„Österreich, sehr nett!“
![]() |
| |||||||||
diesen Falter bestellen | ||||||||||
Eigentlich hätte es ja nur ein privater Abstecher werden sollen, der Arnold Schwarzenegger und seine älteste Tochter Katherine vor einem Monat für gezählte dreizehn Stunden in die alte Heimat führte. Doch dieses Ansinnen wussten steirische Landespolitiker zu durchkreuzen: Eine regelrechte Groupie-Schar, darunter SPÖ-Landeshauptmann Franz Voves, der steirische ÖVP-Chef Hermann Schützenhöfer und Ex-ÖVP-Bundesrat Alfred Gerstl, der sich gern als Arnies „Ziehvater“ gibt, fing den kalifornischen Gouverneur mit einem dilettantisch organisierten Empfang am Flughafen Thalerhof ab. Als Willkommensgeschenk übergab der Landeschef seinem kalifornischen Amtskollegen eine überdimensionale Kernölflasche. Darüber hatte er sich zuvor gemeinsam mit seinem Vize Schützenhöfer den Kopf zerbrochen, wie Voves betonte. Der Gast war davon so begeistert, dass er sie gleich im Flughafen-Trubel zurückließ. Ein peinlicher Empfang, und wirklich zu sagen hatte man einander auch nichts.
Intuitiv dürfte Schwarzenegger schon geahnt haben, was da auf ihn zukommt: Als er das erste Mal nach drei Jahren wieder steirischen Boden betrat, prangte ein auffälliger Totenkopf-Ring an seinem rechten Ringfinger. Ein Zufall? Bei seinen dem Graz-Abstecher folgenden Treffen mit Frankreichs Neo-Präsidenten Nicolas Sarkozy und Großbritanniens Gerade-Noch-Premier Tony Blair fehlte das für einen Politiker eher unübliche Accessoire jedenfalls. Im steirischen Kontext konnte es durchaus als Provokation empfunden werden: Wollte Schwarzenegger auf die Todesstrafen-Diskussionen und seine Rückgabe des Grazer Ehrenrings vor etwas mehr als zwei Jahren anspielen? Oder einfach – ganz der Hollywoodstar – sagen: „Ihr könnt mich“?
Zwar hegt Arnie für Österreich und die Steiermark nach wie vor private Nostalgien. In erster Linie sind sie für den Politiker Schwarzenegger aber biografisches Rohmaterial, das er ganz nach Bedarf und in zielgruppenspezifischen Dosen so unter das amerikanische Volk bringt, wie er es gerade brauchen kann. Und atmosphärisch kommt ein Österreich-Verweis immer gut: „Ich liebe diesen Wind: Er erinnert mich an Österreich, sehr nett!“, meinte der Governor, der seit 1983 österreichisch-amerikanischer Doppelstaatsbürger ist, jüngst bei einem Auftritt in der Nähe von Sacramento. Aber wie bei vielen anderen Themen zeichnet sich Arnold Schwarzenegger auch in Bezug auf „Heimat“ durch Widersprüchlichkeiten, ja, durch Opportunismus aus. Genau das macht ihn zum gekonnten Populisten und erfolgreichen Politstrategen. Dass diese Rechnung aufgeht, zeigen seine aktuellen Popularitätswerte in Kalifornien: Sechzig Prozent der Kalifornier meinen, er mache einen guten Job.
Anders als mit Nostalgie lässt sich Schwarzeneggers Besuch in der Steiermark kaum erklären. In seinem Geburtsort Thal bei Graz freute er sich besonders darüber, dass sich die Fassade seines Geburtshauses kaum verändert habe, seiner Tochter erzählte er vor Ort Anekdoten aus seiner Thaler Schulzeit. Und dem bislang eher bescheidenen Arnold-Schwarzenegger-Museum am Kirchplatz der Gemeinde ließ er prompt eine Reihe neuer Objekte schicken, die deutlich signalisieren, dass aus dem Thaler Buben ein bedeutender Mann geworden ist – mächtig, zugleich sensibel: eine signierte Kiste mit dicken Schwarzenegger-Zigarren fand sich ebenso im Paket wie ein von Arnold selbstgebastelter Kalender mit naiv gemalten und seiner Familie gewidmeten Aquarellen sowie eine Skulptur, die Schwarzenegger in Rodins Denker-Pose zeigt. Dieser Mann trägt Totenkopf-Ringe?
