Pflanz die Stadt!
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Der klassische Verkehrsinselbewuchs hatte es ihm besonders angetan. Völlig hingerissen war Richard Reynolds von den Tulpen, Narzissen und Stiefmütterchen. Ausgerechnet. Der Besuch aus London konnte gar nicht aufhören, die typisch österreichische Freiflächenkultivierung à la Biedermeier zu loben. „Das war schon ein bisschen skurril“, erzählt Alfred Benesch, der den bekanntesten Guerilla-Gärtner Europas nach Österreich holte, „für mich ist es ja eher ein Horror, dass man nirgends mehr hinsteigen kann, weil überall irgendwelche spießigen Blumen herauswachsen“. Letztlich kam man beim 2. Internationalen Gartensymposium, das vor kurzem in Melk über die Bühne ging, dann aber zum Schluss, dass man zwar völlig unterschiedliche Probleme zu bewältigen hat, aber ähnliche Ziele verfolgt: die Verschönerung und das Wieder-zugänglich-Machen öffentlicher Grünflächen. Während Benesch als Landschaftsplaner und Ökologe in Melk dagegen ankämpft, dass jeder Flecken Stadt, der noch nicht zubetoniert ist, in ein Blumenbeet verwandelt wird, fordert Reynolds Großstädter auf der ganzen Welt dazu auf, selbst mit Schaufel und Spaten loszuziehen und vergammelte öffentliche Grünflächen aufzuputzen.
Reynolds ist auch selbst als wilder Gärtner unterwegs. Der Werbefachmann macht sich regelmäßig die Hände schmutzig, um den Londonern zu zeigen, was man aus einer von der Stadtverwaltung vernachlässigten öffentlichen Fläche mit ein bisschen gutem Willen alles machen kann. In der britischen Hauptstadt schlägt sich inzwischen eine ganze Reihe von selbsternannten Stadtverschönerern Nächte um die Ohren, manche schließen sich zu „troops“ zusammen, andere bleiben Einzelkämpfer. Phil, der auf www.guerrillagardening.org seinen persönlichen, mit Blumen ausgetragenen Kleinkrieg gegen das Grau-in-grau beschreibt, ist so ein Single-Guerrillero. Irgendwann hatte er vom bräunlichen Gras, das den Kreisverkehr unter seinem Fenster bedeckte, genug. Er besorgte sich Schaufel, Spaten, zweierlei Blumensamen – und eine leuchtend gelbe Sicherheitsjacke, wie sie Straßenarbeiter nächtens tragen. Diese Tarnmaßnahme hatte er sich von Helmut aus Rotterdam abgeschaut. Das Problem dabei: Phil hatte nicht bedacht, dass die britischen Straßenarbeiter keine gelben, sondern orange Jacken tragen, und so fiel er bei seiner nächtlichen Aktion erst recht auf. Die Männer in Orange, die prompt vorbeikamen, waren aber zum Glück very amused und hielten ihren falschen Kollegen nicht weiter von der Arbeit ab. Auch die Londoner Exekutive lässt die Guerilla Gardeners meistens gewähren, man ist offenbar froh darüber, dass die Leute ihre Nachbarschaft in Eigenregie ein bisschen aufmöbeln.
Wien ist da anders. Hier überlässt man kaum ein Fleckchen öffentliches Grün dem Zufall. Ein paar wilde Gärtner gibt’s trotzdem: Vor ein paar Wochen pflanzten zum Beispiel Unbekannte in einigen U4-Stationen Blumen in die Aschenbecher und befestigten kleine Zettel mit einer Gießkanne daneben. Außerdem teilen manche Stadtbäume ihr kleines Fleckchen Erde mit bunten Gewächsen, die so gar nicht nach Hirschstetten aussehen – also nach den Gärten, aus denen die Wiener Stadtblumen normalerweise herkommen. Und dann wären da noch die Hobbygemüsezüchter, die Verkehrsinseln einzäunen, um dort ein bisschen essbares Grünzeug anzubauen. Insgesamt scheint die Wiener Bevölkerung mit der Arbeit, die die Männer und Frauen vom Stadtgartenamt leisten, aber recht zufrieden zu sein und verzichtet durchwegs auf Eigeninitiative.
