blick hin zur Wienzeile, zum trist-grauen Naschmarkt, vor dem Lokal, vor ihrer Wirklichkeit gewordenen Träumerei. Vor zehn Jahren war die nach einem Godard-Film benannte Videothek ein Ereignis inmitten urbaner Wüstenei.
Alphaville ist seit Jahren mit Abstand die beste Videothek der Stadt. Es sind ausschließlich Filme in Originalsprache erhältlich, in den Regalen lagern 8500 DVDs sowie einige tausend VHS-Kassetten. „Seit dem ersten Tag leiden wir unter Platzmangel. Improvisation ist alles“, sagt Schneider, der kühle Kopf des Teams. „Manchmal wissen wir nicht, wohin mit all den Datenspeichern, mit all den Filmen, mit all den Geschichten.“ Die Geschichte von Alphaville erzählt viel vom Dahinjagen der Zeit. All die Jahre konstant geblieben ist die Konsequenz, mit der die Alphavillains, wie sie sich selbst bezeichnen, ihr Geschäft betreiben. „Es gibt hundert Gründe, einen Film im Angebot zu haben. Es gibt keinen Grund, ihn nicht zu haben“, so Shetler. Nach wie vor viel Wert wird auf persönliche Beratung gelegt: „‚The Da Vinci Code‘ ist schlicht scheiße. Der Director’s Cut ist zehn Prozent mehr scheiße.“
Das Prinzip, das bei der Gründung des Geschäfts zur Anwendung gelangte, lautete: Drunter und drüber. „Die erste Zeit war mühsam“, erinnert sich Shetler, der immer wieder einmal so wirkt, als ob er direkt einem Film über die Erfindung der Gemächlichkeit entsprungen sei: „Von einer Magistratsabteilung zur nächsten, antichambrieren vor Amtsräumen, dazu Unmengen von Stempelmarken. Heute geht das ja beinah in Sekundenschnelle.“ Der Versuch der Gründung einer Videothek, übersetzt ins Wirtschaftsdeutsch des Jahres 2007, würde anders lauten, etwa so: Zwei Jungunternehmer suchen mittels Ortsentwicklungs- und langfristigem Investitionskonzept um Finanzierungshilfe für eine Existenzgründung an. Schneider und Shetler suchten ihr Lokal nach einem vagen Plan, und zwar sprichwörtlich. Sie breiteten einstens eine Wienkarte vor sich aus, markierten den Standort des vermeintlich schärfsten Konkurrenten – Pickwick’s, Marc-Aurel-Straße, Innenstadt –, zogen eine gerade Linie und begannen ihre Nachforschung am entgegengesetzten Ende des Strichs. Der Naschmarkt war anno dazumal in der Hand älterer Einkäufer, die mit Wägelchen auf Rädern die Warenumschlagsgasse durchfurchten. „Heute kommen Touristen eigens in die Schleifmühlgasse, weil irgendwo zu lesen war, es handle sich um das Soho Wiens“, sagt Schneider. „Bobostan“, ergänzt Shetler. Sie haben natürlich von der Entwicklung profitiert, sie zum Teil mitverantwortet. Der Vergleich mit dem lebhaften Künstlerviertel in Manhattan sei dann aber doch ein wenig hoch gegriffen, melden beide unisono Zweifel an.
Und noch eine Geschichte aus der alten Zeit. Etliche der vor zehn Jahren erworbenen Medien sind nach wie vor im Umlauf, 34 Kassetten, so haben die beiden Alphaville-Männer ermittelt, wurden noch nie ausgeborgt. Die Regale im Geschäft sind lückenlos gefüllt mit DVD-Schachteln, die schmalen Rückansichten der Plastikhüllen ergeben unruhige Farbflächen. Auf der Galerie, die paar Stufen hinauf, verstauben VHS-Kassetten, es müssen einige Tausend sein. Der Halbstock, in den sich kaum je Kundschaft mehr verirrt, gleicht einem Magnetbandmuseum. Es kommt bisweilen vor, dass Norman Shetler eine der im Vergleich zur DVD-Box unförmigen Kassettenhüllen in die Hand nimmt, sentimental und nachdenklich wird. Die Jagd nach der einen VHS-Kassette, nach dem einen Film dauerte vor einem Jahrzehnt mitunter Monate, allein der Schriftverkehr füllte Ordner; eine Zitterpartie, bis das gewünschte Produkt schließlich im Postkasten landete. Heute schließt man die Filmrecherche innerhalb einer 5-Minuten-Nachforschung am Computer ab.
