Piraten gehen nicht unter
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Jeden Tag besucht Paul (Name geändert) die Webseite thepiratebay.org. Dort sucht er nach „Torrent“-Files. Diese öffnet er dann auf seinem Computer mit einem Downloadprogramm. Und schon startet die Verbindung: Fast 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche saugt der Biologiestudent Daten aus dem Netz – urheberrechtlich geschützte Daten. Paul ist das, was die Filmwirtschaft einen „Raubkopierer“ nennt. Er selbst bezeichnet sich als „Filesharer“. Wer in Pauls WG-Zimmer steht, erahnt sofort, dass er ein Internetpirat ist. Sein Computer ist mit dem Videobeamer verbunden. Im großen Regal stehen Hunderte selbstgebrannte DVDs. Keinen Cent hat Paul dafür gezahlt. Dem 28-jährigen Wiener imponieren die Betreiber von The Pirate Bay. „Es ist cool, was die sich trauen“, sagt er.
Das Internetportal Pirate Bay dient für Filesharer wie Paul als Suchmaschine, über die sie Zugang zu Filmen und Musik bekommen. Vor wenigen Tagen feierte die Seite einen neuen Rekord: Zehn Millionen User luden gleichzeitig mithilfe der Seite Dateien herunter. Zum Vergleich: Ungefähr gleich viele Benutzer loggen sich gleichzeitig beim populären Internettelefonie-Anbieter Skype ein. The Pirate Bay ist nicht nur das größte Filesharing-Netzwerk der Welt. Es ist auch die Galionsfigur in einem Glaubenskrieg. Trotz unzähliger Klagsandrohungen, trotz einer harschen Razzia im Jahr 2006 zeigt das Portal Hollywood den Stinkefinger. Da werden Klagsandrohungen auf der Website publiziert und rotznäsig beantwortet. Im Gespräch mit dem Falter erklärt Pirate-Bay-Sprecher Peter Sunde diese Strategie so: „Wenn im Wald ein Bär auf dich zurennt und du läufst davon, dann gewinnt er. Aber wenn du stehenbleibst und ihn anschreist, wird er wegrennen – weil er selbst Angst bekommt.“ Der 29-jährige Sunde betreibt gemeinsam mit Fredrik Neij, 29, und Gottfrid Svartholm, 23, das Internetportal. In der Community sind die Burschen besser unter ihren Nicknames „brokep“, „TiAMO“ und „anakata“ bekannt.
Jetzt wurden die drei von der schwedischen Staatsanwaltschaft angeklagt – wegen der Mithilfe bei Urheberrechtsverletzungen sowie der Vorbereitung von Urheberrechtsverletzungen. Auch der schwedische Unternehmer Carl Lundström ist mitangeklagt. Bisweilen ist seine genaue Verbindung zur Seite aber unklar. Den vier Beschuldigten drohen in Schweden bis zu zwei Jahre Haft. In typischer Pirate-Bay-Manier erklären die drei Schweden unverfroren auf ihrer Website: „Falls wir das Verfahren verlieren (ja, genau), wird es keine Veränderungen geben. The Pirate Bay wird gleich funktionieren wie immer.“
Auch wenn sich die Piraten betont locker geben, wird der kommende Prozess eine Nervenprobe für die drei sein. Ähnliche Fälle in anderen Ländern führten zu Schuldsprüchen. Sunde, Neij und Svartholm wollen notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof gehen. Doch dieser Fall ist mehr als ein juristisches Geplänkel. Es geht um einen Glaubenskrieg zwischen Internetpiraten und Medienindustrie. Und es ist ein höchst persönlicher Prozess.