Manche wollen aber auch mehr. Nadja Madlener und Ursula Taborsky zum Beispiel. Seit kurzem kümmern sich die beiden, gemeinsam mit einer Reihe von Gartenfans, um ein paar Gemüsebeete. Mehrmals pro Woche schauen sie vorbei, um sich zu vergewissern, dass es den eigenhändig angepflanzten Zucchinis, Kürbissen, Tomaten, Gurken und Bohnen auch gutgeht. Das Besondere an ihrem Minigarten: Er befindet sich in einem öffentlichen Park – mitten in Ottakring. Madlener, die an ihrer von der Wiener Akademie der Wissenschaften finanzierten Dissertation über urbane Gärten in Berlin arbeitet, und Taborsky, die ihre Diplomarbeit dem Thema interkulturelles Gärtnern widmete und derzeit an der Medizin-Uni arbeitet, eröffneten vor kurzem im Huberpark Wiens ersten offiziellen Nachbarschaftsgarten. Die Erlaubnis dafür haben sich die beiden hart erkämpft, denn die Stadtverantwortlichen hielten erst nicht viel von der Idee, im Rahmen von Soho in Ottakring einen Pilotversuch in Sachen Gemeinschaftsgärtnern zu starten. In Städten wie New York, Berlin oder Paris laufen ähnliche Projekte seit Jahren äußerst erfolgreich. „Man hat uns gesagt, wir werden garantiert nicht länger als ein paar Tage durchhalten“, sagt Madlener, „und uns geraten, es wenigstens in einem ,besseren‘ Bezirk versuchen.“ Die zwei ließen sich den Traum vom kollektiven Kleingartenglück im Hackler- und Migrantenbezirk trotzdem nicht madig machen – und erhielten schließlich die Bewilligung vom Stadtgartenamt, im Huberpark ihren „Yppengarten“ zu errichten. Ursprünglich sollte das Ganze im Yppenpark stattfinden, den Namen behielt man der Einfachheit halber bei.
Der erste Rückschlag erfolgte umgehend: Bereits in der ersten Nacht machten sich Vandalen über das Gärtchen her, zertrampelten die Beete, rissen Pflöcke aus und zerstörten Setzlinge. Nach dem ersten Schock sprachen die Hobbygärtnerinnen mit ein paar Kids und baten sie, beim Wiederaufbau zu helfen. Inzwischen sind sechs Wochen vergangen, und weder der Sonnenblume noch dem Häuptelsalat wurde seither je wieder ein Blättchen gekrümmt. Selbst Aufgebautes zerstört man halt nicht so ohne weiteres. Für Madlener und Taborksy ist inzwischen klar, dass ein paar der Jungs, die da mitanpackten, die Spuren ihrer eigenen Zerstörungswut beseitigt haben.
Inzwischen versehen 15 Leute – von der türkischstämmigen Mutter, die jeden Tag ihre Kinder in den kleinen Park hinter den dicken Mauern begleitet, über den Pensionisten, der seinen eigenen Garten in Polen vermisst, bis zur Studentin, die vor der Uni noch schnell vorbeischaut – regelmäßig „Gießdienst“. „Unser Ziel ist, dass das Ganze ein Selbstläufer wird und wir nur noch hin und wieder vorbeikommen“, sagt Madlener, die schon von weiterem beackerbaren Stadtgebiet träumt. Gemeinsam mit einer Gruppe von Gleichgesinnten haben Madlener und Taborsky vor kurzem den Verein „Gartenpolylog“ gegründet. Einige Mitglieder bewirtschaften schon seit längerem Grünflächen am Stadtrand, erklärtes Ziel des Vereins ist es aber, sich nach Berliner Vorbild Brachflächen innerhalb der Stadt zu erobern. „Es geht uns vor allem um Mitgestaltung“, sagt Taborsky, „es gibt in Wien viel zu wenig Grün, aus jeder freien Fläche wird sofort ein Parkplatz gemacht. Die Leute kommen inzwischen gar nicht mehr auf die Idee, dass man da auch etwas anderes draus machen kann.“ Wobei den Wiener Gemeinschaftsgärtnerwilligen klar ist, dass sie wahrscheinlich niemals über ähnlich prächtige, kollektiv genutzte Stücke Grünland wie viele Berliner Hobbygärtner verfügen werden. Dafür ist Wien einfach zu dicht bebaut.
