Gusenbauers Glück & Ende
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Alfred Gusenbauers erster Fehler bestand darin, die Nationalratswahl vom 1. Oktober 2006 zu gewinnen. Aller zur Schau getragenen Zuversicht zum Trotz hatten er selbst und die Spitze der Partei erst in der letzten Woche vor dem Wahltag begonnen, an den möglichen Erfolg zu glauben. Zuvor hatte – nicht zuletzt des Bawag-Skandals wegen – die ÖVP Wolfgang Schüssels als unschlagbar gegolten. Gusenbauers Walking Tour quer durch Österreich war als Serie von P.-R.-Fehlern glossiert worden. Wie sollte so einer mit dieser zu knappen Wanderhose je die Wahl gegen den coolen Profi und Amtsinhaber Schüssel gewinnen?
Der hatte sich beim Pflegeproblem freilich allzu cool gezeigt; hochmütig hatte sich die ÖVP auf die Wirkung des Bawag-Debakels und die vermeintliche Schwäche des Kontrahenten verlassen. Alfred Gusenbauer nahm man sein soziales Engagement ab; Schüssel wurde für seine vorgebliche Kälte abgestraft. Das Bawag-Debakel sollte sich allerdings auch als der Anfang vom Ende Alfred Gusenbauers herausstellen. Er hatte nämlich die Causa Bawag, die eklatante Schwächung der Gewerkschaften dazu genutzt, den Mechanismus abzuschaffen, demzufolge die Gewerkschaftsspitzen automatisch im Parlament vertreten sein müssen.
Gewerkschaftspräsident Rudolf Hundstorfer hat ihm das nicht verziehen: Er war der Erste, der sich öffentlich für einen Rücktritt des Kanzlers aussprach.
Bei den Regierungsverhandlungen im Herbst 2006 wollte die geschockte ÖVP den geschichtlichen Irrtum, den der Wähler an der Urne begangen hatte, sogleich korrigieren. Sie würde Gusenbauer, soviel war von vornherein klar, nicht als Kanzler akzeptieren, auch wenn sie das Amt selbst beschädigen müsste. Der hatte nur drei Möglichkeiten: eine zugegebenermaßen nicht sehr appetitliche Minderheitsregierung, deren Tolerierung die Grünen in jenem kurzen historischen Moment verweigerten, als die SPÖ sie gewagt hätte. Es blieben zwei Möglichkeiten: sofortige Neuwahlen oder das voraussehbare Ende der Koalitionsverhandlungen, der Spielverlust gegen die ÖVP.
Die SPÖ entschied sich für die dritte Möglichkeit, damit Alfred Gusenbauer Kanzler werden konnte. Sämtliche Gusenbauer-Gegner, die der SPÖ und die der ÖVP, unterschrieben das Verhandlungsergebnis mit. Bereits der Start Gusenbauers war mit dem symbolischen Desaster der Ressortverteilung belastet. Das Koalitionsübereinkommen erwies sich zudem als reales Debakel, das von der ÖVP permanent eingeklagt werden konnte: „Wir arbeiten auf Grundlage des Papiers.“
Es wurde nichts mit der Rolle des über den Wassern schwebenden Moderators. „Führen“ wie es sich der kleine Maxi vorstellt, kann ein Kanzler sein Kabinett sowieso nicht, er ist dort nur Primus inter Pares. Die ÖVP ließ sich von Gusenbauer weder führen noch moderieren, sie ließ ihn und die Öffentlichkeit sogleich wissen, er sei der Party- und Reisekanzler, Molterer hingegen der Arbeitskanzler. Keinen einzigen Erfolg wollte man ihm gönnen, selbst wenn es auf Kosten der eigenen Klientel ging, wie bei der Bildungsreform.
In der Frage der Quoten für Medizinstudenten erreichte Gusenbauer einen Erfolg bei der EU, indem er vor Unterzeichnung des Lissabon-Vertrags Druck ausübte – einer der wenigen Fälle, wo die ÖVP nichts blockieren konnte. In den Sachthemen goss die ÖVP der SPÖ vor allem in jenen Ministerien Beton entgegen, wo es an Gusenbauers Eingemachtes ging. Von den in Erwartung seiner Niederlage doch recht vollmundig gemachten Wahlversprechen durfte Gusenbauer nicht eines einlösen, das war klar. Die Studiengebühren mussten bleiben. Die Abfangjägerkonnten nicht abbestellt, maximal rabattiert werden. Die Bildungsreform scheiterte am Neugebauer-Block, der zuletzt auch bei der Gesundheitsreform in Stellung gebracht wurde. Die Steuerreform erledigte der Kalender.