Jahrelang haben sich die Betreiber der Pirate Bay über große Companys wie Time Warner oder Emi lustig gemacht. Während andere Portale von den Briefen der Rechtsanwälte verängstigt wurden, reagierten die drei Schweden mit Hohn. Sie schrieben etwa: „Vielleicht ist es Ihnen bewusst, vielleicht auch nicht. Schweden ist kein Staat in den USA, sondern ein Land in Nordeuropa. (...) Es ist unsere Meinung und die unserer Rechtsanwälte, dass Sie ... Deppen sind und dass Sie sich bitte mit ausziehbaren Schlagstöcken sodomisieren sollen.“
Für die einen sind die drei Jungs hinter der Piratenbucht tapfere Rowdies, für die anderen unreife Kriminelle. Dass die Angeklagten nach dem Prozess freigehen, ist für Sara Lindbäck undenkbar. Die Juristin des schwedischen Antipirateriebüros sagt: „Sie haben illegales Filesharing ermöglicht, sie haben den Urheberrechtsbesitzern geschadet und sie haben damit selbst Profit gemacht.“ Das klingt logisch. Aus juristischer Sicht ist der Fall komplizierter. Technisch betrachtet ist die Pirate Bay nämlich, ähnlich wie Google, eine Suchmaschine. Peter Sunde sagt: „Auf unseren Servern ist kein urheberrechtlich geschütztes Material zu finden. Wir sind nur ein generelles Vertriebssystem für alle Arten von Inhalten.“ Auch über die Post könne man illegales Material an Freunde versenden.
Staatsanwalt Håkan Roswall hat nun über 4000 Seiten Beweismaterial gesammelt. Die Anklageschrift ist 25 Seiten lang. Roswall ist zu keiner Stellungnahme bereit. Sein Ziel ist aber, die Angeklagten als gewerblich handelnde Kriminelle zu entlarven. Das wird schwierig. Die Anklage stützt ihren Fall exemplarisch auf 21 Musikalben, neun Filme und vier Computerspiele, die über The Pirate Bay zu finden waren. Für eine Verurteilung muss Roswall beweisen können, dass die Angeklagten in diesen Fällen die eindeutige Absicht hatten, dass es zu Urheberrechtsverletzungen kommt, oder dass sie zumindest grob fahrlässig gehandelt haben.
„Womöglich gelingt das der Staatsanwaltschaft“, meint Daniel Westman, Rechtsinformatiker an der Universität Stockholm. Für den Juristen stellt sich aber eine grundsätzliche Frage: Wenn die Betreiber der Pirate Bay für Inhalte verantwortlich gemacht werden, die ihre Benutzer untereinander austauschen, welche Auswirkung hätte dieses Urteil dann für andere Webseiten? Ist Google für alle Links verantwortlich, auf denen etwas Rechtswidriges zu finden ist? Internetpiraten wie die drei Schweden nutzen jedes legale Schlupfloch. „Aber es ist ein heißes Eisen, ob man den Serviceanbietern eine zu große Verantwortung für das Verhalten ihrer User aufbürden soll“, sagt Westman.
Der Fall kratzt auch am Image der Piraten. Sie stehen nun unter dem Verdacht, Profit mit der Seite gemacht zu haben – das Antipirateriebüro spricht von drei Millionen US-Dollar im Jahr. Peter Sunde weist das empört von sich. „Jeder von uns hat einen richtigen Job. Niemand bekommt ein Gehalt von der Pirate Bay“, sagt er. All die Werbeeinnahmen seien gänzlich in die Infrastruktur der Seite – etwa Server und Internetverbindung – gegangen. Aber auch, wenn nur ein ganz kleiner Betrag als Profit übrigblieb, würde das bei einer Verurteilung das Strafmaß erhöhen. Denn dann würde es sich um eine gewerbliche Nutzung handeln.
Zwei Jahre schwedische Gardinen sind trotzdem unrealistisch. Und selbst wenn die Betreiber für ein paar Monate ins Gefängnis müssten, geht die Pirate Bay nicht unter. Die drei haben sich auf diesen Moment vorbereitet. Nachdem die Polizei bei ihnen im Mai 2006 eine Razzia durchführte, haben sie die Infrastruktur des Webportals ins Ausland abgezogen. „Unsere Server sind über verschiedene Länder hinweg verteilt und nicht an einem, sondern an vier, fünf verschiedenen Orten“, sagt Sunde. Da bleibt auch ein schwedisches Gericht machtlos: Es bräuchte erneut vier, fünf verschiedene Gerichtsurteile, um The Pirate Bay abzudrehen.
