Niederer Stadtadel
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Wenn man sie hier sitzen sieht, die Anzugträger von der Telekom, dann möchte man gar nicht glauben, dass man sich im Stuwerviertel befindet, dem verfemten Brennpunkt von Armut und illegaler Prostitution in Wien. Die Manager unterhalten sich über die neueste Handytechnologie. Eine Gruppe Studenten am Nachbartisch einigt sich derweil darauf, dass 70 Euro für eine TU-Ball-Karte zu viel seien. Die Kellnerin reicht naturtrüben Apfelsaft, bunte Quadrate zieren die Wände des Cafés, und in der Speisekarte stehen Dinge wie: „Espresso Macchiato flavoured with Toasted Marshmellow“. Man mag andere Vorstellungen vom Stuwerviertel haben: Huren und Strizzis, Migranten und Pensionisten mit Mindestrente. Aber im Apartment02 werden die Klischees ins Gegenteil verkehrt. Hierher kommen die Studenten von der Fachhochschule, in deren Innenhof das Café liegt. Oder die Angestellten der nahen Telekom-Zentrale treffen sich zum Lunch. Man muss den Hof erst verlassen, um in den Straßen das zu finden, was das Viertel angeblich ausmacht: bröckelnde Fassaden da und dort. Frauen, die in Hotpants am Straßenrand stehen und auf Freier warten. Und massive Betonbarrieren quer über die Gassen, die eben diese Freier daran hindern sollen, in der Nacht durchs Viertel zu kurven.
„Ich kann mir vorstellen, dass sich das Stuwerviertel langsam in ein Boboviertel verwandelt“, sagt Corona Gsteu von der Leopoldstädter Gebietsbetreuung. „Das merkt man vor allem an den gestiegenen Mieten und der hohen Anzahl an Dachausbauten.“ Schon seit der Monarchie, als sich neu angekommene Juden aus Galizien im Stadtteil neben dem Prater niederließen, gilt das Stuwerviertel als ärmeres Grätzel. Später kamen österreichische Arbeiter und Gewerbetreibende, schließlich Gastarbeiter und Flüchtlinge aus Exjugoslawien. Dunkle Beisln, Stundenhotels und serbische Videotheken prägen heute das Straßenbild. Doch dass sich im Stuwerviertel etwas ändert, darauf deutet nicht nur das Apartment02 hin: Architekturbüros ziehen in die Ausstellungsstraße, Edelbeisln und gehobene Lokale lassen sich in den dörflich wirkenden Gassen des Grätzels nieder. „Das neue Messegelände und die U2 gibt es erst seit kurzem. Jetzt kommen die neue WU und das Businessviertel nördlich des Praters“, sagt Gsteu. „Das alles führt zu einer Aufwertung des Viertels.“
„Gentrification“ oder eingedeutscht „Gentrifizierung“ nennt man diese Aufwertung zentrumsnaher Stadtviertel, abgeleitet von „gentry“, der niederen englischen Adelsschicht. „In Vierteln, in denen bisher eine ärmere Bevölkerung gelebt hat, kommt es zu einer Veränderung“, erklärt der Stadtentwicklungsexperte und TU-Dozent Rudolf Giffinger. „Die Häuser und Wohnungen werden attraktiver. Das zieht sozial höherrangige Schichten an.