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Rechts und Rechter

Sie ergänzen einander perfekt und passen trotzdem nicht zusammen. Wie Jörg Haider und Heinz-Christian Strache neue Wähler fanden.
Naddel war zu erschöpft. Das deutsch-sudanesische Starlet, besser bekannt als Exfrau von Dieter Bohlen, schickte doch nur seinen Manager ins FPÖ-Zelt neben dem Rathaus. Wahlkämpfen macht eben müde. Zwei Nächte lang war die dunkelhäutige Schönheit mit dem FPÖ-untypischen Heimatbegriff („Meine Heimat ist, wo ich bin!“) mit Heinz-Christian Strache auf Jungwählerfang gewesen. In der Favoritner Disco Dorian Gray, auf deren Homepage man Naddel beim Verteilen von HC-Bärlis bewundern kann. In der Nachtschicht, wo die Jungfreiheitlichen nach eigenem Bekunden die roten Discogänger wegputzten. Und überall dort, wo sich nachts die Jugend tummelt. Etwa in einem Pub im tiefsten Favoriten, wo zahlreiche Jugendliche schon zwei Tage vor der Wahl bei Freibier nur darauf warteten, ihren HC zu begrüßen.

Am Sonntag kommt die Jugend dafür zur FPÖ. Im 70 mal 20 Meter großen Wahlparty-Bierzelt neben dem Rathaus tanzen die jungen Mädels in Tanktops auf den Heurigentischen und kreischen sich die Seele aus dem Leib. „HC!, HC !, HC!“ schallt es durch das Bier- und Schweinsbratengeschwängerte Festzelt. 18,01 Prozent gibt es hier zu feiern (Ergebnis noch ohne Wahlkarten).

Einen Bezirk weiter, im Neubauer Lokal Stylez, wo versucht wurde, alles möglichst chic in Orange zu dekorieren, setzt man hingegen auf retro. Die Fanfaren erklingen, als der Spitzenkandidat gegen 22 Uhr aus dem Wagen mit den getönten Scheiben steigt. Mit „The Final Countdown“, dem Schlachtlied, das den Aufstieg der Freiheitlichen in den 90er-Jahren begleitete, lässt sich BZÖ-Chef Jörg Haider feiern – schließlich erreichte seine Partei überraschend 10,98 Prozent.

Über den Wiederaufstieg der Rechten in Österreich hätte man sich auch gemeinsam freuen können. Und feiert trotzdem getrennt. Trotz Wahlerfolgs wirkt die orange Veranstaltung steif und kühl. Nur als der „Jörgi“ endlich auftaucht, steigt die Stimmung. Bei den Freiheitlichen geht’s dafür von Anfang an zu wie auf der Münchner Wies’n beim Oktoberfest. „Wir sind in einem jungen, urbanen Lokal, die FPÖ im Bierzelt. Schon daran erkennt man den Unterschied“, sagt BZÖ-Sprecher Heimo Lepuschitz.

Nicht nur beim Feiern setzen FPÖ und BZÖ verschiedene Akzente. Das ist auch der Grund, wieso beide Parteien so stark punkten konnten. FPÖ und BZÖ suchten sich neue Wählerschichten – und schafften so ein Rekordergebnis für das rechte Lager. Beide Parteien gemeinsam erreichten mit 28,99 Prozent nur um 0,72 Prozent weniger als die Erstplatzierte, die SPÖ. Wie konnte das passieren? Wer sind diese 1,2 Millionen Österreicher, die den Rechten zum Wahlsieg verhalfen?

„Wir wissen noch nicht, wie der freiheitliche Wähler aussieht“, sagte der Meinungsforscher Günther Ogris vom Institut Sora. Bei den BZÖ-Wählern sei man ebenfalls noch nicht viel weiter. Fest steht, dass die FPÖ es außergewöhnlich gut schafft, jene für sich zu gewinnen, die noch keine harten Getränke zu sich nehmen dürfen – zumindest offiziell. Bei den 16- bis 18-Jährigen, die bei dieser Wahl erstmals mitentscheiden durften, prophezeite FPÖ-Wahlkampfleiter Herbert Kickl schon vor der Wahl einen Erdrutschsieg für die Blauen. Dafür rannten die Freiheitlichen samt Spitzenkandidaten und jugendlicher Entourage durch Discos und Schulen. Alleine in Wien besuchten FPÖ-Funktionäre etwa 30 Schulveranstaltungen. Fast 300.000-mal wurde das freiheitliche Wahlkampflied „Viva HC“ aus dem Internet heruntergeladen, bei der blauen Abschlusskundgebung am Wiener Viktor-Adler-Markt stellten sich die jungen Frauen in Schlangen an, um einen FPÖ-Bärchen-Schlüsselanhänger mit blauem HC-Halstuch geschenkt zu bekommen. In der Lugner City, wo Strache vergangene Woche wie ein Popstar bejubelt wurde, schenkte eine junge Frau dem FPÖ-Chef nicht nur ihre Stimme, „sondern auch die meines ungeborenen Kindes“, und bekam dafür Strache als Taufpaten versprochen. „Wenn wir durch die Discos gezogen sind, hat man neben dem HC direkt Platzangst bekommen“, erzählt Johann Gudenus, Gemeinderat in Wien und Vorsitzender des Rings Freiheitlicher Jugendlicher (RFJ), der die Discotouren organisierte. Die jungen Frauen klebten sich HC-Bildchen auf ihre Oberteile, manche holten sich ihr Autogramm direkt auf das pralle Dekolletee.