Die Filesharer spielen ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Justiz. Für jede Seite, die geschlossen wird, folgen etliche neue. Und die Technik der Tauschbörsen wird immer raffinierter. So arbeitet Fredrik Neij, einer der Pirate-Bay-Gründer, momentan an einer neuen, anonymeren Tauschbörse. Dass sich die schwedischen Piraten ab Frühling oder Sommer vor Gericht verantworten müssen, mag ein Sieg für die Medienindustrie sein – aber es ist ein großteils symbolischer, meint Eric Garland, Geschäftsführer des amerikanischen Marktforschers BigChampagne. Er sagt: „Die Zahl der Filesharer ist in den letzten Jahren dauernd gewachsen. Mittlerweile könnten es sogar mehr als hundert Millionen Menschen sein.“
Die netzartige Struktur des Internets macht eine Verfolgung von Filesharern schwierig. Aber die Ursachen für das Phänomen liegen wesentlich tiefer: Seitdem Napster den Tausch von MP3s populär machte und daraufhin bankrottgeklagt wurde, haben sich die Fronten im Urheberrechtsstreit verhärtet. Auf der einen Seite steht die Kreativbranche, die um ihr Überleben fürchet. Die Musikindustrie rechnet mit weltweit 3,7 Milliarden Dollar Schaden durch die Tauschbörsen. Eine deutsche Studie der Universität Weimar besagt, dass der deutschen Filmbranche aufgrund der Downloads jährlich über 190 Millionen Euro entgehen. Dem stehen wiederum Millionen User gegenüber, von denen sich viele kriminalisiert fühlen: Als die Generation Napster Ende der Neunziger zu downloaden begann, war niemandem bewusst, dass er womöglich das Urheberrecht verletzt. Dann folgten Klagen, und weltweit wurde das Urheberrecht verschärft. Als die Lobbys der Kreativbranche mit Slogans wie „Raubkopierer sind Verbrecher“ eine Aufklärungskampagne starteten, hatten sie den Public-Relations-Wettstreit längst verloren. Kein Unternehmen gewinnt dadurch Sympathien, Konsumenten vor Gericht zu zerren oder diese mittels Kopierschutz zu bevormunden. Selbst wenn diese Maßnahmen ein panischer Akt der Selbstverteidigung sind.
Peter Sunde verliert keinen Schlaf darüber, dass er Terabytes an Filmen und Musik aus dem Netz geladen hat. Er fühlt sich vollkommen im Recht und sagt: „Die Industrie lehnt es ab, sich zu verändern. Aber Filesharing ist die Zukunft. Das haben die Menschen so beschlossen. Und der Industrie ist nicht rechtzeitig eine bessere Antwort eingefallen.“ Für den 29-Jährigen ist Downloaden wie eine Ideologie. Er weist darauf hin, dass er heute mehr Geld für Konzerte ausgibt als früher. Und wenn die Plattenlabels verrecken, ist ihm das egal.
„Problematisch ist, dass das eine Diskussion zwischen zwei Seiten ist, die radikale Positionen vertreten“, meint der Rechtsinformatiker Westman. Während die Lobbys der Medienindustrie für ein noch härteres Urheberrecht werben, wollen die Piraten alles legalisieren. Beides ist selbstgerecht. Heute entlarvt jeder Jugendliche den Slogan „Raubkopierer sind Verbrecher“ als Einschüchterungstaktik, denn Ladendiebstahl und das Kopieren von geistigem Eigentum sind keinesfalls auf der gleichen Ebene angesiedelt. Gleichzeitig fehlt vielen Downloadern das Bewusstsein, dass ihre Handlungen Konsequenzen mit sich bringen – und zwar nicht nur für gierige Konzernchefs in Kalifornien, sondern auch für Plattenläden in Wien, wie zum Beispiel das Black Market, das unlängst zusperren musste.