“ So manch gentrifiziertes Viertel hat als Treffpunkt der Bohème schon Weltruhm erlangt: Soho und Tribeca in Manhattan, Prenzlauer Berg und Kreuzberg in Berlin, das Hamburger Schanzenviertel, der Stadtteil Vinohrady in Prag oder Kazimierz in Krakau. „Dieser Aufwertung gehen immer Pioniere voraus, die ins Viertel einziehen. Später folgen zahlungskräftigere Schichten“, sagt Giffinger. Die Pioniere sind Künstler und Studenten, die niedrige Mieten und Platz zur persönlichen Entfaltung suchen. Wenn sie kommen, bringen sie neue Lebens- und Konsumgewohnheiten, eröffnen Galerien und Studios, verwandeln leerstehende Fabrikshallen in Lofts, trinken Espresso macchiato und Bionade. Das Flair, das sie verbreiten, schlägt sich in der Nachfrage am Immobilienmarkt nieder: In Wien beispielsweise macht sich „in Naschmarktnähe“ oder „am Augartenspitz“ gut in jeder Wohnungsanzeige. Einst vernachlässigt, interessieren sich jetzt Investoren und Immobilienmakler für die Viertel. Amerikanische Stadtsoziologen gehen davon aus, dass die Gentrifizierung eines Stadtteils fünf bis zehn Jahre dauert. Danach sind Mieten und Lebenshaltungskosten für die Avantgarde zu hoch. Sie zieht weiter und erschließt das nächste Stadtviertel für die Nachzügler. Im zusammenwachsenden Berlin wurde auf diese Art – fast ohne staatliches Zutun – das ganze Stadtzentrum aufgewertet und umgemodelt: Von Berlin-Mitte zog der kreative Tross nach Prenzlauer Berg, von dort ins nahegelegene Friedrichshain. Als dort die Mieten zu hoch geworden waren, ging man nach Wedding und Neukölln. „In Prenzlauer Berg und Mitte ist schlichtweg kein Platz mehr für weitere Cafés und Cabrios“, schrieb kürzlich die deutsche taz. Der ärmeren Bevölkerung, die bis zur Wende in diesen Vierteln gelebt hatte, war das Leben zu teuer geworden – viele zogen in die Vororte. Gentrifizierung bedeutet auch, dass einkommensschwache Menschen verdrängt werden. „Vielleicht sieht es im Stuwerviertel einmal so aus wie im Karmeliterviertel“, sagt Gebietsbetreuerin Gsteu.
Das Karmeliterviertel liegt keinen Kilometer südlich des Stuwerviertels, ebenfalls in der Leopoldstadt. Was im Stuwerviertel gerade beginnt, liegt dort rund zehn Jahre zurück. Die Fassaden des einstmals heruntergekommenen Grätzels am Donaukanal sind renoviert. Geschäfte bieten selbstbedruckte T-Shirts zum Kauf, ehemalige Fleischhauereien haben sich in Läden für exotische Blumen verwandelt. Rund um den Karmelitermarkt gibt's eine Reihe schicker Lokale. „Ich habe wahnsinnig lange gesucht“, sagt Andrea Danmayr, „die Mieten sind ziemlich teuer. Ich kann mir schwer vorstellen, dass sich ärmere Leute so was noch leisten können.“ Die ehemalige grüne Pressesprecherin hat vor kurzem ein Lokal am Markt eröffnet. Nicht nur im Stuwer- und Karmeliterviertel spricht man von Gentrifizierung. Die Stadtforscherin Betül Bretschneider von der TU Wien nennt den Spittelberg, das Freihausviertel, den Naschmarkt, das Ottakringer Brunnenviertel und das Grätzel rund um den Meiselmarkt in Rudolfsheim-Fünfhaus, die in den vergangenen Jahren in Wien aufgewertet wurden. Vieles unterscheidet diese Gebiete voneinander: So spielen im Brunnenviertel türkisches Gewerbe und Gastronomie eine große Rolle, am Spittelberg hingegen Kunsthandwerk und Ethno-Accessoires. Gemein ist allen Vierteln jedoch ihre Wertsteigerung und die Tatsache, dass die alteingesessene Bevölkerung trotzdem nicht verdrängt wurde. Denn trotz Aufwertung besteht in absehbarer Zeit nicht die Gefahr, dass der Kebabbrater am Brunnenmarkt seinen Stand aus Kostengründen aufgeben muss. In den USA dagegen, Ursprungsland der Gentrifizierung, geht eine solche Veränderung vergleichsweise brutal vor sich. Neighbourhoods mit schwarzen oder lateinamerikanischen Bewohnern, etwa in Chicago oder im