Gusenbauer spielte anfangs mit, immer noch in der Hoffnung auf den Bonus. Der blieb aus. Mit seiner Kompromissbereitschaft brachte er die Granden seiner Partei gegen sich auf, die in ihren Ländern allesamt mit sinkender Zustimmung in den Umfragen zu tun hatten und als Machthaber wussten, wem sie die Schuld daran zuzuschreiben hatten: dem nächsthöheren Machthaber, nämlich Alfred Gusenbauer. Dessen größter Fehler bestand darin, nicht wahrzunehmen, was sich hier zusammenbraute. Statt mit einem gefinkelten Kommunikationsmanagement die Genossen in den Ländern (und in Wien) zu betreuen und in jede auch noch so kleine Entscheidung einzubinden, ließ er sie mehr als einmal bereits Entschiedenes aus den Medien erfahren. Blanker Hass war die Folge.
Der Arbeitstag eines Bundeskanzlers ist europäisch geprägt. Als einer von 27 Staatschefs steht er notgedrungen immer wieder mit den anderen in Konktakt; auch bei einem effizienten Stab erfordert das einen guten Teil der Arbeitszeit. Gusenbauer nahm solche Termine oder Telefonate gern wahr, hier machte er, wie er in einem seiner seltenen Hintergrundgespräche anhand der Krise in der Ukraine 2007 darlegte, einen hervorragenden Job. Er war und ist ein brillanter Europapolitiker, daran ändert ein Brief an die Krone nichts, auch wenn er sich dieses Stilversagen aus heutiger Sicht gewiss gern erspart hätte.
Gusenbauer konnte nicht verstehen, dass man seinen Pragmatismus nicht teilte. Die Abschaffung der Erbschaftssteuer? Eine Bagatellsumme! Privilegien für Stiftungen? Fallen nicht ins Gewicht! Den symbolischen Gehalt solcher Entscheidungen nahm er nicht zur Kenntnis, jedenfalls nahm er ihn nicht ernst. Verdutzt stand er dann vor deren medialer Wirkung. Und seine Personalentscheidungen! Mit der Bildungsministerin lieferte sich Gusenbauer ein desaströses Scharmützel um den Staatsoperndirektor. Sein Staatsekretär im Finanzministerium verlor sich in Details, statt Konturen einer möglichen Umverteilung zu ziehen. Sein Sozialminister, als Personalhoffnung taxiert, wurde von seinem ÖVP-Kontrahenten über den Tisch gezogen, als wäre er kein Fachmann, sondern vom BZÖ. Sein Verteidigungsminister, als Parteisekretär tüchtig, blieb blass.
Weiters ließ es Alfred Gusenbauer am nötigen Geschick fehlen, mit den Medien zu spielen. Weder schmeichelte er Herausgebern und Meinungsmachern in ausreichendem Maß, noch umwarb er sie, noch stritt er sich mit ihnen. Im Gegenteil, er machte aus seiner Verachtung für sie kaum einen Hehl. Für die Lektüre der österreichischen Blätter brauche er ein paar Minuten; im Übrigen lese er den Guardian, El Pais, die Süddeutsche und Le Monde. Der größte Fehler Medien gegenüber bestand aber nicht in seiner Arroganz, sondern in seiner Liberalität. Er ließ zu, dass der ORF in der Information Leute installierte, an denen Interventionen abprallen. Eine nach der Epoche Schüssel-Mück samt Moltofon neue Erfahrung, die Gusenbauer als Erster büßte. Selten wurde ein Kanzler im Fernsehen derart abgekanzelt wie er.