Innerhalb einer Dekade hat sich eine Technologie von Grund auf verändert. Vor zehn Jahren haben wir gedacht, uns gibt es höchstens fünf Jahre lang. Wenn die technische Entwicklung so rasant weiter verläuft, wer weiß, ob es uns dann in fünf Jahren überhaupt noch gibt?“, rätselt Shetler. Es scheint ihm nicht allzu viel auszumachen, dass Wunschfilme vielleicht alsbald via Datenleitung in die Heimkinos gelangen könnten. Sowohl Shetler als auch Schneider haben zu viele Filme, zu viele Geschichten gesehen, um sich von möglichenfalls eintretenden technischen Revolutionen erschüttern zu lassen. „Man muss nicht der Held, man muss nicht James Bond sein“, sagt Georg Schneider und nickt seinem Kompagnon zu. Der nickt zurück. „Man darf der Verlierer, der Mörder, der Tote, der Verbrecher, der Einzelgänger, der Teamspieler sein. Man darf alles und jedes sein.“ Ein berühmter Alphaville-Verehrer, von dem mehrere Devotionalien an den Wänden des Geschäfts angebracht sind, ist in dieser Hinsicht Vorbild: Guerilla-Filmemacher John Waters schickt Schneider und Shetler seit Jahren Weihnachtsgrüße. Nach einer Postkarte, auf der sich Waters als Verbrecher bei der Polizeiaufnahme mit fortlaufender Nummer vor der Brust inszeniert hatte, trudelte vergangenes Jahr eine durchsichtige Weihnachtskugel ein. Inhalt: eine zeigefingerlange, fette Küchenschabe.
Schneider und Shetler, die beiden passten von Anfang an gut zusammen. „Schneider & Shetler“ wäre kein schlechter Titel für einen Buddy-Film nach Wiener Art.
Eines Tages, im Juli 1996, erfuhr Schneider von einer Videothek namens Silverscreen, die ehestmöglich geräumt werden musste: 2300 Kassetten, die meisten davon in Originalsprache, ein denkbar weites Genrespektrum, vom Arthousefilm bis zum Kunstblutmassaker, vom Mainstreamkino bis zum Melodram. „Zuerst wollte ich mir nur meine zehn Lieblingsfilme preisgünstig besorgen. Beim Verlassen des Lokals machte es Klick: Warum kaufe ich nicht alle?“, erinnert er sich. Schneider informierte Shetler. Es war ein risikoreiches, riskantes Unterfangen. Die Idee, eine Videothek zu gründen, war ein Traum, einer unter vielen. Drei Tage und drei durchwachte Nächte später waren sie Videokassettenbesitzer ohne Videothek. Im September 1996 entdeckten sie ein leerstehendes Geschäftslokal in der Schleifmühlgasse. Der Vorbesitzer, wohl ein Gastronom, war unauffindbar, über dem Eingang prangte der Schriftzug „Sandwichwelt“. Nach neunmonatiger Umbauphase eröffneten sie am 28. April 1997 ihre Videothek: Elf Filme wurden an diesem Montag ausgeborgt, sechs Kunden beantragten die Alphaville-Mitgliedschaft. Am Abend selbigen Tages standen die beiden Neo-Geschäftsinhaber, aufgekrempelte Ärmel, den Blick hin zur Wienzeile, zum trist-grauen Naschmarkt, vor dem Lokal, vor ihrer Wirklichkeit gewordenen Träumerei. Vor zehn Jahren war die nach einem Godard-Film benannte Videothek ein Ereignis inmitten urbaner Wüstenei.