„Wir müssen mit diesem Schwarzweißdenken aufhören“, meint Roger Wallis, schwedischer Experte für Medientechnologie. Neben seinem Lehrberuf am Königlichen Institut für Technologie ist er Komponist. Er hat einen Vorschlag, wie man die Filesharer legalisieren, aber trotzdem an geistigem Eigentum etwas verdienen kann: „Eine monatliche Gebühr, die alle Internetbenützer zahlen“, sagt er. Freilich missfällt der Gedanke einer Zwangsgebühr vielen. Aber es ist zumindest ein Diskussionsvorschlag. Denn selbst zehn Jahre nach dem Start von Napster hat es die Medienindustrie noch immer nicht geschafft, eine Vielfalt an legalen Onlineservices anzubieten. In den USA verkauft iTunes zwar längst für 1,99 Dollar Fernsehsendungen, wer in Österreich hingegen den Start einer neuen US-Serie miterleben möchte, kann sich einen Transatlantikflug leisten – oder The Pirate Bay besuchen.
Es gibt Anzeichen dafür, dass die Wirtschaft langsam umdenkt. In den USA und in Großbritannien bieten etliche Fernsehstationen Sendungen gratis online an – dafür schauen die User dabei Werbung. Und auch die Labels rücken davon ab, ihren Konsumenten mittels Digital Rights Management vorzuschreiben, was sie mit einem gekauften Produkt tun dürfen und was nicht. Das Ganze ist für die Kreativbranche auch eine Zitterpartie. Funktionierende Geschäftsmodelle fehlen noch. Die Gefahr ist, dass bei den neuen Vertriebswegen manche Urheber übergangen werden – wie der US-Autorenstreik bereits zeigt.
Selbst in einer Flut an Klagen werden die Internetpiraten nicht untergehen. Diese haben eher zur Folge, dass die Fronten im Glaubenskrieg weiter auseinanderdriften. Es braucht stattdessen Strategien, damit die Piraten freiwillig aufgeben. Konsumentenfreundliche Angebote spielen dabei eine wesentliche Rolle. Diese Erfahrung machte auch der Wiener Tauschbörsen-User Paul. Er lädt seit ein paar Wochen zunehmend weniger aus dem Netz. „Mit ein paar technischen Tricks kann ich mir auch die Serien auf den Webseiten der amerikanischen Fernsehsender ansehen“, sagt er. Sich um ein paar Länderfilter herumzuschummeln, ist zwar auch nicht die feine Art – aber es ist zumindest nicht illegal. Und wenn Paul die Wahl hat zwischen kostenlosem High-Definition-Video aus rechtmäßiger oder unrechtmäßiger Quelle, zieht selbst er die Piratenflagge ein.
Das Internetportal Pirate Bay dient für Filesharer wie Paul als Suchmaschine, über die sie Zugang zu Filmen und Musik bekommen. Vor wenigen Tagen feierte die Seite einen neuen Rekord: Zehn Millionen User luden gleichzeitig mithilfe der Seite Dateien herunter. Zum Vergleich: Ungefähr gleich viele Benutzer loggen sich gleichzeitig beim populären Internettelefonie-Anbieter Skype ein. The Pirate Bay ist nicht nur das größte Filesharing-Netzwerk der Welt. Es ist auch die Galionsfigur in einem Glaubenskrieg. Trotz unzähliger Klagsandrohungen, trotz einer harschen Razzia im Jahr 2006 zeigt das Portal Hollywood den Stinkefinger. Da werden Klagsandrohungen auf der Website publiziert und rotznäsig beantwortet. Im Gespräch mit dem Falter erklärt Pirate-Bay-Sprecher Peter Sunde diese Strategie so: „Wenn im Wald ein Bär auf dich zurennt und du läufst davon, dann gewinnt er. Aber wenn du stehenbleibst und ihn anschreist, wird er wegrennen – weil er selbst Angst bekommt.“ Der 29-jährige Sunde betreibt gemeinsam mit Fredrik Neij, 29, und Gottfrid Svartholm, 23, das Internetportal. In der Community sind die Burschen besser unter ihren Nicknames „brokep“, „TiAMO“ und „anakata“ bekannt.