Die Printmedien blieben ihm unfreundlich gesonnen. Jedem ÖVP-Spin aufgeschlossen, berichteten sie von seiner angeblichen Unlust zu korrekter Vorbereitung, seinem Hang zu Party und gutem Leben. Es entstand das Bild eines Unfähigen, der alles opfert, um ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen, und – endlich dort angekommen – allen anderen die lange Nase zeigt. Der „Gesudere“-Sager (eine realistische Bestandsaufnahme von Provinzpolitik) und die Begrüßung des argentinischen Senats (eine kesse Höflichkeit dem Gastgeber gegenüber) wurden zu parlamentsfeindlichen Schnitzern aufgeblasen, als hätte einer sein Land und seine Prinzipien verraten. Wahr ist: Es gab (Wolfgang Schüssel ausgenommen) selten einen so faktensicheren Bundeskanzler wie Alfred Gusenbauer. Sein Fleiß wurde medial nicht zur Kenntnis genommen, also galt er als faul. Dass er das Land, also die Interessen seiner Bürger in Europa und anderswo glänzend vertrat, spielte bei einer vor allemim Haxlbeißen souveränen Journalistik keine Rolle. Dass weder Molterer noch Faymann hier einen Vergleich aushalten – wer wird denn so genau hinsehen? Bei uns zählen innere Qualitäten!
Im ganzen Land hatte die Publizistik kleine Doppelmühlen aufgestellt. Wie immer der Kanzler esmachte, er machte es falsch. Sagte er das Kanzlerfest ab, floh er vor jenen, die ihm nicht die Ehre gegeben hätten. Hätte er es nicht abgesagt, hätten sie ihm vorgehalten, wer ihm nicht die Ehre gab. Feierte er, war er der Partykanzler. Sagte er ab, der Spaßverderber. Typisch die sogenannte „Upgrading-Affäre“ – welche Airline würde nicht einem amtierenden Bundeskanzler bei ausreichendem Platz die Business-Class anbieten, und warum sollte er dieses Angebot nicht annehmen? In Ermangelung anderer Skandale, und weil der Upgegradete es zuerst abstritt,wurde dieses Upgrading als halbe Bestechung ausgelegt.
Aus all dem resultierten sinkende Umfragewerte, die wiederum die scheibchenweise Demontage durch die Parteigenossen nach sich zogen. Die tragische Farce nahm Gestalt an. Aus medial-politischen Zwangslagen versuchte sich Alfred Gusenbauer mit einer Logik zu befreien, die er in der Sozialistischen Jugend erprobt hatte: der des Putsches. Die Doppelspitze sollte die parteiinternen Gusikiller stoppen. Gusenbauers Gegner kritisierten daran zu Recht, in einer demokratischen Partei dürfe man nicht alle Mechanismen derart außer Kraft setzen. Außerdem würden die Personalentscheidungen nur der Not des Augenblicks folgen, nicht einer inhaltlichen Debatte.
Einer ähnlichen Logik folgte wohl der Brief an die Krone: Die konservativen Printmedien (Raiffeisen und Styria) hatte Gusenbauer gegen sich, der ORF würde ihm nicht helfen, also würde er sich wenigstens die Kronen Zeitung sichern und sich damit gegen alle immunisieren, die ebenfalls die Krone brauchen, wie Michael Häupl. Aber die SPÖ ist keine Jugendorganisation, gewetzte Messer lässt sie selten stecken, angesagte Königsmorde finden statt. Der Machterhaltungstrieb der unter Gusenbauers Parteivorsitz zahlreich gewordenen Länderpaladine geht vor. Schließlich schritt die ÖVP zur Tat und kündigte Neuwahlen an – den vermeintlichen Wunschgegner Gusenbauer nahm dieser selbst aus dem Spiel, ehe es andere tun konnten.
Das Resümee entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Von der Papierform her wäre Gusenbauer der ideale österreichische Kanzler gewesen: Aufsteiger aus kleinsten Verhältnissen, Sozialdemokrat und einst engagierter Katholik, belesen und von echtem Interesse für Oper, Musik, Theater, Literatur. Politisch hochgebildet. Dann aber sind da diese eigenartigen Unsensibilitäten für Stil und Wirkung.
Ein Verdacht drängt sich zudem auf. Gusenbauer ist in einer politischen Weise sozialisiert, die einer anderen Epoche anzugehören scheint. Er bezieht sich auf Theoretiker der Sozialdemokratie (Max Adler) und auf Verhaltens- und Denkweisen, die dem politmedialen Spaßtross zutiefst fremd vorkommen. Wenn der den Feind wittert, nützt aller Pragmatismus nichts.
Seine Wahlkämpfer- und Steherqualitäten machten ihn zum Kanzler, hielten ihn aber nicht an der Macht. Seine Fähigkeiten im persönlichen Kontakt mit der Basis wurden nicht gesehen (wie sonst hätte man den Wahlsieg 2006 erklären können?), im Gegenteil, er galt als „abgehoben“. Seine politische Intelligenz, die ihm auch scharfe Kritiker wie die Journalistin Trautl Brandstaller attestieren, hat seine Kommunikationsfehler nicht verhindert und ihm mehr geschadet als genutzt – am meisten bei denen, die lautstark, aber mit falschem Zungenschlag das Fehlen solcher Intelligenz in der österreichischen Politik beklagen. Die ersten Krokotränen fließen schon.