Alphaville ist seit Jahren mit Abstand die beste Videothek der Stadt. Es sind ausschließlich Filme in Originalsprache erhältlich, in den Regalen lagern 8500 DVDs sowie einige tausend VHS-Kassetten. „Seit dem ersten Tag leiden wir unter Platzmangel. Improvisation ist alles“, sagt Schneider, der kühle Kopf des Teams. „Manchmal wissen wir nicht, wohin mit all den Datenspeichern, mit all den Filmen, mit all den Geschichten.“ Die Geschichte von Alphaville erzählt viel vom Dahinjagen der Zeit. All die Jahre konstant geblieben ist die Konsequenz, mit der die Alphavillains, wie sie sich selbst bezeichnen, ihr Geschäft betreiben. „Es gibt hundert Gründe, einen Film im Angebot zu haben. Es gibt keinen Grund, ihn nicht zu haben“, so Shetler. Nach wie vor viel Wert wird auf persönliche Beratung gelegt: „‚The Da Vinci Code‘ ist schlicht scheiße. Der Director’s Cut ist zehn Prozent mehr scheiße.“
Das Prinzip, das bei der Gründung des Geschäfts zur Anwendung gelangte, lautete: Drunter und drüber. „Die erste Zeit war mühsam“, erinnert sich Shetler, der immer wieder einmal so wirkt, als ob er direkt einem Film über die Erfindung der Gemächlichkeit entsprungen sei: „Von einer Magistratsabteilung zur nächsten, antichambrieren vor Amtsräumen, dazu Unmengen von Stempelmarken. Heute geht das ja beinah in Sekundenschnelle.“ Der Versuch der Gründung einer Videothek, übersetzt ins Wirtschaftsdeutsch des Jahres 2007, würde anders lauten, etwa so: Zwei Jungunternehmer suchen mittels Ortsentwicklungs- und langfristigem Investitionskonzept um Finanzierungshilfe für eine Existenzgründung an. Schneider und Shetler suchten ihr Lokal nach einem vagen Plan, und zwar sprichwörtlich. Sie breiteten einstens eine Wienkarte vor sich aus, markierten den Standort des vermeintlich schärfsten Konkurrenten – Pickwick’s, Marc-Aurel-Straße, Innenstadt –, zogen eine gerade Linie und begannen ihre Nachforschung am entgegengesetzten Ende des Strichs. Der Naschmarkt war anno dazumal in der Hand älterer Einkäufer, die mit Wägelchen auf Rädern die Warenumschlagsgasse durchfurchten. „Heute kommen Touristen eigens in die Schleifmühlgasse, weil irgendwo zu lesen war, es handle sich um das Soho Wiens“, sagt Schneider. „Bobostan“, ergänzt Shetler. Sie haben natürlich von der Entwicklung profitiert, sie zum Teil mitverantwortet. Der Vergleich mit dem lebhaften Künstlerviertel in Manhattan sei dann aber doch ein wenig hoch gegriffen, melden beide unisono Zweifel an.
Und noch eine Geschichte aus der alten Zeit. Etliche der vor zehn Jahren erworbenen Medien sind nach wie vor im Umlauf, 34 Kassetten, so haben die beiden Alphaville-Männer ermittelt, wurden noch nie ausgeborgt. Die Regale im Geschäft sind lückenlos gefüllt mit DVD-Schachteln, die schmalen Rückansichten der Plastikhüllen ergeben unruhige Farbflächen. Auf der Galerie, die paar Stufen hinauf, verstauben VHS-Kassetten, es müssen einige Tausend sein. Der Halbstock, in den sich kaum je Kundschaft mehr verirrt, gleicht einem Magnetbandmuseum. Es kommt bisweilen vor, dass Norman Shetler eine der im Vergleich zur DVD-Box unförmigen Kassettenhüllen in die Hand nimmt, sentimental und nachdenklich wird. Die Jagd nach der einen VHS-Kassette, nach dem einen Film dauerte vor einem Jahrzehnt mitunter Monate, allein der Schriftverkehr füllte Ordner; eine Zitterpartie, bis das gewünschte Produkt schließlich im Postkasten landete. Heute schließt man die Filmrecherche innerhalb einer 5-Minuten-Nachforschung am Computer ab.
Innerhalb einer Dekade hat sich eine Technologie von Grund auf verändert. Vor zehn Jahren haben wir gedacht, uns gibt es höchstens fünf Jahre lang. Wenn die technische Entwicklung so rasant weiter verläuft, wer weiß, ob es uns dann in fünf Jahren überhaupt noch gibt?“, rätselt Shetler. Es scheint ihm nicht allzu viel auszumachen, dass Wunschfilme vielleicht alsbald via Datenleitung in die Heimkinos gelangen könnten. Sowohl Shetler als auch Schneider haben zu viele Filme, zu viele Geschichten gesehen, um sich von möglichenfalls eintretenden technischen Revolutionen erschüttern zu lassen. „Man muss nicht der Held, man muss nicht James Bond sein“, sagt Georg Schneider und nickt seinem Kompagnon zu. Der nickt zurück. „Man darf der Verlierer, der Mörder, der Tote, der Verbrecher, der Einzelgänger, der Teamspieler sein. Man darf alles und jedes sein.“ Ein berühmter Alphaville-Verehrer, von dem mehrere Devotionalien an den Wänden des Geschäfts angebracht sind, ist in dieser Hinsicht Vorbild: Guerilla-Filmemacher John Waters schickt Schneider und Shetler seit Jahren Weihnachtsgrüße. Nach einer Postkarte, auf der sich Waters als Verbrecher bei der Polizeiaufnahme mit fortlaufender Nummer vor der Brust inszeniert hatte, trudelte vergangenes Jahr eine durchsichtige Weihnachtskugel ein. Inhalt: eine zeigefingerlange, fette Küchenschabe.
© Nachdruck bzw. Textübernahme - auch auszugsweise -
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
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