Der „Rosa Rose Garten“ in Berlin-Friedrichshain zum Beispiel wurde vor drei Jahren gegründet. Ein paar Leute beschlossen damals, eine 2000 Quadratmeter große, völlig zugemüllte Baulücke zu begrünen – inzwischen ist daraus ein beliebtes Nachbarschaftsprojekt geworden. Streng genommen sind die Rosa-Rose-Gärtner Guerilleros – genau wie die ersten „Community Gardeners“ in New York, die in den Siebzigern ein Loch zwischen zwei Hochhäusern in einen Kleingarten verwandelten: Sie haben sich den Platz nämlich einfach unter den Nagel gerissen, ohne irgendwen um Erlaubnis zu fragen. Man hofft aber, den Grund mittels Stiftung längerfristig nutzen zu dürfen. Die Wiener Gemeinschaftsgärtnertruppe wäre schon froh, wenn sie für ein paar Jahre ein kleines Stückchen Grün ergattern könnte, von 2000 Quadratmetern wagt sie nicht einmal zu träumen. Zumal Madlener, Taborsky und Co kein Schrebergarten am Stadtrand, sondern ein echtes Nachbarschaftsprojekt vorschwebt, vorzugsweise in einem Bezirk, in dem viele Wiener mit Migrationshintergrund leben. Dem gemeinschaftlichen In-der-Erde-Wühlen schreiben Experten hohe Integrationskraft zu – in vielen deutschen Städten pflanzen jedenfalls schon lange Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam Gemüse an – „interkulturelle Gärten“ heißen diese äußerst erfolgreich laufenden Projekte.
An sich sind solche Initiativen eine gute Sache“, sagt der Chef des Wiener Stadtgartenamtes Rainer Weisgram, der nichts gegen von Hobbygärtnern gepflegte, innerstädtische Grünflächen einzuwenden hat. Vor kurzem hat er deshalb auch ein paar Gemeinschaftsgärten in Paris besichtigt. „Das Ganze muss gut geplant sein, und es geht natürlich nicht, dass jetzt jeder Park in ein Gemüsebeet verwandelt wird, aber es spricht nichts dagegen, das auch in Wien zu probieren.“ Dass immer mehr Wienern regelmäßig der grüne Daumen kribbelt, merkt auch der Stadtgartendirektor: Weil einige auf eigene Faust losziehen und ihre Harke in den nächsten Grünstreifen hauen, ist man in ein paar Grätzeln, etwa im Stuwerviertel, dazu übergegangen, Leuten, die das Stückchen Erde um einen Stadtbaum pflegen wollen, ganz offiziell zu überlassen, das Stadtgartenamt bringt auf Wunsch sogar einen kleinen Zaun vorbei. Und auch bei der Begrünung eines Innenhofes – solange er für alle Hausbewohner zugänglich ist – wird man vom Stadtgartenamt unterstützt, in finanzieller wie in fachlicher Hinsicht.
Insgesamt scheint der Trend in Wien aber eher in die entgegengesetzte Richtung zu gehen, meint der renommierte Landschaftsplaner Lorenzo Kárász: „Bei der Freiraumgestaltung von größeren Siedlungen haben wir immer das Problem, dass jeder sein eigenes Stück Gärtchen haben will und sich wenige für eine gemeinschaftlich genutzte Fläche interessieren.“ Kárász führt das auf die „stark ausgeprägte Individualisierung“ hierzulande zurück.
