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Es gibt kein Gut und Böse

Die Mafia auf Augenhöhe: Die Verfilmung des italienischen Bestsellers „Gomorrha“ zeigt ungewohnte, ungeschönte Bilder der Camorra. Ein Interview mit Regisseur Matteo Garrone.
Matteo Garrone, 40, arbeitete zehn Jahre als Maler und Kameraassistent, bevor er seine eigene Produktionsfirma Archimede gründete. Mit dieser drehte er eine Reihe von Spiel- und Dokumentarfilmen, von denen vor allem „L’Imbalsamatore“ („Der Einbalsamierer“, 2002), ein unheimliches Melodram um einen liebeskranken Tierpräparator, international Beachtung fand. 2004 gastierte der Regisseur mit seinem Gesamtwerk beim Crossing Europe Filmfestival in Linz. Für seine Verfilmung des Camorra-Aufdecker-Romans „Gomorrha“ wurde Garrone heuer mit dem Großen Preis der Jury in Cannes ausgezeichnet.:

Das Interview findet in Matteo Garrones Wohnung in Rom statt, einer beeindruckenden Abfolge von Hallen, die bis zur fünf Meter hohen Decke mit gefundenen Objekten und Kunst angefüllt sind. Im Hintergrund huscht ein Freund mit Bohrmaschine vorbei, während nebenan ein Arbeiter ausmalt. Garrones hochschwangere Frau Nunzia bringt Espresso mit gezuckerter Kondensmilch und ruft aus dem Nebenraum, wenn ein Detail zur Antwort fehlt. Garrone selbst trägt bei gefühlten 40 Grad bunt gestreifte Shorts, ein geblümtes Hemd und das Dauerlächeln des werdenden Vaters.

Falter: Herr Garrone, hier in Ihrer Wohnung haben Sie das Drehbuch zu „Gomorrha“ geschrieben?

Matteo Garrone: Ja, und nicht nur das. Im Zimmer nebenan haben wir den Film auch geschnitten. Bis vor kurzem hätten Sie den Raum noch im Originalzustand sehen können: Alle Wände waren schwarz gestrichen. Gerade wird weiß ausgemalt. Mein Büro habe ich verlegt, denn in ein paar Wochen kommt unser erstes Baby. Das soll in einer fröhlicheren Umgebung aufwachsen.

Das Drehbuch entstand im Team, zu dem auch Autor Roberto Saviano gehörte. Nach Todesdrohungen der Camorra steht er bis heute unter Personenschutz. Mussten Sie während der Arbeit Schutzvorkehrungen treffen?

Mein erstes Treffen mit Saviano fand im Frühsommer 2006 statt. Da war „Gomorrha“ noch kein Bestseller, und er brauchte noch keinen Polizeischutz. Der Beginn der Drehbucharbeiten fiel dann genau zusammen mit einer fatalen Buchpräsentation in der Camorra-Stadt Casal di Principe. Nach diesem Auftritt erhielt Saviano Todesdrohungen, weil er angeblich die Bosse beleidigt hatte. Zu unseren Drehbuchsitzungen tauchte er dann immer mit mehreren Polizeibeamten auf. Das war kompliziert, aber wir haben uns daran gewöhnt.

Wie war die Stimmung unter solchen Vorzeichen?

Untereinander haben wir uns gut verstanden, aber die Drohungen haben natürlich ihren Schatten auf die Arbeit geworfen. Uns war klar, dass der Druck der Camorra zunehmen würde, und wir haben uns gefragt, wie und wo wir unter diesen Umständen überhaupt drehen können. Roberto kam dann immer seltener zu den Sitzungen.

Ihr Name steht noch unten am Klingelschild. Fühlen Sie sich gar nicht bedroht?

(Garrone sagt nichts, als wolle er es nicht verschreien, lacht und schüttelt den Kopf.)

Savianos Buch ist im Stil einer Reportage geschrieben, in der unüberschaubar viele Namen, Orte und Handlungsstränge vorkommen. Welcher Aspekt hat Sie besonders interessiert?