Der hatte sich beim Pflegeproblem freilich allzu cool gezeigt; hochmütig hatte sich die ÖVP auf die Wirkung des Bawag-Debakels und die vermeintliche Schwäche des Kontrahenten verlassen. Alfred Gusenbauer nahm man sein soziales Engagement ab; Schüssel wurde für seine vorgebliche Kälte abgestraft. Das Bawag-Debakel sollte sich allerdings auch als der Anfang vom Ende Alfred Gusenbauers herausstellen. Er hatte nämlich die Causa Bawag, die eklatante Schwächung der Gewerkschaften dazu genutzt, den Mechanismus abzuschaffen, demzufolge die Gewerkschaftsspitzen automatisch im Parlament vertreten sein müssen.
Gewerkschaftspräsident Rudolf Hundstorfer hat ihm das nicht verziehen: Er war der Erste, der sich öffentlich für einen Rücktritt des Kanzlers aussprach.
Bei den Regierungsverhandlungen im Herbst 2006 wollte die geschockte ÖVP den geschichtlichen Irrtum, den der Wähler an der Urne begangen hatte, sogleich korrigieren. Sie würde Gusenbauer, soviel war von vornherein klar, nicht als Kanzler akzeptieren, auch wenn sie das Amt selbst beschädigen müsste. Der hatte nur drei Möglichkeiten: eine zugegebenermaßen nicht sehr appetitliche Minderheitsregierung, deren Tolerierung die Grünen in jenem kurzen historischen Moment verweigerten, als die SPÖ sie gewagt hätte. Es blieben zwei Möglichkeiten: sofortige Neuwahlen oder das voraussehbare Ende der Koalitionsverhandlungen, der Spielverlust gegen die ÖVP.
Die SPÖ entschied sich für die dritte Möglichkeit, damit Alfred Gusenbauer Kanzler werden konnte. Sämtliche Gusenbauer-Gegner, die der SPÖ und die der ÖVP, unterschrieben das Verhandlungsergebnis mit. Bereits der Start Gusenbauers war mit dem symbolischen Desaster der Ressortverteilung belastet. Das Koalitionsübereinkommen erwies sich zudem als reales Debakel, das von der ÖVP permanent eingeklagt werden konnte: „Wir arbeiten auf Grundlage des Papiers.“
Es wurde nichts mit der Rolle des über den Wassern schwebenden Moderators. „Führen“ wie es sich der kleine Maxi vorstellt, kann ein Kanzler sein Kabinett sowieso nicht, er ist dort nur Primus inter Pares. Die ÖVP ließ sich von Gusenbauer weder führen noch moderieren, sie ließ ihn und die Öffentlichkeit sogleich wissen, er sei der Party- und Reisekanzler, Molterer hingegen der Arbeitskanzler. Keinen einzigen Erfolg wollte man ihm gönnen, selbst wenn es auf Kosten der eigenen Klientel ging, wie bei der Bildungsreform.
In der Frage der Quoten für Medizinstudenten erreichte Gusenbauer einen Erfolg bei der EU, indem er vor Unterzeichnung des Lissabon-Vertrags Druck ausübte – einer der wenigen Fälle, wo die ÖVP nichts blockieren konnte. In den Sachthemen goss die ÖVP der SPÖ vor allem in jenen Ministerien Beton entgegen, wo es an Gusenbauers Eingemachtes ging. Von den in Erwartung seiner Niederlage doch recht vollmundig gemachten Wahlversprechen durfte Gusenbauer nicht eines einlösen, das war klar. Die Studiengebühren mussten bleiben. Die Abfangjägerkonnten nicht abbestellt, maximal rabattiert werden. Die Bildungsreform scheiterte am Neugebauer-Block, der zuletzt auch bei der Gesundheitsreform in Stellung gebracht wurde. Die Steuerreform erledigte der Kalender.