Und was denkt Guerilla-Gardener Richard Reynolds über den Umstand, dass die Wiener solche Gemeinschaftsgartenmuffel sind? „Bei euch gibt es wohl zu wenige vernachlässigte Flächen. Das ist schön, aber auch irgendwie schade, weil euch dadurch einiges entgeht.“ Denn um überhaupt zu merken, wie viel Spaß das gemeinsame Blumen- und Gemüsepflanzen mache, müssten Stadtmenschen erst einmal einfach losgärtnern, ohne Plan. „Wenn uns die Stadtverwaltung dann später unterstützt, ist das toll, aber anfangen müssen wir selbst damit.“
Reynolds ist auch selbst als wilder Gärtner unterwegs. Der Werbefachmann macht sich regelmäßig die Hände schmutzig, um den Londonern zu zeigen, was man aus einer von der Stadtverwaltung vernachlässigten öffentlichen Fläche mit ein bisschen gutem Willen alles machen kann. In der britischen Hauptstadt schlägt sich inzwischen eine ganze Reihe von selbsternannten Stadtverschönerern Nächte um die Ohren, manche schließen sich zu „troops“ zusammen, andere bleiben Einzelkämpfer. Phil, der auf www.guerrillagardening.org seinen persönlichen, mit Blumen ausgetragenen Kleinkrieg gegen das Grau-in-grau beschreibt, ist so ein Single-Guerrillero. Irgendwann hatte er vom bräunlichen Gras, das den Kreisverkehr unter seinem Fenster bedeckte, genug. Er besorgte sich Schaufel, Spaten, zweierlei Blumensamen – und eine leuchtend gelbe Sicherheitsjacke, wie sie Straßenarbeiter nächtens tragen. Diese Tarnmaßnahme hatte er sich von Helmut aus Rotterdam abgeschaut. Das Problem dabei: Phil hatte nicht bedacht, dass die britischen Straßenarbeiter keine gelben, sondern orange Jacken tragen, und so fiel er bei seiner nächtlichen Aktion erst recht auf. Die Männer in Orange, die prompt vorbeikamen, waren aber zum Glück very amused und hielten ihren falschen Kollegen nicht weiter von der Arbeit ab. Auch die Londoner Exekutive lässt die Guerilla Gardeners meistens gewähren, man ist offenbar froh darüber, dass die Leute ihre Nachbarschaft in Eigenregie ein bisschen aufmöbeln.
Wien ist da anders. Hier überlässt man kaum ein Fleckchen öffentliches Grün dem Zufall. Ein paar wilde Gärtner gibt’s trotzdem: Vor ein paar Wochen pflanzten zum Beispiel Unbekannte in einigen U4-Stationen Blumen in die Aschenbecher und befestigten kleine Zettel mit einer Gießkanne daneben. Außerdem teilen manche Stadtbäume ihr kleines Fleckchen Erde mit bunten Gewächsen, die so gar nicht nach Hirschstetten aussehen – also nach den Gärten, aus denen die Wiener Stadtblumen normalerweise herkommen. Und dann wären da noch die Hobbygemüsezüchter, die Verkehrsinseln einzäunen, um dort ein bisschen essbares Grünzeug anzubauen. Insgesamt scheint die Wiener Bevölkerung mit der Arbeit, die die Männer und Frauen vom Stadtgartenamt leisten, aber recht zufrieden zu sein und verzichtet durchwegs auf Eigeninitiative.