Wir haben beschlossen, uns auf fünf parallele Erzählstränge zu beschränken. Wir haben Charaktere ausgewählt, die unterschiedliche Erfahrungsbereiche verkörpern, und die sollten visuell erzählbar sein. Die Figur des Schneidermeisters Don Pasquale eröffnet zum Beispiel die neapolitanischen Nähwerkstätten mit ihren neonerleuchteten Hallen, während Franco und Roberto illegal Giftmüll in den gigantischen Zementsteinbrüchen Kampaniens versenken. „Gomorrha“ sollte stärker über Bilder als über Worte funktionieren, teilweise habe ich ihn mir als Stummfilm vorgestellt. Die emotionale Wirkung ist mir wichtiger als die rationale. „Gomorrha“ ist ein Bauchfilm, kein Kopffilm.

Saviano beschreibt auch die neoliberale Neuordnung der Camorra, die mittlerweile als Global Player auf dem Weltmarkt mitmischt. Im Film kommt, anders als im Buch, die „Management“-Ebene allerdings kaum vor. Gilt Ihr Hauptinteresse und bis zu einem gewissen Grad auch Ihr Mitgefühl dem ausgebeuteten Unterbau, dem Proletariat der Camorra?

Ja, absolut! Die Darstellung des neokapitalistischen Regimes der Camorra ist der interessanteste Aspekt des Buches. Saviano hat die internationale Vernetzung der Camorra recherchiert, seine Faktendichte ist enorm. Aber Film ist ein anderes Medium. Hier habe ich den Expansionsdrang des „Unternehmens“ Camorra nur durch kleine Zeichen angedeutet. Ich wollte menschliche Charaktere entwickeln, die mit der Realität des neapolitanischen Hinterlands leben und sterben.

Ihr Film zeigt Handwerk in einer durchs Verbrechen pervertierten Form. Statt ein Feld zu bestellen und Samen zu säen, wird ein Loch gegraben und Giftmüll hineingeschüttet. Schon in Ihren früheren Filmen gab es deviante Spielarten des Handwerks, in „L’Imbalsamatore“ etwa füllt ein Präparator tote Körper mit Drogen.

Die Idee des Handwerks hat in meinen Filmen immer eine wichtige Rolle gespielt: Die Hauptfigur von „Estate Romana“ ist Bühnenbildner, die von „Primo Amore“ Goldschmied, und in „Ospiti“ ist es ein Fotograf. Das kommt wohl daher, weil ich ursprünglich selbst Maler war. Handwerk ist natürlich auch eine Chiffre für Präzision. Bei „Gomorrha“ gab mir der Blick aufs Handwerk die Möglichkeit, die camorristische Welt von innen und ohne den Glamour zu zeigen, den man aus anderen Filmen über das organisierte Verbrechen kennt. Ich wollte ein ganz neues Bild dieser Welt entwerfen. Bosse gibt es genug im Kino, ich wollte die Leerstellen besetzen, die Menschen zeigen, die unter ihnen arbeiten.

Der Anti-Glam war also Teil des Konzepts?

Auf jeden Fall. Zur Vorbereitung auf den Dreh war ich drei Monate in Kampanien. Dort hab ich durch Recherchen und Nachfragen versucht, mein eigenes Bild von der Camorra zurechtzurücken. Ich wollte die Atmosphären spüren, die Gesichter der Leute sehen, die Saviano in seinem Buch beschreibt.

War Ihr eigenes Camorra-Bild vom Kino „verdorben“?

Meines weniger, aber es ist interessant, wie stark das Kino den Camorristi selbst als Vorbild dient. Ein Großteil ihrer Selbstinszenierung bezieht sich ja auf Filmfiguren. Und nie war es umgekehrt. Es ist nicht das Kino, das sich die Lebensumstände der Camorra ansieht, sondern die Camorra, die die Filme sieht und versucht, sie zu kopieren. In „Gomorrha“ spielen zwei Buben aus dem Umfeld des Casalesi-Clans in einer Ruine „Scarface“ nach. In dieser Szene kommen beide Welten zusammen, denn die Villa, in der ich gedreht habe, ist die Villa von Francesco Schiavone, einem Camorra-Boss, der mittlerweile in Haft sitzt. Schiavone hat angeblich seinem Architekten eine Videokassette in die Hand gedrückt und gesagt: Schau dir „Scarface“ an, ich will exakt die Villa von Tony Montana. Das ging bis zu den im Boden eingelassenen Marmorbadewannen, die nachgebaut wurden. All das mitten in Casal di Principe, umgeben von einer meterhohen Betonmauer, sodass man das Anwesen nur aus der Luft sah.

