Startseitefaltershop - Buch Musik FilmAbo ServiceTop-Storiesheureka WissenschaftsmagazinTier der WocheNewsletterMediadatenImpressum
Event ProgrammKino ProgrammLokalführer WienFeste feiernBest of Viennacreation/productionReparaturführer WienBio-Guide

Die beste Stadtzeitung Europas.

Niederer Stadtadel

London, Berlin, New York: Überall führt die Aufwertung von Stadtvierteln zur Verdrängung der Armen. Außer in Wien. Was macht man hier anders?
 
Falter 33/2008 vom 13.8.2008
Ressort Stadtleben > Grätzl
Autor Joseph Gepp, Matthias Writze

Infobox Mieten in Wien

diesen Falter bestellen
Wenn man sie hier sitzen sieht, die Anzugträ­ger von der Telekom, dann möchte man gar nicht glauben, dass man sich im Stu­werviertel befindet, dem verfemten Brennpunkt von Armut und illegaler Prostitution in Wien. Die Manager unterhalten sich über die neueste Handytechnologie. Eine Gruppe Stu­denten am Nachbartisch einigt sich derweil darauf, dass 70 Euro für eine TU-Ball-Karte zu viel seien. Die Kell­nerin reicht naturtrüben Apfelsaft, bunte Quadrate zieren die Wände des Cafés, und in der Speisekarte stehen Dinge wie: „Espresso Macchiato fla­voured with Toasted Marshmellow“. Man mag andere Vorstellungen vom Stuwerviertel haben: Huren und Striz­zis, Migranten und Pensionisten mit Mindestrente. Aber im Apartment02 werden die Klischees ins Gegenteil verkehrt. Hierher kommen die Stu­denten von der Fachhochschule, in deren Innenhof das Café liegt. Oder die Angestellten der nahen Telekom-Zentrale treffen sich zum Lunch. Man muss den Hof erst verlassen, um in den Straßen das zu finden, was das Viertel angeblich ausmacht: bröckelnde Fas­saden da und dort. Frauen, die in Hot­pants am Straßenrand stehen und auf Freier warten. Und massive Betonbar­rieren quer über die Gassen, die eben diese Freier daran hindern sollen, in der Nacht durchs Viertel zu kurven.

„Ich kann mir vorstellen, dass sich das Stuwerviertel langsam in ein Boboviertel verwandelt“, sagt Co­rona Gsteu von der Leopoldstädter Gebietsbetreuung. „Das merkt man vor allem an den gestiegenen Mieten und der hohen Anzahl an Dachaus­bauten.“ Schon seit der Monarchie, als sich neu angekommene Juden aus Galizien im Stadtteil neben dem Pra­ter niederließen, gilt das Stuwervier­tel als ärmeres Grätzel. Später kamen österreichische Arbeiter und Gewer­betreibende, schließlich Gastarbeiter und Flüchtlinge aus Exjugoslawien. Dunkle Beisln, Stundenhotels und serbische Videotheken prägen heute das Straßenbild. Doch dass sich im Stuwerviertel etwas ändert, darauf deutet nicht nur das Apartment02 hin: Architekturbüros ziehen in die Ausstellungsstraße, Edelbeisln und gehobene Lokale lassen sich in den dörflich wirkenden Gassen des Grät­zels nieder. „Das neue Messegelände und die U2 gibt es erst seit kurzem. Jetzt kommen die neue WU und das Businessviertel nördlich des Praters“, sagt Gsteu. „Das alles führt zu einer Aufwertung des Viertels.“