Manche wollen aber auch mehr. Nadja Madlener und Ursula Taborsky zum Beispiel. Seit kurzem kümmern sich die beiden, gemeinsam mit einer Reihe von Gartenfans, um ein paar Gemüsebeete. Mehrmals pro Woche schauen sie vorbei, um sich zu vergewissern, dass es den eigenhändig angepflanzten Zucchinis, Kürbissen, Tomaten, Gurken und Bohnen auch gutgeht. Das Besondere an ihrem Minigarten: Er befindet sich in einem öffentlichen Park – mitten in Ottakring. Madlener, die an ihrer von der Wiener Akademie der Wissenschaften finanzierten Dissertation über urbane Gärten in Berlin arbeitet, und Taborsky, die ihre Diplomarbeit dem Thema interkulturelles Gärtnern widmete und derzeit an der Medizin-Uni arbeitet, eröffneten vor kurzem im Huberpark Wiens ersten offiziellen Nachbarschaftsgarten. Die Erlaubnis dafür haben sich die beiden hart erkämpft, denn die Stadtverantwortlichen hielten erst nicht viel von der Idee, im Rahmen von Soho in Ottakring einen Pilotversuch in Sachen Gemeinschaftsgärtnern zu starten. In Städten wie New York, Berlin oder Paris laufen ähnliche Projekte seit Jahren äußerst erfolgreich. „Man hat uns gesagt, wir werden garantiert nicht länger als ein paar Tage durchhalten“, sagt Madlener, „und uns geraten, es wenigstens in einem ,besseren‘ Bezirk versuchen.“ Die zwei ließen sich den Traum vom kollektiven Kleingartenglück im Hackler- und Migrantenbezirk trotzdem nicht madig machen – und erhielten schließlich die Bewilligung vom Stadtgartenamt, im Huberpark ihren „Yppengarten“ zu errichten. Ursprünglich sollte das Ganze im Yppenpark stattfinden, den Namen behielt man der Einfachheit halber bei.
Der erste Rückschlag erfolgte umgehend: Bereits in der ersten Nacht machten sich Vandalen über das Gärtchen her, zertrampelten die Beete, rissen Pflöcke aus und zerstörten Setzlinge. Nach dem ersten Schock sprachen die Hobbygärtnerinnen mit ein paar Kids und baten sie, beim Wiederaufbau zu helfen. Inzwischen sind sechs Wochen vergangen, und weder der Sonnenblume noch dem Häuptelsalat wurde seither je wieder ein Blättchen gekrümmt. Selbst Aufgebautes zerstört man halt nicht so ohne weiteres. Für Madlener und Taborksy ist inzwischen klar, dass ein paar der Jungs, die da mitanpackten, die Spuren ihrer eigenen Zerstörungswut beseitigt haben.
Inzwischen versehen 15 Leute – von der türkischstämmigen Mutter, die jeden Tag ihre Kinder in den kleinen Park hinter den dicken Mauern begleitet, über den Pensionisten, der seinen eigenen Garten in Polen vermisst, bis zur Studentin, die vor der Uni noch schnell vorbeischaut – regelmäßig „Gießdienst“. „Unser Ziel ist, dass das Ganze ein Selbstläufer wird und wir nur noch hin und wieder vorbeikommen“, sagt Madlener, die schon von weiterem beackerbaren Stadtgebiet träumt. Gemeinsam mit einer Gruppe von Gleichgesinnten haben Madlener und Taborsky vor kurzem den Verein „Gartenpolylog“ gegründet. Einige Mitglieder bewirtschaften schon seit längerem Grünflächen am Stadtrand, erklärtes Ziel des Vereins ist es aber, sich nach Berliner Vorbild Brachflächen innerhalb der Stadt zu erobern. „Es geht uns vor allem um Mitgestaltung“, sagt Taborsky, „es gibt in Wien viel zu wenig Grün, aus jeder freien Fläche wird sofort ein Parkplatz gemacht. Die Leute kommen inzwischen gar nicht mehr auf die Idee, dass man da auch etwas anderes draus machen kann.“ Wobei den Wiener Gemeinschaftsgärtnerwilligen klar ist, dass sie wahrscheinlich niemals über ähnlich prächtige, kollektiv genutzte Stücke Grünland wie viele Berliner Hobbygärtner verfügen werden. Dafür ist Wien einfach zu dicht bebaut.