Jetzt steht es leer?

Ja. Der Ort ist einfach zu stark mit Bedeutung aufgeladen. Es ist eines der edelsten Gebäude in der Gegend, aber niemand will dort einziehen oder arbeiten.

Haben Sie selbst sich vor der Arbeit an „Gomorrha“ klassische Mafiafilme angesehen?

Nein, ich wollte nur sehen, wie es vor Ort ist, mich einfach überraschen lassen. Überrascht war ich dann auch: Es gab kein Schwarz und Weiß, Gut und Böse. Stattdessen ist dort alles Graubereich, wie ein riesiger Überlebenskampf, in dem tausende Seelen sich zu retten versuchen und wo es irgendwie auch schon egal ist, was legal ist und was nicht. Jeder, der dort zur Welt kommt, wird automatisch von diesem System konditioniert. Auch ich konnte bald nicht mehr zwischen Tätern und Opfern unterscheiden. Übrigens haben auch die Bosse, die ich dort getroffen habe, für mein Empfinden kein gutes Leben geführt.

Sie haben Ihre Bedenken erwähnt, im Einflussbereich der Camorra zu drehen. Gab es Schwierigkeiten?

Sagen wir so: Die Unterstützung der Menschen war im Endeffekt groß. Wir mussten uns weder offizielle noch inoffizielle Genehmigungen holen. Ich glaube, das liegt auch an der angesprochenen Faszination der Camorra für das Kino. Leute haben uns Orte gezeigt, Helfer empfohlen, wollten selber als Statisten mitspielen. Die Welt dort ist hermetisch. Wir kamen an und niemand nahm uns wirklich ernst – das Filmteam wurde als Zirkus wahrgenommen, der ein anderthalbmonatiges Gastspiel gibt.

Zwei Erzählstränge des Films laufen in einem heruntergekommenen, riesigen Betonkomplex zusammen,dessen Wohneinheiten durch eine Art schwebenden Steg verbunden sind. Auf diesem Steg wird geheiratet, aber auch hingerichtet. Wo haben Sie dieses beklemmende Gebäude gefunden?

Dieses Gebäude aus den 1960er-Jahren ist in Italien bekannt und berüchtigt. Es heißt Le Vele di Scampìa („Segel von Scampìa“, Scampìa ist ein Vorort von Neapel, Anm.d.Red.), und Saviano beschreibt es in seinem Buch. Es ist das Symbol für den neapolitanischen Drogenhandel, und seit man in der Nähe eine neue, größere Wohnanlage hochgezogen hat, leben dort nur noch wenige Familien. Demnächst wird die Anlage demoliert. Sie besitzt aber immer noch enorme Kraft: ein Labyrinth aus Zement, das völlig urzeitlich wirkt, aber auch an die rostige Sci-Fi- Welt aus „Blade Runner“ erinnert. Der Dreh auf dem „Steg“ von Le Vele hat die psychologische Dynamik des Films erleichtert. Inmitten der Fensterfronten dieses Wohnkomplexes spürt man sofort beides: sich selbst als ausgeliefertes Individuum und die Masse um sich herum. Hier trifft der junge Toto seine Entscheidung, ob er Teil der camorristischen Armee werden will. Für mich ist dieses spezielle Gebäude aber auch die Vorstufe einer anderen, ähnlich hermetischen und klaustrophobischen Anlage: des Gefängnisses, das ja über allem schwebt, obwohl es im Film nie vorkommt.

Wenn Sie drehen, übernimmt die Kamera die Rolle einer zusätzlichen Person. Während einer Schießerei scheint auch sie hinter einer Wand oder einem Betonpfeiler Deckung zu suchen. Wie haben Sie die Rolle der Kamera definiert?