Jetzt wurden die drei von der schwedischen Staatsanwaltschaft angeklagt – wegen der Mithilfe bei Urheberrechtsverletzungen sowie der Vorbereitung von Urheberrechtsverletzungen. Auch der schwedische Unternehmer Carl Lundström ist mitangeklagt. Bisweilen ist seine genaue Verbindung zur Seite aber unklar. Den vier Beschuldigten drohen in Schweden bis zu zwei Jahre Haft. In typischer Pirate-Bay-Manier erklären die drei Schweden unverfroren auf ihrer Website: „Falls wir das Verfahren verlieren (ja, genau), wird es keine Veränderungen geben. The Pirate Bay wird gleich funktionieren wie immer.“
Auch wenn sich die Piraten betont locker geben, wird der kommende Prozess eine Nervenprobe für die drei sein. Ähnliche Fälle in anderen Ländern führten zu Schuldsprüchen. Sunde, Neij und Svartholm wollen notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof gehen. Doch dieser Fall ist mehr als ein juristisches Geplänkel. Es geht um einen Glaubenskrieg zwischen Internetpiraten und Medienindustrie. Und es ist ein höchst persönlicher Prozess.
Jahrelang haben sich die Betreiber der Pirate Bay über große Companys wie Time Warner oder Emi lustig gemacht. Während andere Portale von den Briefen der Rechtsanwälte verängstigt wurden, reagierten die drei Schweden mit Hohn. Sie schrieben etwa: „Vielleicht ist es Ihnen bewusst, vielleicht auch nicht. Schweden ist kein Staat in den USA, sondern ein Land in Nordeuropa. (...) Es ist unsere Meinung und die unserer Rechtsanwälte, dass Sie ... Deppen sind und dass Sie sich bitte mit ausziehbaren Schlagstöcken sodomisieren sollen.“
Für die einen sind die drei Jungs hinter der Piratenbucht tapfere Rowdies, für die anderen unreife Kriminelle. Dass die Angeklagten nach dem Prozess freigehen, ist für Sara Lindbäck undenkbar. Die Juristin des schwedischen Antipirateriebüros sagt: „Sie haben illegales Filesharing ermöglicht, sie haben den Urheberrechtsbesitzern geschadet und sie haben damit selbst Profit gemacht.“ Das klingt logisch. Aus juristischer Sicht ist der Fall komplizierter. Technisch betrachtet ist die Pirate Bay nämlich, ähnlich wie Google, eine Suchmaschine. Peter Sunde sagt: „Auf unseren Servern ist kein urheberrechtlich geschütztes Material zu finden. Wir sind nur ein generelles Vertriebssystem für alle Arten von Inhalten.“ Auch über die Post könne man illegales Material an Freunde versenden.
Staatsanwalt Håkan Roswall hat nun über 4000 Seiten Beweismaterial gesammelt. Die Anklageschrift ist 25 Seiten lang. Roswall ist zu keiner Stellungnahme bereit. Sein Ziel ist aber, die Angeklagten als gewerblich handelnde Kriminelle zu entlarven. Das wird schwierig. Die Anklage stützt ihren Fall exemplarisch auf 21 Musikalben, neun Filme und vier Computerspiele, die über The Pirate Bay zu finden waren. Für eine Verurteilung muss Roswall beweisen können, dass die Angeklagten in diesen Fällen die eindeutige Absicht hatten, dass es zu Urheberrechtsverletzungen kommt, oder dass sie zumindest grob fahrlässig gehandelt haben.
„Womöglich gelingt das der Staatsanwaltschaft“, meint Daniel Westman, Rechtsinformatiker an der Universität Stockholm. Für den Juristen stellt sich aber eine grundsätzliche Frage: Wenn die Betreiber der Pirate Bay für Inhalte verantwortlich gemacht werden, die ihre Benutzer untereinander austauschen, welche Auswirkung hätte dieses Urteil dann für andere Webseiten? Ist Google für alle Links verantwortlich, auf denen etwas Rechtswidriges zu finden ist? Internetpiraten wie die drei Schweden nutzen jedes legale Schlupfloch. „Aber es ist ein heißes Eisen, ob man den Serviceanbietern eine zu große Verantwortung für das Verhalten ihrer User aufbürden soll“, sagt Westman.