Unproblematisch war sein Verhältnis zur Heimat nie. Zuletzt war die Situation im Dezember 2005 mit der Umbenennung des Grazer Arnold-Schwarzenegger-Stadions eskaliert. Anlass war die beharrliche Weigerung des Politikers, Gnadengesuchen von Todesstrafen-Kandidaten nachzukommen. Im Moment will von der damaligen Verstimmung kaum jemand mehr etwas wissen, im Gegenteil: „Ich habe mich immer von diesem Schritt distanziert, ich habe das für absolut unangemessen gehalten“, musste Voves noch am Rollfeld erklären. Während Schwarzenegger seine Ruhe haben will, versucht die offizielle Steiermark mit dem gebürtigen Steirer wieder auf engstmögliche Tuchfühlung zu gehen. Doch der hält offenbar nur wenig davon. So hatte eine Delegation steirischer ÖVP-Politiker Schwarzenegger vor einigen Monaten sogar in Los Angeles besucht, Landeshauptmannstellvertreter Schützenhöfer verkündete nach seiner Rückkehr vollmundig künftige Kooperationen in Schilehre und Weinbau. Nur: Die amtliche Homepage des Governors verliert darüber keine Silbe.
Sein Heimatland sowie biografische Facetten erwähnt Schwarzenegger vorwiegend dann, wenn sie sich in politischen Diskursen gewinnbringend verwerten lassen. Etwa, wenn er für berufsbildende Schulen in Kalifornien plädiert und diese Forderung mit persönlichen, besonders positiv dargestellten Erfahrungen seiner Berufsschulzeit untermauert. Oder wenn er – wie 2004 als Hauptredner einer republikanischen Wahlversammlung – für Stimmung sorgt, indem er über seine Erfahrungen mit dem Kommunismus und seiner Begegnung mit sowjetischen Panzern spricht. Ein anderes Mal meinte er gar, Österreich sei nach dem Abzug der Sowjets ein sozialistisches Land geworden. Freilich war die Aufregung in der ÖVP damals groß, in den USA aber kam dieses Kommunisten- und Sozialistenbashing gut an.
Amerika-kompatible Zuspitzungen und mitunter auch sachte Verdrehungen gehörten seit seiner Bodybuilder-Zeit in Übersee zu Schwarzeneggers Standardrepertoire. Aus seinem Vater, dem Gendarmerie-Revierinspektor Gustav Schwarzenegger, dem disziplinäre Probleme nachgesagt wurden, machte er in den Siebzigern einen „Polizeichef in einem Ort namens Graz“. Und sein Freund, der damalige Medizinstudent Karl Gerstl, wurde in seiner ersten Autobiografie „The Education of a Bodybuilder“ (1979) zum fertig ausgebildeten Arzt und zumindest um acht Jahre älter. Auch die zentrale Rolle von Karls Vater Alfred Gerstl in der offiziellen Biografie Schwarzeneggers als väterlicher Mentor des jugendlichen Bodybuilders wurde erst relativ spät konstruiert.
Widersprüchlich ging Schwarzenegger mit Österreichs Nazi-Vergangenheit um – im Lauf der Jahre sandte er starke Signale sowohl in Richtung der Linken als auch der Rechten. Aus einer österreichischen Perspektive stellte er sich der Geschichte der Heimat sowie der seines Vaters bisweilen sogar vorbildhaft. Wiederholt fand er verurteilende Worte zum NS-Regime, bereits Mitte der Achtzigerjahre bat er das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles um Aufklärung über die Vergangenheit seines 1972 verstorbenen Vaters, der Mitglied der NSDAP und – wie erst 2003 bekannt wurde – auch der SA gewesen war. Zudem avancierte Schwarzenegger zu einem der wichtigsten Sponsoren dieser Institution und besuchte Simon Wiesenthal mehrere Male privat in Wien.