New Yorker Stadtteil Harlem, werden innerhalb weniger Jahre planiert und für eine weiße Mittelschicht völlig neu errichtet. Ein vollständiger Austausch der Bevölkerung ist die Folge. In Wien führt die Aufwertung zwar zu höheren Mieten, die einen weiteren Zuzug von ärmeren Schichten und Migranten erschweren – eine Verdrängung jener, die bereits da sind, fand bislang jedoch nicht statt. „Die Mentalität in Wien ist anders als beispielsweise in Amerika, man will langfristig in einer Wohnung bleiben. Die Mietpreisdynamik ist ganz anders als in New York“, sagt TU-Dozent Rudolf Giffinger. „In Wien gibt es Gentrifizierung im eigentlichen Sinne nicht.“
Selbst wenn Verdrängung auszubleiben scheint, so verändern sich Stadtviertel auch in Wien und gewinnen in den Augen von Wohnungssuchenden und Immobilienagenturen an Wert: Am Yppenplatz eröffnen türkische Inlokale wie das An-Do, am Spittelberg finden alljährlich Kulturfestivals statt. Naschmarkt und Freihausviertel gelten überhaupt als Heimstatt des städtischen Bobos, der im Szenelokal Deli ein spätes Frühstück zu sich nimmt, anschließend in der Videothek Alphaville einen Film in Originalsprache ausleiht und in der Buchhandlung Babette’s in Kochbüchern blättert.
Warum hat die offensichtliche Aufwertung dieser Viertel keine Verdrängung der Alteingesessenen zur Folge? Ist das ein Erfolg der sozial ausgerichteten Wiener Wohnpolitik – oder schlägt der kapitalistische Verteilungskampf am Wiener Immobilienmarkt nicht so hart durch wie in New York oder London? Eine Mischung aus beidem, findet der Stadtforscher Udo Häberlin von der MA 18 für Stadtplanung: „Einerseits haben wir ein sozial gestaltetes Mietrecht. Und andererseits hat die Gemeinde auf den Wohnungsmarkt großen Einfluss.“ Das bedeutet, dass ärmere Menschen durch den restriktiven Mieterschutz und die hohe Anzahl an Gemeindebauwohnungen geschützt werden. 220.000 davon in Wien beherbergen rund eine halbe Million Menschen, die solcherart vor den Folgen einer rasanten Aufwertung ihres Grätzels gefeit sind. Dazu kommen städtische Förderungen für Sanierungsmaßnahmen und Genossenschaftswohnungen. „Die Gemeinde Wien investiert viel Geld in Wohnbauförderungen. Allein heuer sind es 193 Millionen Euro“, sagt SPÖ-Wohnbaustadtrat Michael Ludwig. „Wer zum Beispiel mit städtischer Förderung saniert, verpflichtet sich damit automatisch, die Mieten für die folgenden 15 Jahre nicht zu erhöhen. Wien gibt doppelt so viel für Sanierungen aus wie zum Beispiel Berlin, obwohl es nur halb so groß ist. Auf diese Art können wir Verdrängungstendenzen abfedern.“ Das alles führt dazu, dass die Macht des freien Marktes am Wiener Wohnsektor – im Vergleich zu anderen Städten – schwach ausgeprägt ist. „In London oder New York ist der Druck des Immobilienmarktes viel größer. Wenn dort ein Viertel aufgewertet wird, dann schafft es manchmal nicht einmal die Mittelschicht zu bleiben. So etwas wäre in Wien undenkbar“, sagt Stadtforscherin Betül Bretschneider. Die Kehrseite: Es braucht viel Zeit, bis in Wien Veränderungen zu greifen beginnen. „Bis man im Stuwerviertel zum ersten Mal bemerkt hat, dass sich etwas ändert, sind 20 Jahre vergangen“, sagt Corona Gsteu, die selbst dort lebt. Die US-Gentrification-Literatur hingegen nennt Zeitspannen von fünf bis zehn Jahren.