Der Fall kratzt auch am Image der Piraten. Sie stehen nun unter dem Verdacht, Profit mit der Seite gemacht zu haben – das Antipirateriebüro spricht von drei Millionen US-Dollar im Jahr. Peter Sunde weist das empört von sich. „Jeder von uns hat einen richtigen Job. Niemand bekommt ein Gehalt von der Pirate Bay“, sagt er. All die Werbeeinnahmen seien gänzlich in die Infrastruktur der Seite – etwa Server und Internetverbindung – gegangen. Aber auch, wenn nur ein ganz kleiner Betrag als Profit übrigblieb, würde das bei einer Verurteilung das Strafmaß erhöhen. Denn dann würde es sich um eine gewerbliche Nutzung handeln.
Zwei Jahre schwedische Gardinen sind trotzdem unrealistisch. Und selbst wenn die Betreiber für ein paar Monate ins Gefängnis müssten, geht die Pirate Bay nicht unter. Die drei haben sich auf diesen Moment vorbereitet. Nachdem die Polizei bei ihnen im Mai 2006 eine Razzia durchführte, haben sie die Infrastruktur des Webportals ins Ausland abgezogen. „Unsere Server sind über verschiedene Länder hinweg verteilt und nicht an einem, sondern an vier, fünf verschiedenen Orten“, sagt Sunde. Da bleibt auch ein schwedisches Gericht machtlos: Es bräuchte erneut vier, fünf verschiedene Gerichtsurteile, um The Pirate Bay abzudrehen.
Die Filesharer spielen ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Justiz. Für jede Seite, die geschlossen wird, folgen etliche neue. Und die Technik der Tauschbörsen wird immer raffinierter. So arbeitet Fredrik Neij, einer der Pirate-Bay-Gründer, momentan an einer neuen, anonymeren Tauschbörse. Dass sich die schwedischen Piraten ab Frühling oder Sommer vor Gericht verantworten müssen, mag ein Sieg für die Medienindustrie sein – aber es ist ein großteils symbolischer, meint Eric Garland, Geschäftsführer des amerikanischen Marktforschers BigChampagne. Er sagt: „Die Zahl der Filesharer ist in den letzten Jahren dauernd gewachsen. Mittlerweile könnten es sogar mehr als hundert Millionen Menschen sein.“
Die netzartige Struktur des Internets macht eine Verfolgung von Filesharern schwierig. Aber die Ursachen für das Phänomen liegen wesentlich tiefer: Seitdem Napster den Tausch von MP3s populär machte und daraufhin bankrottgeklagt wurde, haben sich die Fronten im Urheberrechtsstreit verhärtet. Auf der einen Seite steht die Kreativbranche, die um ihr Überleben fürchet. Die Musikindustrie rechnet mit weltweit 3,7 Milliarden Dollar Schaden durch die Tauschbörsen. Eine deutsche Studie der Universität Weimar besagt, dass der deutschen Filmbranche aufgrund der Downloads jährlich über 190 Millionen Euro entgehen. Dem stehen wiederum Millionen User gegenüber, von denen sich viele kriminalisiert fühlen: Als die Generation Napster Ende der Neunziger zu downloaden begann, war niemandem bewusst, dass er womöglich das Urheberrecht verletzt. Dann folgten Klagen, und weltweit wurde das Urheberrecht verschärft. Als die Lobbys der Kreativbranche mit Slogans wie „Raubkopierer sind Verbrecher“ eine Aufklärungskampagne starteten, hatten sie den Public-Relations-Wettstreit längst verloren. Kein Unternehmen gewinnt dadurch Sympathien, Konsumenten vor Gericht zu zerren oder diese mittels Kopierschutz zu bevormunden. Selbst wenn diese Maßnahmen ein panischer Akt der Selbstverteidigung sind.