Zwischenzeitig hatte er zu dem Thema allerdings auch mit verstörenderen Tönen aufhorchen lassen. Im Jahr 2003, mitten im kalifornischen Wahlkampf, tauchten markige Passagen in Interviews auf, die für den 1977 erschienenen Dokumentarfilm „Pumping Iron“ geführt worden waren. „Ich habe immer von sehr mächtigen Menschen geträumt“, sagt der damalige Bodybuilder in dem Streifen. „Von Diktatoren. Ich war immer von Menschen beeindruckt, an die man sich Jahrhunderte erinnerte oder wie Jesus sogar Tausende Jahre lang.“
Mehr noch soll Schwarzenegger im Zuge der Dreharbeiten auch seiner angeblichen Bewunderung für Hitler Ausdruck verliehen haben. Die betreffende Stelle wurde allerdings für den Film nicht verwendet – was Arnold damals wirklich gesagt hat, ist nicht mehr zu erfahren. Denn noch vor Beginn seiner politischen Karriere hatte Schwarzenegger alle nicht im Film verwendeten Rohmaterialien aufgekauft – rigorose Bildkontrolle zählt zu einem Standardverfahren des früheren Schauspielers. Eine heftige Vergangenheitsdiskussion folgte, kurzfristig drohte sogar der weitgehend erfolgreiche Wahlkampf zu kippen. Erst eine Entlastungsoffensive, unter anderem auch mit Grazer Beteiligung, sorgte für Beruhigung.
Nicht immer gelang es Schwarzenegger, sein Verhältnis zur Heimat und zur eigenen Geschichte derart erfolgreich zu kontrollieren. Manchmal holte ihn die Heimat auch einfach ein. So sah er sich 1986 mit Nazi-Vorwürfen aus Österreich konfrontiert, weil er den ÖVP-Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim mit einer Erklärung unterstützte und zu seiner Hochzeit mit Maria Shriver einlud – zu einem Zeitpunkt, als die Debatte um das Verschweigen von Waldheims Kriegsvergangenheit voll entbrannt war. Und obwohl Waldheim einen Tag nach der Vermählung auf die Watchlist kam, besuchte Schwarzenegger den Bundespräsidenten privat nur wenige Monate später. In den folgenden Jahren jedoch ging Schwarzenegger zunehmend auf Distanz zu Waldheim. Selbst beim Begräbnis von Thomas Klestil, als die einander gut bekannten Politiker am Grab nebeneinander standen, signalisierte Schwarzenegger durch seine Körpersprache, dass er mit Waldheim nichts mehr zu tun haben wollte. Auch zu Waldheims Tod schwieg Kaliforniens Governor.
Das Widersprüchliche, das Schwarzenegger in seinem Umgang mit Österreich an den Tag legt, ist dabei nur symptomatisch für seinen Umgang auch mit anderen Themen. Als Bodybuilder, als Schauspieler, als Politiker: Schwarzenegger hat sich konsequent aufgebaut und neu erfunden, auch wenn dadurch biografische Brüche entstanden. Jahrelang fuhr er seinen extreme Benzinmengen fressenden Hummer. Erst als er witterte, dass auch in den USA Ökologie hip wird, rüstete er seine Wägen auf Biodiesel und Wasserstoff um und gibt sich nun als Klimaschutzapostel. Und während er einerseits seine Homepage in Englisch als auch Spanisch führt, fordert er andererseits die vorwiegend aus Mexiko stammenden Hispanics dazu auf, ihr spanischsprachiges Fernsehen auszuschalten.