Bei der BZÖ-Wahlparty stehen keine euphorisierten Teenager auf den Tischen. Hier nippt man gediegen am orangen Aperol Spritzer. Für den Table-Dance sind die Haider-Wähler schon zu alt. Trotzdem ist man immer noch per Du. „Deinetwegen. Österreich“ ließ der orange Spitzenkandidat quer durch Österreich plakatieren. Man kennt einander ja seit langem. Dem BZÖ gelang es, zumindest einen Teil derjenigen wieder abzuholen, die Haider schon in den 90er-Jahren bei seinem Aufstieg begleiteten. Als die FPÖ während der blauen Regierungsbeteiligung ab dem Jahr 2000 strauchelte und Haider immer unberechenbarer wurde, verabschiedeten sich viele in Richtung ÖVP. 2006 holte sich das BZÖ mit 60.000 Stimmen aus dem ÖVP-Lager den ersten Teil zurück, nun kamen nochmals 150.000 dazu. Es sind Leute, wie sie Jörg Haider auf dem Wahlplakat verkörpert. Die Hemdsärmel werden aufgekrempelt, man will es noch einmal anpacken. Daneben ein Glas guten Weines. Am Handgelenk eine Rolex, nicht die teuerste, aber immerhin. Man hat sich schließlich im Leben schon etwas erarbeitet. Nun stehen die „Haiderianer“ im orangen Lokal und schunkeln zu „We Are the Champions“.

Die Freiheitlichen, die am späten Abend von Falco auf Neue Deutsche Welle umsteigen, wilderten parallel dazu bei den Roten. 2006 konnten 119.000 SPÖ-Wähler überzeugt werden, jetzt sind es nochmals mehr als 170.000. „Wir merken, seit Strache 2005 Parteichef wurde, einen enormen Zulauf zum RFJ“, sagt dessen Obmann.

Wie viele Erstwähler, die noch zur Schule oder in die Lehre gehen, tatsächlich FPÖ ankreuzten, dafür fehlen gesonderte Zahlen. Fest steht, dass die Freiheitlichen bei den unter 30-Jährigen zwischen 30 und 33 Prozent der Stimmen einfuhren. SPÖ und Grüne kamen bei dieser Gruppe auf jeweils 14 Prozent, das BZÖ auf zehn. „Die jüngeren Leute kennen den Haider gar nicht mehr“, meint Gudenus. Wegen der jugendlichen Begeisterung für die FPÖ von einer Generation neuer Rechter zu sprechen, sei aber falsch. „Diese Jugendlichen sind zum überwiegenden Teil völlig ideologiefrei“, sagt der RFJ-Chef, „die haben doch keine Ahnung vom Dritten Reich“. Was für sie zähle, sei die Angst vor fehlenden Ausbildungschancen, Arbeitsplätzen und vor Ausländern.

Trotz Ideologiefreiheit wählten sie nun wieder diejenigen ins Parlament, die eine Burschenschafterbude sehr wohl von einem Branntweiner unterscheiden können. Harald Stefan etwa, ein „Alter Herr“ der berüchtigten deutschen Burschenschaft Olympia und enger Strache-Vertrauter, oder Susanne Winter, jene Grazer FPÖ-Politikerin, die sich wegen Sagern wie Mohammed sei ein Kinderschänder gewesen wegen Verhetzung und der Herabwürdigung religiöser Lehren bald vor Gericht verantworten muss. Noch ideologiefreier als die jungen Disco-Kids scheinen nur die Wähler des BZÖ. Vom Markt- und Meinungsforschungsinstitut GfK auf die Bedeutung bestimmter Themen für ihre Wahlentscheidung angesprochen, ist den Haider-Sympathisanten alles gleich wichtig oder unwichtig. Entscheidend war vor allem eines: Jörg Haider. Jeder zweite BZÖ-Wähler begründete sein Kreuzerl mit dem Spitzenkandidaten. Damit ist das BZÖ auch offiziell nicht mehr als eine One Man-Show, sponsored by Kärnten. „Es gibt heute immer weniger Leute mit Kastldenken“, glaubt der orange Wahlkampfstratege Stefan Petzner, „die Zeit der Ideologie ist vorbei“.