Gusenbauer spielte anfangs mit, immer noch in der Hoffnung auf den Bonus. Der blieb aus. Mit seiner Kompromissbereitschaft brachte er die Granden seiner Partei gegen sich auf, die in ihren Ländern allesamt mit sinkender Zustimmung in den Umfragen zu tun hatten und als Machthaber wussten, wem sie die Schuld daran zuzuschreiben hatten: dem nächsthöheren Machthaber, nämlich Alfred Gusenbauer. Dessen größter Fehler bestand darin, nicht wahrzunehmen, was sich hier zusammenbraute. Statt mit einem gefinkelten Kommunikationsmanagement die Genossen in den Ländern (und in Wien) zu betreuen und in jede auch noch so kleine Entscheidung einzubinden, ließ er sie mehr als einmal bereits Entschiedenes aus den Medien erfahren. Blanker Hass war die Folge.
Der Arbeitstag eines Bundeskanzlers ist europäisch geprägt. Als einer von 27 Staatschefs steht er notgedrungen immer wieder mit den anderen in Konktakt; auch bei einem effizienten Stab erfordert das einen guten Teil der Arbeitszeit. Gusenbauer nahm solche Termine oder Telefonate gern wahr, hier machte er, wie er in einem seiner seltenen Hintergrundgespräche anhand der Krise in der Ukraine 2007 darlegte, einen hervorragenden Job. Er war und ist ein brillanter Europapolitiker, daran ändert ein Brief an die Krone nichts, auch wenn er sich dieses Stilversagen aus heutiger Sicht gewiss gern erspart hätte.
Gusenbauer konnte nicht verstehen, dass man seinen Pragmatismus nicht teilte. Die Abschaffung der Erbschaftssteuer? Eine Bagatellsumme! Privilegien für Stiftungen? Fallen nicht ins Gewicht! Den symbolischen Gehalt solcher Entscheidungen nahm er nicht zur Kenntnis, jedenfalls nahm er ihn nicht ernst. Verdutzt stand er dann vor deren medialer Wirkung. Und seine Personalentscheidungen! Mit der Bildungsministerin lieferte sich Gusenbauer ein desaströses Scharmützel um den Staatsoperndirektor. Sein Staatsekretär im Finanzministerium verlor sich in Details, statt Konturen einer möglichen Umverteilung zu ziehen. Sein Sozialminister, als Personalhoffnung taxiert, wurde von seinem ÖVP-Kontrahenten über den Tisch gezogen, als wäre er kein Fachmann, sondern vom BZÖ. Sein Verteidigungsminister, als Parteisekretär tüchtig, blieb blass.
Weiters ließ es Alfred Gusenbauer am nötigen Geschick fehlen, mit den Medien zu spielen. Weder schmeichelte er Herausgebern und Meinungsmachern in ausreichendem Maß, noch umwarb er sie, noch stritt er sich mit ihnen. Im Gegenteil, er machte aus seiner Verachtung für sie kaum einen Hehl. Für die Lektüre der österreichischen Blätter brauche er ein paar Minuten; im Übrigen lese er den Guardian, El Pais, die Süddeutsche und Le Monde. Der größte Fehler Medien gegenüber bestand aber nicht in seiner Arroganz, sondern in seiner Liberalität. Er ließ zu, dass der ORF in der Information Leute installierte, an denen Interventionen abprallen. Eine nach der Epoche Schüssel-Mück samt Moltofon neue Erfahrung, die Gusenbauer als Erster büßte. Selten wurde ein Kanzler im Fernsehen derart abgekanzelt wie er.
Die Printmedien blieben ihm unfreundlich gesonnen. Jedem ÖVP-Spin aufgeschlossen, berichteten sie von seiner angeblichen Unlust zu korrekter Vorbereitung, seinem Hang zu Party und gutem Leben. Es entstand das Bild eines Unfähigen, der alles opfert, um ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen, und – endlich dort angekommen – allen anderen die lange Nase zeigt. Der „Gesudere“-Sager (eine realistische Bestandsaufnahme von Provinzpolitik) und die Begrüßung des argentinischen Senats (eine kesse Höflichkeit dem Gastgeber gegenüber) wurden zu parlamentsfeindlichen Schnitzern aufgeblasen, als hätte einer sein Land und seine Prinzipien verraten. Wahr ist: Es gab (Wolfgang Schüssel ausgenommen) selten einen so faktensicheren Bundeskanzler wie Alfred Gusenbauer. Sein Fleiß wurde medial nicht zur Kenntnis genommen, also galt er als faul. Dass er das Land, also die Interessen seiner Bürger in Europa und anderswo glänzend vertrat, spielte bei einer vor allemim Haxlbeißen souveränen Journalistik keine Rolle. Dass weder Molterer noch Faymann hier einen Vergleich aushalten – wer wird denn so genau hinsehen? Bei uns zählen innere Qualitäten!