„Gentrification“ oder eingedeutscht „Gentrifizierung“ nennt man diese Aufwertung zentrumsnaher Stadt­viertel, abgeleitet von „gentry“, der niederen englischen Adelsschicht. „In Vierteln, in denen bisher eine ärmere Bevölkerung gelebt hat, kommt es zu einer Veränderung“, erklärt der Stadtentwicklungsexperte und TU-Dozent Rudolf Giffinger. „Die Häuser und Wohnungen werden attraktiver. Das zieht sozial höherrangige Schich­ten an.“ So manch gentrifiziertes Viertel hat als Treffpunkt der Bohème schon Weltruhm erlangt: Soho und Tribeca in Manhattan, Prenzlauer Berg und Kreuzberg in Ber­lin, das Hamburger Schanzenviertel, der Stadtteil Vinohrady in Prag oder Kazimierz in Krakau. „Dieser Auf­wertung gehen immer Pioniere voraus, die ins Viertel einziehen. Später folgen zahlungskräftigere Schichten“, sagt Giffinger. Die Pioniere sind Künstler und Studenten, die niedrige Mieten und Platz zur persönlichen Entfaltung suchen. Wenn sie kommen, bringen sie neue Lebens- und Konsumgewohn­heiten, eröffnen Galerien und Studios, verwandeln leerstehende Fabrikshallen in Lofts, trinken Espresso macchiato und Bionade. Das Flair, das sie ver­breiten, schlägt sich in der Nachfrage am Immobilienmarkt nieder: In Wien beispielsweise macht sich „in Nasch­marktnähe“ oder „am Augartenspitz“ gut in jeder Wohnungsanzeige. Einst vernachlässigt, interessieren sich jetzt Investoren und Immobilienmakler für die Viertel. Amerikanische Stadtsozio­logen gehen davon aus, dass die Gentri­fizierung eines Stadtteils fünf bis zehn Jahre dauert. Danach sind Mieten und Lebenshaltungskosten für die Avant­garde zu hoch. Sie zieht weiter und er­schließt das nächste Stadtviertel für die Nachzügler. Im zusammenwachsenden Berlin wurde auf diese Art – fast ohne staatliches Zutun – das ganze Stadt­zentrum aufgewertet und umgemo­delt: Von Berlin-Mitte zog der kreative Tross nach Prenzlauer Berg, von dort ins nahegelegene Friedrichshain. Als dort die Mieten zu hoch geworden wa­ren, ging man nach Wedding und Neu­kölln. „In Prenzlauer Berg und Mitte ist schlichtweg kein Platz mehr für weitere Cafés und Cabrios“, schrieb kürzlich die deutsche taz. Der ärmeren Bevölkerung, die bis zur Wende in diesen Vierteln gelebt hatte, war das Leben zu teuer geworden – viele zogen in die Vororte. Gentrifizierung bedeu­tet auch, dass einkommensschwache Menschen verdrängt werden. „Viel­leicht sieht es im Stuwerviertel einmal so aus wie im Karmeliterviertel“, sagt Gebietsbetreuerin Gsteu.

Das Karmeliterviertel liegt kei­nen Kilometer südlich des Stu­werviertels, ebenfalls in der Leopoldstadt. Was im Stuwerviertel gerade beginnt, liegt dort rund zehn Jahre zurück. Die Fassaden des einst­mals heruntergekommenen Grätzels am Donaukanal sind renoviert. Ge­schäfte bieten selbstbedruckte T-Shirts zum Kauf, ehemalige Fleischhauereien haben sich in Läden für exotische Blu­men verwandelt. Rund um den Karme­litermarkt gibt's eine Reihe schicker Lokale. „Ich habe wahnsinnig lange gesucht“, sagt Andrea Danmayr, „die Mieten sind ziemlich teuer. Ich kann mir schwer vorstellen, dass sich ärmere Leute so was noch leisten können.“ Die ehemalige grüne Pressesprecherin hat vor kurzem ein Lokal am Markt er­öffnet. Nicht nur im Stuwer- und Kar­meliterviertel spricht man von Gentri­fizierung. Die Stadtforscherin Betül Bretschneider von der TU Wien nennt den Spittelberg, das Freihausviertel, den Naschmarkt, das Ottakringer Brunnenviertel und das Grätzel rund um den Meiselmarkt in Rudolfsheim-Fünfhaus, die in den vergangenen Jahren in Wien aufgewertet wurden. Vieles unterscheidet diese Gebiete von­einander: So spielen im Brunnenviertel türkisches Gewerbe und Gastronomie eine große Rolle, am Spittelberg hinge­gen Kunsthandwerk und Ethno-Acces­soires. Gemein ist allen Vierteln jedoch ihre Wertsteigerung und die Tatsache, dass die alteingesessene Bevölkerung trotzdem nicht verdrängt wurde. Denn trotz Aufwertung besteht in absehbarer Zeit nicht die Gefahr, dass der Kebab­brater am Brunnenmarkt seinen Stand aus Kostengründen aufgeben muss. In den USA dagegen, Ursprungsland der Gentrifizierung, geht eine solche Ver­änderung vergleichsweise brutal vor sich. Neighbourhoods mit schwarzen oder lateinamerikanischen Bewohnern, etwa in Chicago oder im New Yorker Stadtteil Harlem, werden innerhalb we­niger Jahre planiert und für eine weiße Mittelschicht völlig neu errichtet. Ein vollständiger Austausch der Bevölke­rung ist die Folge. In Wien führt die Aufwertung zwar zu höheren Mieten, die einen weiteren Zuzug von ärmeren Schichten und Migranten erschweren – eine Verdrängung jener, die bereits da sind, fand bislang jedoch nicht statt. „Die Mentalität in Wien ist anders als beispielsweise in Amerika, man will langfristig in einer Wohnung bleiben. Die Mietpreisdynamik ist ganz anders als in New York“, sagt TU-Dozent Ru­dolf Giffinger. „In Wien gibt es Gentri­fizierung im eigentlichen Sinne nicht.“