Provokation war in dieser Strategie immer auch Teil des Plans. Der Totenkopf-Ring lässt grüßen. Auch für ein gemeinsames „Time“-Cover mit dem New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg ließ er sich kürzlich mit einer Totenkopf-Gürtelschnalle ablichten. Das war durchaus gegen Washington gerichtet. Und wenn er die Lacher auf seiner Seite wähnt, darf es auch schon einmal unkorrekt zugehen. Da lässt er auch Sexismus nicht aus und greift – wie im letzten Wahlkampf gegenüber seiner Konkurrentin Arianna Huffington – tief in diese Kiste. 2004 bezeichnete er politische Gegner als „girlie men“, was zusätzlich empörte Homosexuellen-Initiativen auf den Plan rief. Übernommen hat Schwarzenegger diese Methoden aus dem Bodybuilding- ebenso wie aus dem Show-Business. Sein Biograf Joe Matthews schreibt in diesem Zusammenhang von „Blockbuster-Demokratie“, von einer nach den Marketingmechanismen Hollywoods ablaufenden Politik. Die bringt ihm zwar Skandale ein, in Summe ist er damit bis jetzt jedoch gut gefahren. So wendig Schwarzenegger dabei im Einzelfall agiert – auch darin ist sich der Mann in gewisser Weise treu geblieben. Schon der jugendliche Muskelprotz aus Thal habe sich, wie zahlreiche Zeitzeugen zu berichten wissen, durch enormes, schwer nachvollziehbares Selbstbewusstsein, gepaart mit einer unbändigen Lust zur Provokation, ausgezeichnet. Arnie kann’s nicht lassen. Aber er kann es auch sensibler ausdrücken: „Ich liebe Österreich und die Österreicher. Aber ich wusste immer, dass Amerika mein Ort ist.“
Intuitiv dürfte Schwarzenegger schon geahnt haben, was da auf ihn zukommt: Als er das erste Mal nach drei Jahren wieder steirischen Boden betrat, prangte ein auffälliger Totenkopf-Ring an seinem rechten Ringfinger. Ein Zufall? Bei seinen dem Graz-Abstecher folgenden Treffen mit Frankreichs Neo-Präsidenten Nicolas Sarkozy und Großbritanniens Gerade-Noch-Premier Tony Blair fehlte das für einen Politiker eher unübliche Accessoire jedenfalls. Im steirischen Kontext konnte es durchaus als Provokation empfunden werden: Wollte Schwarzenegger auf die Todesstrafen-Diskussionen und seine Rückgabe des Grazer Ehrenrings vor etwas mehr als zwei Jahren anspielen? Oder einfach – ganz der Hollywoodstar – sagen: „Ihr könnt mich“?
Zwar hegt Arnie für Österreich und die Steiermark nach wie vor private Nostalgien. In erster Linie sind sie für den Politiker Schwarzenegger aber biografisches Rohmaterial, das er ganz nach Bedarf und in zielgruppenspezifischen Dosen so unter das amerikanische Volk bringt, wie er es gerade brauchen kann. Und atmosphärisch kommt ein Österreich-Verweis immer gut: „Ich liebe diesen Wind: Er erinnert mich an Österreich, sehr nett!“, meinte der Governor, der seit 1983 österreichisch-amerikanischer Doppelstaatsbürger ist, jüngst bei einem Auftritt in der Nähe von Sacramento. Aber wie bei vielen anderen Themen zeichnet sich Arnold Schwarzenegger auch in Bezug auf „Heimat“ durch Widersprüchlichkeiten, ja, durch Opportunismus aus. Genau das macht ihn zum gekonnten Populisten und erfolgreichen Politstrategen. Dass diese Rechnung aufgeht, zeigen seine aktuellen Popularitätswerte in Kalifornien: Sechzig Prozent der Kalifornier meinen, er mache einen guten Job.
Anders als mit Nostalgie lässt sich Schwarzeneggers Besuch in der Steiermark kaum erklären. In seinem Geburtsort Thal bei Graz freute er sich besonders darüber, dass sich die Fassade seines Geburtshauses kaum verändert habe, seiner Tochter erzählte er vor Ort Anekdoten aus seiner Thaler Schulzeit. Und dem bislang eher bescheidenen Arnold-Schwarzenegger-Museum am Kirchplatz der Gemeinde ließ er prompt eine Reihe neuer Objekte schicken, die deutlich signalisieren, dass aus dem Thaler Buben ein bedeutender Mann geworden ist – mächtig, zugleich sensibel: eine signierte Kiste mit dicken Schwarzenegger-Zigarren fand sich ebenso im Paket wie ein von Arnold selbstgebastelter Kalender mit naiv gemalten und seiner Familie gewidmeten Aquarellen sowie eine Skulptur, die Schwarzenegger in Rodins Denker-Pose zeigt. Dieser Mann trägt Totenkopf-Ringe?
Unproblematisch war sein Verhältnis zur Heimat nie. Zuletzt war die Situation im Dezember 2005 mit der Umbenennung des Grazer Arnold-Schwarzenegger-Stadions eskaliert. Anlass war die beharrliche Weigerung des Politikers, Gnadengesuchen von Todesstrafen-Kandidaten nachzukommen. Im Moment will von der damaligen Verstimmung kaum jemand mehr etwas wissen, im Gegenteil: „Ich habe mich immer von diesem Schritt distanziert, ich habe das für absolut unangemessen gehalten“, musste Voves noch am Rollfeld erklären. Während Schwarzenegger seine Ruhe haben will, versucht die offizielle Steiermark mit dem gebürtigen Steirer wieder auf engstmögliche Tuchfühlung zu gehen. Doch der hält offenbar nur wenig davon. So hatte eine Delegation steirischer ÖVP-Politiker Schwarzenegger vor einigen Monaten sogar in Los Angeles besucht, Landeshauptmannstellvertreter Schützenhöfer verkündete nach seiner Rückkehr vollmundig künftige Kooperationen in Schilehre und Weinbau. Nur: Die amtliche Homepage des Governors verliert darüber keine Silbe.