Der „Rosa Rose Garten“ in Berlin-Friedrichshain zum Beispiel wurde vor drei Jahren gegründet. Ein paar Leute beschlossen damals, eine 2000 Quadratmeter große, völlig zugemüllte Baulücke zu begrünen – inzwischen ist daraus ein beliebtes Nachbarschaftsprojekt geworden. Streng genommen sind die Rosa-Rose-Gärtner Guerilleros – genau wie die ersten „Community Gardeners“ in New York, die in den Siebzigern ein Loch zwischen zwei Hochhäusern in einen Kleingarten verwandelten: Sie haben sich den Platz nämlich einfach unter den Nagel gerissen, ohne irgendwen um Erlaubnis zu fragen. Man hofft aber, den Grund mittels Stiftung längerfristig nutzen zu dürfen. Die Wiener Gemeinschaftsgärtnertruppe wäre schon froh, wenn sie für ein paar Jahre ein kleines Stückchen Grün ergattern könnte, von 2000 Quadratmetern wagt sie nicht einmal zu träumen. Zumal Madlener, Taborsky und Co kein Schrebergarten am Stadtrand, sondern ein echtes Nachbarschaftsprojekt vorschwebt, vorzugsweise in einem Bezirk, in dem viele Wiener mit Migrationshintergrund leben. Dem gemeinschaftlichen In-der-Erde-Wühlen schreiben Experten hohe Integrationskraft zu – in vielen deutschen Städten pflanzen jedenfalls schon lange Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam Gemüse an – „interkulturelle Gärten“ heißen diese äußerst erfolgreich laufenden Projekte.
An sich sind solche Initiativen eine gute Sache“, sagt der Chef des Wiener Stadtgartenamtes Rainer Weisgram, der nichts gegen von Hobbygärtnern gepflegte, innerstädtische Grünflächen einzuwenden hat. Vor kurzem hat er deshalb auch ein paar Gemeinschaftsgärten in Paris besichtigt. „Das Ganze muss gut geplant sein, und es geht natürlich nicht, dass jetzt jeder Park in ein Gemüsebeet verwandelt wird, aber es spricht nichts dagegen, das auch in Wien zu probieren.“ Dass immer mehr Wienern regelmäßig der grüne Daumen kribbelt, merkt auch der Stadtgartendirektor: Weil einige auf eigene Faust losziehen und ihre Harke in den nächsten Grünstreifen hauen, ist man in ein paar Grätzeln, etwa im Stuwerviertel, dazu übergegangen, Leuten, die das Stückchen Erde um einen Stadtbaum pflegen wollen, ganz offiziell zu überlassen, das Stadtgartenamt bringt auf Wunsch sogar einen kleinen Zaun vorbei. Und auch bei der Begrünung eines Innenhofes – solange er für alle Hausbewohner zugänglich ist – wird man vom Stadtgartenamt unterstützt, in finanzieller wie in fachlicher Hinsicht.
Insgesamt scheint der Trend in Wien aber eher in die entgegengesetzte Richtung zu gehen, meint der renommierte Landschaftsplaner Lorenzo Kárász: „Bei der Freiraumgestaltung von größeren Siedlungen haben wir immer das Problem, dass jeder sein eigenes Stück Gärtchen haben will und sich wenige für eine gemeinschaftlich genutzte Fläche interessieren.“ Kárász führt das auf die „stark ausgeprägte Individualisierung“ hierzulande zurück.
Und was denkt Guerilla-Gardener Richard Reynolds über den Umstand, dass die Wiener solche Gemeinschaftsgartenmuffel sind? „Bei euch gibt es wohl zu wenige vernachlässigte Flächen. Das ist schön, aber auch irgendwie schade, weil euch dadurch einiges entgeht.“ Denn um überhaupt zu merken, wie viel Spaß das gemeinsame Blumen- und Gemüsepflanzen mache, müssten Stadtmenschen erst einmal einfach losgärtnern, ohne Plan. „Wenn uns die Stadtverwaltung dann später unterstützt, ist das toll, aber anfangen müssen wir selbst damit.“
© Nachdruck bzw. Textübernahme - auch auszugsweise -
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
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