Selbst wenn Verdrängung auszublei­ben scheint, so verändern sich Stadt­viertel auch in Wien und gewinnen in den Augen von Wohnungssuchenden und Immobilienagenturen an Wert: Am Yppenplatz eröffnen türkische Inlokale wie das An-Do, am Spittel­berg finden alljährlich Kulturfestivals statt. Naschmarkt und Freihausviertel gelten überhaupt als Heimstatt des städtischen Bobos, der im Szenelokal Deli ein spätes Frühstück zu sich nimmt, anschließend in der Videothek Alphaville einen Film in Originalspra­che ausleiht und in der Buchhandlung Babette’s in Kochbüchern blättert.

Warum hat die offensichtliche Aufwertung dieser Viertel keine Verdrängung der Alt­eingesessenen zur Folge? Ist das ein Erfolg der sozial ausgerichteten Wiener Wohnpolitik – oder schlägt der kapita­listische Verteilungskampf am Wiener Immobilienmarkt nicht so hart durch wie in New York oder London? Eine Mischung aus beidem, findet der Stadt­forscher Udo Häberlin von der MA 18 für Stadtplanung: „Einerseits haben wir ein sozial gestaltetes Mietrecht. Und andererseits hat die Gemeinde auf den Wohnungsmarkt großen Einfluss.“ Das bedeutet, dass ärmere Menschen durch den restriktiven Mieterschutz und die hohe Anzahl an Gemeindebauwoh­nungen geschützt werden. 220.000 da­von in Wien beherbergen rund eine hal­be Million Menschen, die solcherart vor den Folgen einer rasanten Aufwertung ihres Grätzels gefeit sind. Dazu kommen städtische Förderungen für Sanierungs­maßnahmen und Genossenschaftswoh­nungen. „Die Gemeinde Wien investiert viel Geld in Wohnbauförderungen. Al­lein heuer sind es 193 Millionen Euro“, sagt SPÖ-Wohnbaustadtrat Michael Ludwig. „Wer zum Beispiel mit städ­tischer Förderung saniert, verpflichtet sich damit automatisch, die Mieten für die folgenden 15 Jahre nicht zu erhö­hen. Wien gibt doppelt so viel für Sa­nierungen aus wie zum Beispiel Berlin, obwohl es nur halb so groß ist. Auf di­ese Art können wir Verdrängungsten­denzen abfedern.“ Das alles führt dazu, dass die Macht des freien Marktes am Wiener Wohnsektor – im Vergleich zu anderen Städten – schwach ausgeprägt ist. „In London oder New York ist der Druck des Immobilienmarktes viel größer. Wenn dort ein Viertel aufgewertet wird, dann schafft es manchmal nicht einmal die Mittelschicht zu bleiben. So etwas wäre in Wien undenkbar“, sagt Stadtforscherin Betül Bretschneider. Die Kehrseite: Es braucht viel Zeit, bis in Wien Veränderungen zu greifen be­ginnen. „Bis man im Stuwerviertel zum ersten Mal bemerkt hat, dass sich etwas ändert, sind 20 Jahre vergangen“, sagt Corona Gsteu, die selbst dort lebt. Die US-Gentrification-Literatur hingegen nennt Zeitspannen von fünf bis zehn Jahren.

