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Die Islamlehrer

Eine neue Studie enthüllt das autoritäre und undemokratische Weltbild muslimischer Religionslehrer
 
Falter 05/2009 vom 28.1.2009
Ressort Politik > Demokratie
Autor Stefan Apfl

Infobox Anas Schakfeh im Interview

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Die Ergebnisse sind katastrophal“, erzählte Mouhanad Khorchide vor einem halben Jahr bei einem Gespräch im Café Schottenring. Mehr verriet der Mann über seine Dissertation zum Thema Islamischer Religionsunterricht in Österreich nicht. Die Wahlen standen kurz bevor, und er wollte den Freiheitlichen keine Munition für einen Anti-Islam-Wahlkampf liefern.

Im Oktober werde die Arbeit als Buch erscheinen, dann müsse die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGIÖ) endlich handeln (siehe Interview Seite 12). Das Buch ist nicht erschienen. Über die Gründe dafür lässt sich nur spekulieren, Khorchide ist seit dem Treffen nicht mehr erreichbar. Die Studie ruht derweil in der Nationalbibliothek, dorthin verirrt sich auch kein Freiheitlicher auf der Suche nach Integrationsproblemen. Die IGGIÖ ist über die Ergebnisse informiert, an einer breiten Debatte scheint keiner ihrer Funktionäre interessiert.

Der Autor der Dissertation, der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide, 37, war kein gewöhnlicher Doktorand. Und „Der Islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft“ ist keine der üblichen Studien über Risiken und Chancen, mit Vorwort eines Integrationssprechers und Nachwort eines Islamvertreters.

Mouhanad Khorchide ist ein liberaler Muslim, einer, der den Koran nicht wortwörtlich nimmt und der sich im Studium von der Wissenschaft und nicht von Gottes Wahrheit leiten lässt. Er predigt in Wien als Imam und bildet Lehrer fort, er hat selbst als Religionslehrer unterrichtet und am Islamischen Religionspädagogischen Institut der Uni Wien als Assistent gearbeitet.

Was die Studie aber zur bisher wohl wichtigsten Arbeit in Sachen Islam, Schule und Integration macht, ist ihr exklusiver Zugang: Da die Oberen der IGGIÖ in Khorchide eine Zukunftshoffnung sahen, durfte er 2007 bei einem Kongress der heimischen Religionslehrer seine Fragebögen austeilen. 210 der damals etwa 330 Lehrer retournierten die Bögen ausgefüllt. Vor allem für Wien und Niederösterreich, wo laut Experten die weitaus besseren Lehrer unterrichten, sind die Aussagen repräsentativ; Hilde Weiss, eine Kapazität auf dem Feld der Integrationsforschung, betreute die Dissertation, die mit Sehr Gut benotet wurde.

Wer die Studie liest, kann sich vorstellen, wie überrascht Mouhanad Khorchide gewesen sein muss, als er die Bögen auswertete (siehe Grafiken). Beginnen wir mit den verstörendsten Antworten: „Lehnen Sie Demokratie ab, weil sie sich mit dem Islam nicht vereinbaren lässt?“ 21,9 Prozent („trifft sehr zu“ und „trifft eher zu“ wird jeweils addiert) sagen Ja. „Lehnen Sie die Menschenrechtserklärung ab, weil sie sich mit dem Islam nicht vereinbaren lässt?“ 27,1 Prozent bejahen. „Hätten Sie Verständnis dafür, wenn Muslime, die vom Islam abgefallen sind, mit dem Tod bestraft würden?“ 18,2 Prozent Zustimmung. „Sehen Sie einen Widerspruch zwischen Muslim sein und Europäer sein?“ 28,4 Prozent sagen Ja. Zwei Drittel der Lehrer gaben an, bei Problemen zwischen Schule, Schülern und Eltern als Mediator zu fungieren.

Es ist nicht lange her, dass katholische Priester als weltliche Autoritäten galten und in den Schulklassen im Namen der Erziehung religiöse Indoktrinierung betrieben. Heute nutzt der kleine Franz „Reli“ eher dazu, Hausaufgaben zu schreiben, als sich Anleitungen für den Alltag zu holen.