Wenn Gentrifizierung in Wien offenbar ohne Verdrängung vonstatten geht – wäre es da nicht ein lohnendes Projekt, noch weitere Viertel aufzuwerten? Latte macchiato in ganz Wien, ohne dass der Gemüsehändler ums Eck und der Call-Shop schließen müssen? Das Grätzel um den Meidlinger Markt nahe der U6-Station Niederhofstraße ist eines der gar nicht gentrifzierten in Wien. Hier, weitab des Stadtkerns, ist der Markt noch Markt und keine Feinschmeckeroase mit Inlokalen. Die wenigen Stände, die geöffnet haben, verkaufen Obst, Fleisch und Billigkleidung aus China. Es ist ein Markt, auf dem alte Frauen noch Marillen kaufen, um Knödel für ihre Enkel zu kochen. Die meisten Geschäftslokale stehen leer. Nur zwei Wettlokale im Umkreis von 100 Metern machen in grellen Farben auf sich aufmerksam. Eine Fleischverkäuferin klagt, dass sich ihre Kundschaft in den vergangenen Jahren um die Hälfte reduziert habe. „Die Stammkunden sterben langsam weg.“ Dass hier jemals eine Gentrifizierung stattfinden könnte, scheint ausgeschlossen. „Nahversorgung und Bewohner beeinflussen sich stark gegenseitig“, erklärt TU-Dozent Rudolf Giffinger die Situation in Meidling. Für Aufwertung bräuchte es den kleinen Bioladen statt Hofer oder Interspar. Dieser zieht dann die gewünschte Klientel an. In Meidling ist das aufgrund der Beschaffenheit der Häuser jedoch schwierig: „Für die Ansiedlung solcher Betriebe braucht es eine dichte Bebauung. Gründerzeitgebäude wie im Stuwerviertel haben sich dafür als flexibler und robuster erwiesen als die Bauten aus der Zwischenkriegszeit oder sozialer Wohnbau.“ Entsprechend schwer täte sich ein kleines Literaturcafé oder ein Künstlerstudio am Meidlinger Markt, wo die Häuser hauptsächlich aus der Nachkriegszeit stammen.
Die Pioniere der Gentrifizierung fanden trotzdem ihren Weg zum Meidlinger Markt. Allerdings kamen sie nicht als einzelne Wohnungssuchende, sondern als Studentengruppe. Dezidiertes Ziel war die Belebung des Marktes. „Meidlinger Markt er:lebt“ hieß das Projekt von TU und Akademie der bildenden Künste, das den Anstoß zur Aufwertung des Viertels geben sollte. Mit Kunstinstallationen wiesen die Studenten auf die kritische Situation des Grätzels hin. Ein jüngeres und vielleicht auch zahlungskräftigeres Publikum sollte auf diese Art für den Meidlinger Markt begeistert werden. Vor einem Monat endete die Aktion. Jetzt hat ein drittes Wettlokal aufgesperrt.
„Ich kann mir vorstellen, dass sich das Stuwerviertel langsam in ein Boboviertel verwandelt“, sagt Corona Gsteu von der Leopoldstädter Gebietsbetreuung. „Das merkt man vor allem an den gestiegenen Mieten und der hohen Anzahl an Dachausbauten.