Sein Heimatland sowie biografische Facetten erwähnt Schwarzenegger vorwiegend dann, wenn sie sich in politischen Diskursen gewinnbringend verwerten lassen. Etwa, wenn er für berufsbildende Schulen in Kalifornien plädiert und diese Forderung mit persönlichen, besonders positiv dargestellten Erfahrungen seiner Berufsschulzeit untermauert. Oder wenn er – wie 2004 als Hauptredner einer republikanischen Wahlversammlung – für Stimmung sorgt, indem er über seine Erfahrungen mit dem Kommunismus und seiner Begegnung mit sowjetischen Panzern spricht. Ein anderes Mal meinte er gar, Österreich sei nach dem Abzug der Sowjets ein sozialistisches Land geworden. Freilich war die Aufregung in der ÖVP damals groß, in den USA aber kam dieses Kommunisten- und Sozialistenbashing gut an.
Amerika-kompatible Zuspitzungen und mitunter auch sachte Verdrehungen gehörten seit seiner Bodybuilder-Zeit in Übersee zu Schwarzeneggers Standardrepertoire. Aus seinem Vater, dem Gendarmerie-Revierinspektor Gustav Schwarzenegger, dem disziplinäre Probleme nachgesagt wurden, machte er in den Siebzigern einen „Polizeichef in einem Ort namens Graz“. Und sein Freund, der damalige Medizinstudent Karl Gerstl, wurde in seiner ersten Autobiografie „The Education of a Bodybuilder“ (1979) zum fertig ausgebildeten Arzt und zumindest um acht Jahre älter. Auch die zentrale Rolle von Karls Vater Alfred Gerstl in der offiziellen Biografie Schwarzeneggers als väterlicher Mentor des jugendlichen Bodybuilders wurde erst relativ spät konstruiert.
Widersprüchlich ging Schwarzenegger mit Österreichs Nazi-Vergangenheit um – im Lauf der Jahre sandte er starke Signale sowohl in Richtung der Linken als auch der Rechten. Aus einer österreichischen Perspektive stellte er sich der Geschichte der Heimat sowie der seines Vaters bisweilen sogar vorbildhaft. Wiederholt fand er verurteilende Worte zum NS-Regime, bereits Mitte der Achtzigerjahre bat er das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles um Aufklärung über die Vergangenheit seines 1972 verstorbenen Vaters, der Mitglied der NSDAP und – wie erst 2003 bekannt wurde – auch der SA gewesen war. Zudem avancierte Schwarzenegger zu einem der wichtigsten Sponsoren dieser Institution und besuchte Simon Wiesenthal mehrere Male privat in Wien.
Zwischenzeitig hatte er zu dem Thema allerdings auch mit verstörenderen Tönen aufhorchen lassen. Im Jahr 2003, mitten im kalifornischen Wahlkampf, tauchten markige Passagen in Interviews auf, die für den 1977 erschienenen Dokumentarfilm „Pumping Iron“ geführt worden waren. „Ich habe immer von sehr mächtigen Menschen geträumt“, sagt der damalige Bodybuilder in dem Streifen. „Von Diktatoren. Ich war immer von Menschen beeindruckt, an die man sich Jahrhunderte erinnerte oder wie Jesus sogar Tausende Jahre lang.“
Mehr noch soll Schwarzenegger im Zuge der Dreharbeiten auch seiner angeblichen Bewunderung für Hitler Ausdruck verliehen haben. Die betreffende Stelle wurde allerdings für den Film nicht verwendet – was Arnold damals wirklich gesagt hat, ist nicht mehr zu erfahren. Denn noch vor Beginn seiner politischen Karriere hatte Schwarzenegger alle nicht im Film verwendeten Rohmaterialien aufgekauft – rigorose Bildkontrolle zählt zu einem Standardverfahren des früheren Schauspielers. Eine heftige Vergangenheitsdiskussion folgte, kurzfristig drohte sogar der weitgehend erfolgreiche Wahlkampf zu kippen. Erst eine Entlastungsoffensive, unter anderem auch mit Grazer Beteiligung, sorgte für Beruhigung.