Für seinen Sitznachbarn Mohamed hat der Islamunterricht hingegen noch eine andere, weltlichere Bedeutung. Die immense Rolle der Religion als Identitätssensor für Migranten der zweiten und dritten Generation ist mittlerweile unbestritten – Khorchide selbst kam in seiner vorangegangenen Studie zu diesem Schluss. Nun hat er bei denen nachgefragt, die diese Identitäten maßgeblich stiften.

Die Studie weist ein Viertel der Lehrer aus, die auf Fragen nach Demokratie, Rechtsstaat und Integration genauso antworten, wie rechte Populisten es behaupten und Liberale es befürchten. Je älter die Lehrer, desto höher die Ablehnung rechtsstaatlicher Prinzipien. Je höher die Identifikation mit Österreich, desto höher auch die Anerkennung. 32,7 Prozent lehnen die rechtsstaatlichen Prinzipien ab (35,5 Prozent von im Ausland und 21,3 Prozent von im Inland Geborenen). Der Studienautor fasst mehrere Fragen zu Demokratie und Rechtsstaat zusammen und zieht den Schluss, dass 22,6 Prozent der Lehrer „fanatische Haltungen“ einnehmen – die Zahl ist übrigens zwischen Österreichern und Ausländern gleich verteilt.

Zwar meldet sich etwas mehr als die Hälfte der Schüler vom sunnitisch geprägten Pflichtfach ab. Dennoch unterrichten derzeit 394 Lehrer 50.000 muslimische Kinder. Vor diesem Hintergrund ist Beunruhigung angebracht, wenn 44 Prozent der Lehrer die Vermittlung von Überlegenheitsgefühlen als vorrangiges Ziel betrachten.

Um den Status quo des Religionsunterrichts und die Ergebnisse der Studie zu verstehen, muss man einen Blick zurück ins vergangene Jahrhundert werfen. Seit dem Islamgesetz von 1912, einer Folge der Annexion Bosniens durch die österreichisch-ungarische Monarchie, ist der Islam eine offiziell anerkannte Religion. 1979 erhielt die IGGIÖ den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts. Die autonome Ausrichtung des Religionsunterrichts war eine der wichtigsten Folgen.

Im staatlichen und säkularen Schulsystem sollen weltoffene Kinder ausgebildet werden. Gleichzeitig lässt der moderne Staat Religionen einen Freiraum – und finanziert diesen. Die IGGIÖ etwa bildet die Lehrer aus und bescheinigt ihnen die Lehrbefähigung, sie hat für Lehrpläne und Bücher zu sorgen, den Unterricht mit den Schulen zu koordinieren und diesen auch zu inspizieren. Lehrer und Fachinspektoren werden vom Staat bezahlt.

Im Unterricht dürfen nur Lehrbücher und Lehrmittel verwendet werden, die nicht im Widerspruch zur staatsbürgerlichen Erziehung stehen. „Das ist grundsätzlich eine sanktionslose Norm“, erklärt Professor Richard Potz, Doyen für österreichisches Religionsrecht. Sollte es zu Problemen mit Lehrmitteln oder Lehrern kommen, kann der Staat Kontakt aufnehmen, aber nicht unmittelbar eingreifen. „Die Zusammenarbeit zwischen Staat und Religionsgemeinschaft“, sagt Potz, „hängt von deren Goodwill ab.“

In den vergangenen Jahren tauchten immer wieder Probleme auf. So war das Mitglied einer international als Terrororganisation eingestuften Vereinigung als Religionslehrer tätig und in Wien für die Auswahl der Lehrer zuständig. Dann erregte das gelinde gesagt orthodoxe Buch „Erlaubtes und Verbotenes im Islam“ des international bekannten Islamisten Yusuf al-Qaradawi Proteste. Acht Jahre lang war es als Lehrbuch eingesetzt und erst auf Druck des zuständigen Kultusamtes hin entfernt worden.