“ Schon seit der Monarchie, als sich neu angekommene Juden aus Galizien im Stadtteil neben dem Prater niederließen, gilt das Stuwerviertel als ärmeres Grätzel. Später kamen österreichische Arbeiter und Gewerbetreibende, schließlich Gastarbeiter und Flüchtlinge aus Exjugoslawien. Dunkle Beisln, Stundenhotels und serbische Videotheken prägen heute das Straßenbild. Doch dass sich im Stuwerviertel etwas ändert, darauf deutet nicht nur das Apartment02 hin: Architekturbüros ziehen in die Ausstellungsstraße, Edelbeisln und gehobene Lokale lassen sich in den dörflich wirkenden Gassen des Grätzels nieder. „Das neue Messegelände und die U2 gibt es erst seit kurzem. Jetzt kommen die neue WU und das Businessviertel nördlich des Praters“, sagt Gsteu. „Das alles führt zu einer Aufwertung des Viertels.“
„Gentrification“ oder eingedeutscht „Gentrifizierung“ nennt man diese Aufwertung zentrumsnaher Stadtviertel, abgeleitet von „gentry“, der niederen englischen Adelsschicht. „In Vierteln, in denen bisher eine ärmere Bevölkerung gelebt hat, kommt es zu einer Veränderung“, erklärt der Stadtentwicklungsexperte und TU-Dozent Rudolf Giffinger. „Die Häuser und Wohnungen werden attraktiver. Das zieht sozial höherrangige Schichten an.“ So manch gentrifiziertes Viertel hat als Treffpunkt der Bohème schon Weltruhm erlangt: Soho und Tribeca in Manhattan, Prenzlauer Berg und Kreuzberg in Berlin, das Hamburger Schanzenviertel, der Stadtteil Vinohrady in Prag oder Kazimierz in Krakau. „Dieser Aufwertung gehen immer Pioniere voraus, die ins Viertel einziehen. Später folgen zahlungskräftigere Schichten“, sagt Giffinger. Die Pioniere sind Künstler und Studenten, die niedrige Mieten und Platz zur persönlichen Entfaltung suchen. Wenn sie kommen, bringen sie neue Lebens- und Konsumgewohnheiten, eröffnen Galerien und Studios, verwandeln leerstehende Fabrikshallen in Lofts, trinken Espresso macchiato und Bionade. Das Flair, das sie verbreiten, schlägt sich in der Nachfrage am Immobilienmarkt nieder: In Wien beispielsweise macht sich „in Naschmarktnähe“ oder „am Augartenspitz“ gut in jeder Wohnungsanzeige. Einst vernachlässigt, interessieren sich jetzt Investoren und Immobilienmakler für die Viertel. Amerikanische Stadtsoziologen gehen davon aus, dass die Gentrifizierung eines Stadtteils fünf bis zehn Jahre dauert. Danach sind Mieten und Lebenshaltungskosten für die Avantgarde zu hoch. Sie zieht weiter und erschließt das nächste Stadtviertel für die Nachzügler. Im zusammenwachsenden Berlin wurde auf diese Art – fast ohne staatliches Zutun – das ganze Stadtzentrum aufgewertet und umgemodelt: Von Berlin-Mitte zog der kreative Tross nach Prenzlauer Berg, von dort ins nahegelegene Friedrichshain. Als dort die Mieten zu hoch geworden waren, ging man nach Wedding und Neukölln. „In Prenzlauer Berg und Mitte ist schlichtweg kein Platz mehr für weitere Cafés und Cabrios“, schrieb kürzlich die deutsche taz. Der ärmeren Bevölkerung, die bis zur Wende in diesen Vierteln gelebt hatte, war das Leben zu teuer geworden – viele zogen in die Vororte. Gentrifizierung bedeutet auch, dass einkommensschwache Menschen verdrängt werden. „Vielleicht sieht es im Stuwerviertel einmal so aus wie im Karmeliterviertel“, sagt Gebietsbetreuerin Gsteu.