Strache vergisst die Ideologie nicht. Er setzt sie gezielt und unterschwellig ein, um nicht nur Proteststimmen zu sammeln, sondern auch bis nach ganz weit rechts zu punkten. „Heute werden wir mehr als drei Bier trinken“, rief er der jubelnden Menge zu, in Anspielung auf ein Foto des FPÖ-Chefs aus Jugendtagen, auf dem er die Hand mit drei gespreizten Fingern hebt. So sieht auch der Kühnen-Gruß aus, eine Abwandlung des verbotenen Hitlergrußes. Die FPÖ-Wähler hatten auch ganz klare Gründe für ihre Wahlentscheidung: Zuwanderungsstopp, Abschiebung straffälliger Asylwerber und Volksabstimmung über EU-Verträge waren dort die Highlights.

Dafür schickt auch das BZÖ seine Ideologen ins Hohe Haus. Stefan Petzner etwa, BZÖ-Generalsekretär und Haiders rechte Hand, der in Kärnten „Wollen Sie eine endgültige Lösung der Ortstafelfrage?“ plakatieren ließ, eine Anspielung auf Görings „Endlösung der Judenfrage“ und Goebbels’ Sportpalastrede. Auch Ewald Stadler sitzt wieder im Parlament. Der Ex-Freiheitliche und Burschenschafter, der im Streit mit FPÖ-Chef Strache die Partei verließ und zu Haider zurückkehrte, ist überzeugt, dass Österreich 1945 nur „angeblich befreit“ wurde und würde Abtreibungen als „Mord am Ungeborenen“ am liebsten wieder unter Strafe stellen.

Auch sonst gingen sich beide Rechtsfraktionen brav aus dem Weg. Bei den Arbeitern lagen die Blauen weit vor den Orangen. Die klassischen Blue-Collar-Arbeiter, also die un- oder angelernten Hackler, marschierten von der SPÖ direkt zu HC Strache, jene, die etwas besser gestellt sind, zu Haider. Das BZÖ besiegte die FPÖ dafür bei den Hausfrauen mit 22 zu 15. Bei den Ausländern schlug die FPÖ zurück. Während bei den Orangen lediglich ein paar Chinesen und ein von Stadler eingeladener bulgarischer Anwalt aufkreuzten, spielte bei der FPÖ die Brojanica, ein traditionelles Armband der serbischen Orthodoxie, am Wahlabend eine nicht unbedeutende Rolle. Er habe dieses Armband geschenkt bekommen, als er den Patriarchen von Belgrad besuchte, rief Strache ins Mikrofon. „Schließlich geht es uns um die Rettung des christlich-europäischen Abendlandes.“

Mit solchen Sprüchen kann man auch bei Zuwanderern punkten. Zwölf Prozent der Menschen, die zwar mit österreichischem Pass geboren wurden, aber trotzdem Migrationshintergrund haben, wählten diesmal Blau, bei den Eingebürgerten waren es acht Prozent, jeweils doppelt so viele wie beim BZÖ. „Wir haben sehr viele Neo-Österreicher, die sich hier eine Existenz aufgebaut haben und nun fürchten, vom nächsten Schwall Ausländer verdrängt zu werden“, sagt FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky.

Beim orangen Fest gibt es dafür Klagen über Ausländer, etwa von einem BZÖ-Sympathisanten, der verkündet, er sei eben „als letzter Österreicher aus dem Gemeindebau gezogen“. Dafür hätte es auch im FPÖ-Zelt Beileid gegeben.

Wenn die beiden Parteien einander inhaltlich so nahe kommen und sich dann auch noch vom Wählerpotenzial so perfekt ergänzen, wieso dann nicht gemeinsam marschieren und zum Sprung auf Platz eins ansetzen? Mit einem Strache, der poltert und einem Haider, der anpackt? Beim BZÖ ist der Grund dagegen mit einem Wort erklärt: Strache. Der blaue Parteichef müsse erst verschwinden, dann sei der Weg zur Wiedervereinigung offen. Bei der FPÖ ist zu hören, das dritte Lager habe sich schon wiedervereint, und zwar unter FPÖ-Chef Strache. „Jörg Haider ist wie Treibsand, der ist heute hier und morgen schon wieder fort“, sagt ein blauer Funktionär. Unter der Hand ist aber noch ein dritter Grund zu hören: „Wir waren noch nie so stark wie jetzt nach der Spaltung“, sagt ein FPÖ-Mitglied, das auch zum BZÖ gute Kontakte hält, „da wäre doch nichts blöder, als so ein großes Potenzial durch eine Wiedervereinigung kaputtzumachen“.
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