Oder Amir Zaidan. Der hessische Verfassungsschutz verhinderte, dass der gebürtige Syrer im deutschen Bundesland den Religionsunterricht organisierte, weil er als zu radikal galt. Dann kam er nach Österreich, wo er seit 2003 federführend in der Fortbildung der Religionslehrer zuständig ist. Oder Adnan Ibrahim. Der bekannte Wiener Imam aus Palästina ist in der Vergangenheit mehrmals in den Verdacht der Verhetzung geraten. Erst unlängst soll er Israel laut Standard in einer Predigt als „Bestie“ bezeichnet haben. Ibrahim bildet seit sechs Jahren Religionslehrer an der Islamischen Religionspädagogischen Akademie aus.

Die Ursachen dafür liegen in den Anfängen des Religionsunterrichts, der seit 1982 an Österreichs öffentlichen Schulen stattfindet. Wegen der jährlich wachsenden Nachfrage holte die IGGIÖ Lehrkräfte aus der Türkei und arabischen Staaten ins Land. Die meisten verfügten weder über Deutschkenntnisse noch über eine pädagogische Ausbildung. Strenggläubige Eltern aber hatten von nun an zumindest eine Alternative zu Koranschulen.

Bis 2003 gab es nur einen Fachinspektor für rund 300 Lehrer, nämlich IGGIÖ-Präsident Anas Schakfeh. Erst nachdem er zugegeben hatte, dass er keine Zeit für Schulbesuche fand, wurden weitere Inspektoren angestellt. Bis dahin waren die Lehrer 20 Jahre lang unbeaufsichtigt.

Noch immer besitzt jeder dritte Islamlehrer keinen österreichischen Pass, unter ihnen sind vor allem Türken, aber auch Syrer, Libanesen und Ägypter zu finden; Immigranten der ersten Generation, die Demokratie und Freiheit in ihren Heimatländern nicht kennengelernt haben. Wie sollen sie nun ihren Schülern einen offenen Umgang mit Andersdenkenden vermitteln?

„Nur etwa dreißig Prozent der österreichischen Lehrer haben eine religionspädagogische Ausbildung, die dem europäischen Standard entspricht“, sagt Professor Ednan Aslan. Seit zwei Jahren leitet der gebürtige Türke den Universitätsstudiengang Islamische Religionspädagogik, wo er Religionslehrer für höhere Schulen ausbildet. Wenn er von den Zuständen im Religionsunterricht erzählt, dann wird er energisch. Aslan kennt nicht nur die Studie, er kennt das dahinter stehende System. Der ehemalige Fachinspektor ist selbst Teil davon und hat es sich zur Aufgabe gemacht, es zu verbessern. „Wenn die Reformbewegungen in der Glaubensgemeinschaft nicht gefördert werden“, sagt Aslan, „gewinnen die Hardliner immer mehr Einfluss.“

Die Studie belegt seine Analyse, denn ein Drittel der Befragten fühlt sich wegen schlechter Deutschkenntnisse und mangelnder Ausbildung überfordert. Gleichzeitig fördern die Ergebnisse die Unzufriedenheit vieler Lehrer mit dem System zutage: 57,5 Prozent sind mit den Lehrplänen unzufrieden, 79 Prozent mit Lehrmaterialien und 85,7 Prozent mit Lehrbüchern. Der Lehrplan für den Unterricht stammt aus 1982, demnach werden noch islamische Gesetzgebung und der islamische Staat behandelt – also Scharia und Gottesstaat.

Hinter der Neustiftgasse 117 bildet die IGGIÖ seit zehn Jahren eine neue Generation von Religionslehrern aus. „Islam und Demokratie sind nicht vereinbar“, sagte der Studentenvertreter der Islamischen Religionspädagogischen Akademie (IRPA) Mitte Dezember in der ORF-Sendung „Orientierung“. Nun fühlt er sich falsch verstanden und lehnt Interviews ab.

In einer Klasse liest gerade ein Lehrer mit ruhiger Stimme auf Arabisch vor – ihm gegenüber sitzen vorwiegend Mädchen mit Kopftuch und Schleier. Es ist bereits spätabends, als IRPA-Direktor Yasar Sarikaya die Tür zum Festsaal öffnet. „Es braucht harte Arbeit“, sagt der Deutsch-Türke, „und viel Anstrengung, um hier Projekte mit wissenschaftlichem Anspruch durchzusetzen.“ Es ist kein leichtes Erbe, das der moderate Islamwissenschaftler Sarikaya vor einem halben Jahr angetreten hat.