Das Karmeliterviertel liegt keinen Kilometer südlich des Stuwerviertels, ebenfalls in der Leopoldstadt. Was im Stuwerviertel gerade beginnt, liegt dort rund zehn Jahre zurück. Die Fassaden des einstmals heruntergekommenen Grätzels am Donaukanal sind renoviert. Geschäfte bieten selbstbedruckte T-Shirts zum Kauf, ehemalige Fleischhauereien haben sich in Läden für exotische Blumen verwandelt. Rund um den Karmelitermarkt gibt's eine Reihe schicker Lokale. „Ich habe wahnsinnig lange gesucht“, sagt Andrea Danmayr, „die Mieten sind ziemlich teuer. Ich kann mir schwer vorstellen, dass sich ärmere Leute so was noch leisten können.“ Die ehemalige grüne Pressesprecherin hat vor kurzem ein Lokal am Markt eröffnet. Nicht nur im Stuwer- und Karmeliterviertel spricht man von Gentrifizierung. Die Stadtforscherin Betül Bretschneider von der TU Wien nennt den Spittelberg, das Freihausviertel, den Naschmarkt, das Ottakringer Brunnenviertel und das Grätzel rund um den Meiselmarkt in Rudolfsheim-Fünfhaus, die in den vergangenen Jahren in Wien aufgewertet wurden. Vieles unterscheidet diese Gebiete voneinander: So spielen im Brunnenviertel türkisches Gewerbe und Gastronomie eine große Rolle, am Spittelberg hingegen Kunsthandwerk und Ethno-Accessoires. Gemein ist allen Vierteln jedoch ihre Wertsteigerung und die Tatsache, dass die alteingesessene Bevölkerung trotzdem nicht verdrängt wurde. Denn trotz Aufwertung besteht in absehbarer Zeit nicht die Gefahr, dass der Kebabbrater am Brunnenmarkt seinen Stand aus Kostengründen aufgeben muss. In den USA dagegen, Ursprungsland der Gentrifizierung, geht eine solche Veränderung vergleichsweise brutal vor sich. Neighbourhoods mit schwarzen oder lateinamerikanischen Bewohnern, etwa in Chicago oder im New Yorker Stadtteil Harlem, werden innerhalb weniger Jahre planiert und für eine weiße Mittelschicht völlig neu errichtet. Ein vollständiger Austausch der Bevölkerung ist die Folge. In Wien führt die Aufwertung zwar zu höheren Mieten, die einen weiteren Zuzug von ärmeren Schichten und Migranten erschweren – eine Verdrängung jener, die bereits da sind, fand bislang jedoch nicht statt. „Die Mentalität in Wien ist anders als beispielsweise in Amerika, man will langfristig in einer Wohnung bleiben. Die Mietpreisdynamik ist ganz anders als in New York“, sagt TU-Dozent Rudolf Giffinger. „In Wien gibt es Gentrifizierung im eigentlichen Sinne nicht.“
Selbst wenn Verdrängung auszubleiben scheint, so verändern sich Stadtviertel auch in Wien und gewinnen in den Augen von Wohnungssuchenden und Immobilienagenturen an Wert: Am Yppenplatz eröffnen türkische Inlokale wie das An-Do, am Spittelberg finden alljährlich Kulturfestivals statt. Naschmarkt und Freihausviertel gelten überhaupt als Heimstatt des städtischen Bobos, der im Szenelokal Deli ein spätes Frühstück zu sich nimmt, anschließend in der Videothek Alphaville einen Film in Originalsprache ausleiht und in der Buchhandlung Babette’s in Kochbüchern blättert.
Warum hat die offensichtliche Aufwertung dieser Viertel keine Verdrängung der Alteingesessenen zur Folge? Ist das ein Erfolg der sozial ausgerichteten Wiener Wohnpolitik – oder schlägt der kapitalistische Verteilungskampf am Wiener Immobilienmarkt nicht so hart durch wie in New York oder London? Eine Mischung aus beidem, findet der Stadtforscher Udo Häberlin von der MA 18 für Stadtplanung: „Einerseits haben wir ein sozial gestaltetes Mietrecht. Und andererseits hat die Gemeinde auf den Wohnungsmarkt großen Einfluss.“ Das bedeutet, dass ärmere Menschen durch den restriktiven Mieterschutz und die hohe Anzahl an Gemeindebauwohnungen geschützt werden. 220.000 davon in Wien beherbergen rund eine halbe Million Menschen, die solcherart vor den Folgen einer rasanten Aufwertung ihres Grätzels gefeit sind. Dazu kommen städtische Förderungen für Sanierungsmaßnahmen und Genossenschaftswohnungen. „Die Gemeinde Wien investiert viel Geld in Wohnbauförderungen. Allein heuer sind es 193 Millionen Euro“, sagt SPÖ-Wohnbaustadtrat Michael Ludwig. „Wer zum Beispiel mit städtischer Förderung saniert, verpflichtet sich damit automatisch, die Mieten für die folgenden 15 Jahre nicht zu erhöhen. Wien gibt doppelt so viel für Sanierungen aus wie zum Beispiel Berlin, obwohl es nur halb so groß ist. Auf diese Art können wir Verdrängungstendenzen abfedern.“ Das alles führt dazu, dass die Macht des freien Marktes am Wiener Wohnsektor – im Vergleich zu anderen Städten – schwach ausgeprägt ist. „In London oder New York ist der Druck des Immobilienmarktes viel größer. Wenn dort ein Viertel aufgewertet wird, dann schafft es manchmal nicht einmal die Mittelschicht zu bleiben. So etwas wäre in Wien undenkbar“, sagt Stadtforscherin Betül Bretschneider. Die Kehrseite: Es braucht viel Zeit, bis in Wien Veränderungen zu greifen beginnen. „Bis man im Stuwerviertel zum ersten Mal bemerkt hat, dass sich etwas ändert, sind 20 Jahre vergangen“, sagt Corona Gsteu, die selbst dort lebt. Die US-Gentrification-Literatur hingegen nennt Zeitspannen von fünf bis zehn Jahren.