Nicht immer gelang es Schwarzenegger, sein Verhältnis zur Heimat und zur eigenen Geschichte derart erfolgreich zu kontrollieren. Manchmal holte ihn die Heimat auch einfach ein. So sah er sich 1986 mit Nazi-Vorwürfen aus Österreich konfrontiert, weil er den ÖVP-Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim mit einer Erklärung unterstützte und zu seiner Hochzeit mit Maria Shriver einlud – zu einem Zeitpunkt, als die Debatte um das Verschweigen von Waldheims Kriegsvergangenheit voll entbrannt war. Und obwohl Waldheim einen Tag nach der Vermählung auf die Watchlist kam, besuchte Schwarzenegger den Bundespräsidenten privat nur wenige Monate später. In den folgenden Jahren jedoch ging Schwarzenegger zunehmend auf Distanz zu Waldheim. Selbst beim Begräbnis von Thomas Klestil, als die einander gut bekannten Politiker am Grab nebeneinander standen, signalisierte Schwarzenegger durch seine Körpersprache, dass er mit Waldheim nichts mehr zu tun haben wollte. Auch zu Waldheims Tod schwieg Kaliforniens Governor.
Das Widersprüchliche, das Schwarzenegger in seinem Umgang mit Österreich an den Tag legt, ist dabei nur symptomatisch für seinen Umgang auch mit anderen Themen. Als Bodybuilder, als Schauspieler, als Politiker: Schwarzenegger hat sich konsequent aufgebaut und neu erfunden, auch wenn dadurch biografische Brüche entstanden. Jahrelang fuhr er seinen extreme Benzinmengen fressenden Hummer. Erst als er witterte, dass auch in den USA Ökologie hip wird, rüstete er seine Wägen auf Biodiesel und Wasserstoff um und gibt sich nun als Klimaschutzapostel. Und während er einerseits seine Homepage in Englisch als auch Spanisch führt, fordert er andererseits die vorwiegend aus Mexiko stammenden Hispanics dazu auf, ihr spanischsprachiges Fernsehen auszuschalten.
Provokation war in dieser Strategie immer auch Teil des Plans. Der Totenkopf-Ring lässt grüßen. Auch für ein gemeinsames „Time“-Cover mit dem New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg ließ er sich kürzlich mit einer Totenkopf-Gürtelschnalle ablichten. Das war durchaus gegen Washington gerichtet. Und wenn er die Lacher auf seiner Seite wähnt, darf es auch schon einmal unkorrekt zugehen. Da lässt er auch Sexismus nicht aus und greift – wie im letzten Wahlkampf gegenüber seiner Konkurrentin Arianna Huffington – tief in diese Kiste. 2004 bezeichnete er politische Gegner als „girlie men“, was zusätzlich empörte Homosexuellen-Initiativen auf den Plan rief. Übernommen hat Schwarzenegger diese Methoden aus dem Bodybuilding- ebenso wie aus dem Show-Business. Sein Biograf Joe Matthews schreibt in diesem Zusammenhang von „Blockbuster-Demokratie“, von einer nach den Marketingmechanismen Hollywoods ablaufenden Politik. Die bringt ihm zwar Skandale ein, in Summe ist er damit bis jetzt jedoch gut gefahren. So wendig Schwarzenegger dabei im Einzelfall agiert – auch darin ist sich der Mann in gewisser Weise treu geblieben. Schon der jugendliche Muskelprotz aus Thal habe sich, wie zahlreiche Zeitzeugen zu berichten wissen, durch enormes, schwer nachvollziehbares Selbstbewusstsein, gepaart mit einer unbändigen Lust zur Provokation, ausgezeichnet. Arnie kann’s nicht lassen. Aber er kann es auch sensibler ausdrücken: „Ich liebe Österreich und die Österreicher. Aber ich wusste immer, dass Amerika mein Ort ist.“
© Nachdruck bzw. Textübernahme - auch auszugsweise -
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.