Die Handkamera habe ich zum Teil selbst geführt, dabei wollte ich so nah an die Dinge rangehen, dass der Zuschauer meint, sie riechen zu können. Ein wenig wie bei der Kriegsberichterstattung. Die Kamera ist unsichtbarer Beobachter, und sie ist so geführt, dass möglichst wenige Schnitte notwendig sind. Wir wollten jeden Kommentar unterlassen. Die Gesichter selbst sollten eloquent genug sein. Dasselbe gilt für die Musik: Wir haben im Schneideraum mit einer kommentierenden Musik experimentiert. Aber das schien nicht richtig. Die Musik, die jetzt im Film ist, kommt aus der Handlung.

Ihre sehr körperliche Handkamera erinnert an das französische bzw. belgische Kino des Körpers, insbesondere an Filme der Dardenne- Brüder.

Einflüsse sind meistens unbewusst, aber „La Promesse“ hat tatsächlich starken Eindruck auf mich gemacht. Ich stelle mir meine Kameraarbeit als einen Tanz mit den Schauspielern vor, der es mir erlaubt, mit ihnen in einer Szene zu sein. Ich gebe ihnen die Freiheit, in jedem Take Neues auszuprobieren, und die Handkamera lässt mich flexibel darauf reagieren. Letztlich sind es das Licht, mein Blick und die Bewegung meines Körpers, die einer Szene ihre Form geben. Ein möglichst körperlicher Blick, das ist für mich Kino.

Wir haben schon über Berührungspunkte von Realität und Kino gesprochen. Ich habe gelesen, dass während eines Screenings von „Gomorrha“ in einem Gefängnis von Neapel ein Camorrist, der als Nebendarsteller agiert, von einem der Insassen erkannt und daraufhin verhaftet wurde. Wissen Sie noch, um welchen Mann es sich handelte?

Davon habe ich auch erst aus der Zeitung erfahren. Es wurden zwei Männer angezeigt. Der eine spielt in der Solariumsszene gleich am Anfang einen Killer und ist derzeit flüchtig. Der zweite Mann, der effektiv deshalb verhaftet wurde, weil man ihn im Film erkannt hat, wird wegen seines roten Bartes Barbarossa genannt und spielt in „Gomorrha“ selbst einen Camorra-Boss; er ist derjenige, der die Jungs Ciro und Marco bedroht, er werde ihnen den Hals abschneiden, wenn sie weiter in seinem Territorium Ärger machen.

Gab es noch mehr Laiendarsteller mit „lebensnahem“ Background?

Nein, nein, das hat die italienische Presse übertrieben dargestellt. Die meisten Leute sind Schauspieler, einige machen auch soziale Theaterarbeit in Gefängnissen und kennen daher das Milieu. Und die Jugendlichen habe ich bei einem Theaterprojekt in Scampìa gecastet. Es war mir schon wegen des Dialekts wichtig, dass die Darsteller aus einem gewissen Umfeld kommen. Im Rest Italiens musste „Gomorrha“ übrigens Italienisch untertitelt werden, weil das Gassen-Neapolitanisch keiner verstanden hätte.

Hier in Rom ist „Gomorrha“ überall plakatiert. Ist der Film in Italien ähnlich erfolgreich wie das Buch?

Ja, er ist kommerziell sehr erfolgreich, da haben die guten Kritiken aus Cannes geholfen. Die Einnahmen offiziell verkaufter Kinokarten liegen derzeit bei zehn Millionen Euro, aber keiner weiß, wie viele Besucher er außerhalb dieses Kassensystems hatte (lacht).

Glauben Sie, dass der Film politisch etwas bewirken kann?

Eine Kontroverse hat er nicht ausgelöst, sogar von der Regierung Berlusconi wurde er positiv aufgenommen. Der Bundespräsident hat eine Vorführung im Quirinalspalast veranstaltet. Zu diesem Screening kam auch Francesco Rosi, der mit „La Sfida“ 1958 einen der wenigen wirklich großartigen Filme über die Camorra gedreht hat – eine große Ehre. Aber Sie meinen wahrscheinlich eine ganz konkrete Interventionsebene: Es werden derzeit schon in ganz Italien kleine Militäreinsatzkommandos gegen Camorra und Mafia eingesetzt. Man geht das Ganze inzwischen wie eine kriegerische Auseinandersetzung an. Inwieweit Buch und Film dabei eine Rolle gespielt haben, kann ich nicht beurteilen. Seit dem Dreh bin ich wieder in Rom – in einer anderen, fernen Welt.
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