Wenn Gentrifizierung in Wien offenbar ohne Verdrängung vonstatten geht – wäre es da nicht ein lohnendes Projekt, noch weitere Viertel aufzuwerten? Latte macchiato in ganz Wien, ohne dass der Gemüsehändler ums Eck und der Call-Shop schließen müssen? Das Grätzel um den Meidlinger Markt nahe der U6-Station Niederhofstraße ist eines der gar nicht gentrifzierten in Wien. Hier, weitab des Stadtkerns, ist der Markt noch Markt und keine Feinschmeckeroase mit Inlokalen. Die wenigen Stände, die geöffnet haben, verkaufen Obst, Fleisch und Billigkleidung aus China. Es ist ein Markt, auf dem alte Frauen noch Marillen kaufen, um Knödel für ihre Enkel zu kochen. Die meisten Geschäftslokale stehen leer. Nur zwei Wettlokale im Umkreis von 100 Metern machen in grellen Farben auf sich aufmerksam. Eine Fleischverkäuferin klagt, dass sich ihre Kundschaft in den vergangenen Jahren um die Hälfte reduziert habe. „Die Stammkunden sterben langsam weg.“ Dass hier jemals eine Gentrifizierung stattfinden könnte, scheint ausgeschlossen. „Nahversorgung und Bewohner beeinflussen sich stark gegenseitig“, erklärt TU-Dozent Rudolf Giffinger die Situation in Meidling. Für Aufwertung bräuchte es den kleinen Bioladen statt Hofer oder Interspar. Dieser zieht dann die gewünschte Klientel an. In Meidling ist das aufgrund der Beschaffenheit der Häuser jedoch schwierig: „Für die Ansiedlung solcher Betriebe braucht es eine dichte Bebauung. Gründerzeitgebäude wie im Stuwerviertel haben sich dafür als flexibler und robuster erwiesen als die Bauten aus der Zwischenkriegszeit oder sozialer Wohnbau.“ Entsprechend schwer täte sich ein kleines Literaturcafé oder ein Künstlerstudio am Meidlinger Markt, wo die Häuser hauptsächlich aus der Nachkriegszeit stammen.
Die Pioniere der Gentrifizierung fanden trotzdem ihren Weg zum Meidlinger Markt. Allerdings kamen sie nicht als einzelne Wohnungssuchende, sondern als Studentengruppe. Dezidiertes Ziel war die Belebung des Marktes. „Meidlinger Markt er:lebt“ hieß das Projekt von TU und Akademie der bildenden Künste, das den Anstoß zur Aufwertung des Viertels geben sollte. Mit Kunstinstallationen wiesen die Studenten auf die kritische Situation des Grätzels hin. Ein jüngeres und vielleicht auch zahlungskräftigeres Publikum sollte auf diese Art für den Meidlinger Markt begeistert werden. Vor einem Monat endete die Aktion. Jetzt hat ein drittes Wettlokal aufgesperrt.
© Nachdruck bzw. Textübernahme - auch auszugsweise -
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
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