Im ganzen Land hatte die Publizistik kleine Doppelmühlen aufgestellt. Wie immer der Kanzler esmachte, er machte es falsch. Sagte er das Kanzlerfest ab, floh er vor jenen, die ihm nicht die Ehre gegeben hätten. Hätte er es nicht abgesagt, hätten sie ihm vorgehalten, wer ihm nicht die Ehre gab. Feierte er, war er der Partykanzler. Sagte er ab, der Spaßverderber. Typisch die sogenannte „Upgrading-Affäre“ – welche Airline würde nicht einem amtierenden Bundeskanzler bei ausreichendem Platz die Business-Class anbieten, und warum sollte er dieses Angebot nicht annehmen? In Ermangelung anderer Skandale, und weil der Upgegradete es zuerst abstritt,wurde dieses Upgrading als halbe Bestechung ausgelegt.
Aus all dem resultierten sinkende Umfragewerte, die wiederum die scheibchenweise Demontage durch die Parteigenossen nach sich zogen. Die tragische Farce nahm Gestalt an. Aus medial-politischen Zwangslagen versuchte sich Alfred Gusenbauer mit einer Logik zu befreien, die er in der Sozialistischen Jugend erprobt hatte: der des Putsches. Die Doppelspitze sollte die parteiinternen Gusikiller stoppen. Gusenbauers Gegner kritisierten daran zu Recht, in einer demokratischen Partei dürfe man nicht alle Mechanismen derart außer Kraft setzen. Außerdem würden die Personalentscheidungen nur der Not des Augenblicks folgen, nicht einer inhaltlichen Debatte.
Einer ähnlichen Logik folgte wohl der Brief an die Krone: Die konservativen Printmedien (Raiffeisen und Styria) hatte Gusenbauer gegen sich, der ORF würde ihm nicht helfen, also würde er sich wenigstens die Kronen Zeitung sichern und sich damit gegen alle immunisieren, die ebenfalls die Krone brauchen, wie Michael Häupl. Aber die SPÖ ist keine Jugendorganisation, gewetzte Messer lässt sie selten stecken, angesagte Königsmorde finden statt. Der Machterhaltungstrieb der unter Gusenbauers Parteivorsitz zahlreich gewordenen Länderpaladine geht vor. Schließlich schritt die ÖVP zur Tat und kündigte Neuwahlen an – den vermeintlichen Wunschgegner Gusenbauer nahm dieser selbst aus dem Spiel, ehe es andere tun konnten.
Das Resümee entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Von der Papierform her wäre Gusenbauer der ideale österreichische Kanzler gewesen: Aufsteiger aus kleinsten Verhältnissen, Sozialdemokrat und einst engagierter Katholik, belesen und von echtem Interesse für Oper, Musik, Theater, Literatur. Politisch hochgebildet. Dann aber sind da diese eigenartigen Unsensibilitäten für Stil und Wirkung.
Ein Verdacht drängt sich zudem auf. Gusenbauer ist in einer politischen Weise sozialisiert, die einer anderen Epoche anzugehören scheint. Er bezieht sich auf Theoretiker der Sozialdemokratie (Max Adler) und auf Verhaltens- und Denkweisen, die dem politmedialen Spaßtross zutiefst fremd vorkommen. Wenn der den Feind wittert, nützt aller Pragmatismus nichts.
Seine Wahlkämpfer- und Steherqualitäten machten ihn zum Kanzler, hielten ihn aber nicht an der Macht. Seine Fähigkeiten im persönlichen Kontakt mit der Basis wurden nicht gesehen (wie sonst hätte man den Wahlsieg 2006 erklären können?), im Gegenteil, er galt als „abgehoben“. Seine politische Intelligenz, die ihm auch scharfe Kritiker wie die Journalistin Trautl Brandstaller attestieren, hat seine Kommunikationsfehler nicht verhindert und ihm mehr geschadet als genutzt – am meisten bei denen, die lautstark, aber mit falschem Zungenschlag das Fehlen solcher Intelligenz in der österreichischen Politik beklagen. Die ersten Krokotränen fließen schon.
© Nachdruck bzw. Textübernahme - auch auszugsweise -
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
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