Wenn Gentrifizierung in Wien of­fenbar ohne Verdrängung vonstatten geht – wäre es da nicht ein lohnendes Projekt, noch weitere Viertel auf­zuwerten? Latte macchiato in ganz Wien, ohne dass der Gemüsehändler ums Eck und der Call-Shop schließen müssen? Das Grätzel um den Meid­linger Markt nahe der U6-Station Niederhofstraße ist eines der gar nicht gentrifzierten in Wien. Hier, weitab des Stadtkerns, ist der Markt noch Markt und keine Feinschmeckeroase mit Inlokalen. Die wenigen Stände, die geöffnet haben, verkaufen Obst, Fleisch und Billigkleidung aus China. Es ist ein Markt, auf dem alte Frauen noch Marillen kaufen, um Knödel für ihre Enkel zu kochen. Die meisten Geschäftslokale stehen leer. Nur zwei Wettlokale im Umkreis von 100 Me­tern machen in grellen Farben auf sich aufmerksam. Eine Fleischverkäuferin klagt, dass sich ihre Kundschaft in den vergangenen Jahren um die Hälfte reduziert habe. „Die Stammkunden sterben langsam weg.“ Dass hier je­mals eine Gentrifizierung stattfinden könnte, scheint ausgeschlossen. „Nah­versorgung und Bewohner beeinflus­sen sich stark gegenseitig“, erklärt TU-Dozent Rudolf Giffinger die Situation in Meidling. Für Aufwertung bräuchte es den kleinen Bioladen statt Hofer oder Interspar. Dieser zieht dann die gewünschte Klientel an. In Meidling ist das aufgrund der Beschaffenheit der Häuser jedoch schwierig: „Für die Ansiedlung solcher Betriebe braucht es eine dichte Bebauung. Gründer­zeitgebäude wie im Stuwerviertel haben sich dafür als flexibler und ro­buster erwiesen als die Bauten aus der Zwischenkriegszeit oder sozialer Wohnbau.“ Entsprechend schwer täte sich ein kleines Literaturcafé oder ein Künstlerstudio am Meidlinger Markt, wo die Häuser hauptsächlich aus der Nachkriegszeit stammen.

Die Pioniere der Gentrifizierung fanden trotzdem ihren Weg zum Meidlinger Markt. Allerdings kamen sie nicht als einzelne Wohnungssu­chende, sondern als Studentengruppe. Dezidiertes Ziel war die Belebung des Marktes. „Meidlinger Markt er:lebt“ hieß das Projekt von TU und Aka­demie der bildenden Künste, das den Anstoß zur Aufwertung des Viertels geben sollte. Mit Kunstinstallationen wiesen die Studenten auf die kritische Situation des Grätzels hin. Ein jün­geres und vielleicht auch zahlungskräf­tigeres Publikum sollte auf diese Art für den Meidlinger Markt begeistert werden. Vor einem Monat endete die Aktion. Jetzt hat ein drittes Wettlokal aufgesperrt.
2010 © Falter Verlagsgesellschaft mbH
E-Mail: Webmaster
Impressum | Mediadaten
Aktuelle Kamera Europa

Launige Reden, skurrile Inszenierungen, platte Parolen: Wahlkämpfe enthüllen, wie Politik funktioniert. Falter-Mitarbeiter Herwig Höller ist mit seiner Kamera dabei.

Startseite