Seit zwei Jahren ist die IRPA eine Hochschule. Die IGGIÖ präsentiert sie gerne als Vorzeigemodell. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählen Dozenten und Studenten von Vortragenden, die die Fächer, die sie unterrichten, niemals studiert haben; von in Österreich geborenen Studenten, die isoliert aufgewachsen sind; und von der Dominanz der IGGIÖ, die alle wichtigen Entscheidungen treffe.

Die Studie nennt die Ausbildung an der IRPA „einseitig, weil die Vermittlung allgemeiner menschlicher Werte im Gegensatz zu Ritualen und Gesetzen nicht vorrangig“ sei. Wenn sich das neue Curriculum etabliere, sagt Direktor Sarikaya, dann würden hier Lehrer ausgebildet, die fachlich und didaktisch sehr kompetent sind, die die Gesellschaft kennen und sich auch zu ihr bekennen. Wie lange das dauern wird? „Etwa fünf bis zehn Jahre“, sagt er.

„In der Glaubensgemeinschaft mangelt es nicht an gutem Willen, sondern an Initiative, Koordination und Professionalität“, sagt ein hoher Beamter, der mit der IGGIÖ in Kontakt steht und nicht öffentlich sprechen darf. Der Blick von außen attestiert Vetternwirtschaft, Unkenntnis westlicher Werte und Reformangst.

Es wird gerade darüber diskutiert, was passiert, wenn eine Glaubensgemeinschaft grundlegend gegen ihre Pflichten als öffentlich-rechtliche Körperschaft verstößt, erzählt Richard Potz, Professor für Religionsrecht an der Uni Wien. „Im äußersten Fall müsste die offizielle Anerkennung zurückgenommen werden“, sagt Potz, „aber das hätte gesellschaftspolitisch katastrophale Auswirkungen.“

Wie also kann man die IGGIÖ zur Reform bewegen, damit Kinder in diesem Staat nicht mit Religionslehrern konfrontiert werden, die dem gesellschaftlichen und politischen Grundkonsens in diesem Land nicht zustimmen?

Die IGGIÖ, das ist Anas Schakfeh. Draußen regnet es. Er sitzt in seinem Büro in der Bernardgasse 5, gleich um die Ecke der IRPA. Seit zehn Jahren lenkt der Präsident bereits die Geschicke der Gemeinschaft – auch im Religionsunterricht. Das offizielle Österreich schätzt den gebürtigen Syrer, Träger des Goldenen Ehrenzeichens der Republik, als Integrationsfigur.

Schakfeh ist Leiter des Schulamtes und hat selbst ohne einschlägige Ausbildung 20 Jahre lang Islam unterrichtet. Im Nebenjob arbeitet er für die Botschaft des Gottesstaates Saudi-Arabien. Auch er bildet an der IRPA Lehrer fort.

Ist er, der für eine menschenverachtende Theokratie arbeitet und der von Didaktik und Pädagogik wenig versteht, der richtige Mann, um einen offenen und modernen Religionsunterricht zu etablieren?

Unlängst hatte Schakfeh subtil Israels Existenzrecht verneint. So beginnt das Gespräch über den Religionsunterricht auch mit einer Diskussion über den Gazakrieg. Die Studie Khorchides? In Teilen habe er sie zur Kenntnis genommen. „Katastrophal sind die Ergebnisse nicht. Aber auch nicht in Ordnung“, sagt er, „Studienautor Khorchide unterrichtet an der IRPA. Es ist auch seine Aufgabe, es besser machen.“

Die notwendige Reform ist von Schakfeh wohl nicht zu erwarten. Allmählich tauchen aber Hoffnungsträger auf; solche wie Uni-Professor Ednan Aslan, die nicht länger schweigen wollen; wie IRPA-Chef Yasar Sarikaya, die von außen einen wissenschaftlichen Anspruch in das System tragen; und solche wie Mouhanad Khorchide, Vertreter einer neuen Generation österreichischer Muslime, die auf Deutsch dasselbe sagen wie auf Arabisch.
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