Peter Sunde verliert keinen Schlaf darüber, dass er Terabytes an Filmen und Musik aus dem Netz geladen hat. Er fühlt sich vollkommen im Recht und sagt: „Die Industrie lehnt es ab, sich zu verändern. Aber Filesharing ist die Zukunft. Das haben die Menschen so beschlossen. Und der Industrie ist nicht rechtzeitig eine bessere Antwort eingefallen.“ Für den 29-Jährigen ist Downloaden wie eine Ideologie. Er weist darauf hin, dass er heute mehr Geld für Konzerte ausgibt als früher. Und wenn die Plattenlabels verrecken, ist ihm das egal.
„Problematisch ist, dass das eine Diskussion zwischen zwei Seiten ist, die radikale Positionen vertreten“, meint der Rechtsinformatiker Westman. Während die Lobbys der Medienindustrie für ein noch härteres Urheberrecht werben, wollen die Piraten alles legalisieren. Beides ist selbstgerecht. Heute entlarvt jeder Jugendliche den Slogan „Raubkopierer sind Verbrecher“ als Einschüchterungstaktik, denn Ladendiebstahl und das Kopieren von geistigem Eigentum sind keinesfalls auf der gleichen Ebene angesiedelt. Gleichzeitig fehlt vielen Downloadern das Bewusstsein, dass ihre Handlungen Konsequenzen mit sich bringen – und zwar nicht nur für gierige Konzernchefs in Kalifornien, sondern auch für Plattenläden in Wien, wie zum Beispiel das Black Market, das unlängst zusperren musste.
„Wir müssen mit diesem Schwarzweißdenken aufhören“, meint Roger Wallis, schwedischer Experte für Medientechnologie. Neben seinem Lehrberuf am Königlichen Institut für Technologie ist er Komponist. Er hat einen Vorschlag, wie man die Filesharer legalisieren, aber trotzdem an geistigem Eigentum etwas verdienen kann: „Eine monatliche Gebühr, die alle Internetbenützer zahlen“, sagt er. Freilich missfällt der Gedanke einer Zwangsgebühr vielen. Aber es ist zumindest ein Diskussionsvorschlag. Denn selbst zehn Jahre nach dem Start von Napster hat es die Medienindustrie noch immer nicht geschafft, eine Vielfalt an legalen Onlineservices anzubieten. In den USA verkauft iTunes zwar längst für 1,99 Dollar Fernsehsendungen, wer in Österreich hingegen den Start einer neuen US-Serie miterleben möchte, kann sich einen Transatlantikflug leisten – oder The Pirate Bay besuchen.
Es gibt Anzeichen dafür, dass die Wirtschaft langsam umdenkt. In den USA und in Großbritannien bieten etliche Fernsehstationen Sendungen gratis online an – dafür schauen die User dabei Werbung. Und auch die Labels rücken davon ab, ihren Konsumenten mittels Digital Rights Management vorzuschreiben, was sie mit einem gekauften Produkt tun dürfen und was nicht. Das Ganze ist für die Kreativbranche auch eine Zitterpartie. Funktionierende Geschäftsmodelle fehlen noch. Die Gefahr ist, dass bei den neuen Vertriebswegen manche Urheber übergangen werden – wie der US-Autorenstreik bereits zeigt.
Selbst in einer Flut an Klagen werden die Internetpiraten nicht untergehen. Diese haben eher zur Folge, dass die Fronten im Glaubenskrieg weiter auseinanderdriften. Es braucht stattdessen Strategien, damit die Piraten freiwillig aufgeben. Konsumentenfreundliche Angebote spielen dabei eine wesentliche Rolle. Diese Erfahrung machte auch der Wiener Tauschbörsen-User Paul. Er lädt seit ein paar Wochen zunehmend weniger aus dem Netz. „Mit ein paar technischen Tricks kann ich mir auch die Serien auf den Webseiten der amerikanischen Fernsehsender ansehen“, sagt er. Sich um ein paar Länderfilter herumzuschummeln, ist zwar auch nicht die feine Art – aber es ist zumindest nicht illegal. Und wenn Paul die Wahl hat zwischen kostenlosem High-Definition-Video aus rechtmäßiger oder unrechtmäßiger Quelle, zieht selbst er die Piratenflagge ein.
© Nachdruck bzw. Textübernahme - auch auszugsweise -
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
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