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Ihr könnt uns mal gerne haben: Deutsche in Wien

Die Deutschen sind in Wien die zweitgrößte Migrantengruppe. Sie zeigen wenig Lust, sich zu integrieren. Dazu ist es aber sowieso zu spät
 
Falter 12/2009 vom 18.3.2009
Ressort Stadtleben > Deutschland
Autor Christopher Wurmdobler

Infobox Die Fakten

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Wie kann ich Ihnen helfen? Bitte sehr, bitte gleich, denn bei Fielmann hat Tempo Methode. Wie deutsche Gründ- und Höflichkeit. Manche finden professionelles Freundlichsein abstoßend. Für Wien war der Antigrant jedenfalls neu, als die Hamburger Brillenladenkette vor neun Jahren hier die erste Filiale eröffnete: Man musste nicht lange warten, wurde gleich bedient, und zack, zack war die Brille fertig. Die Brillen kamen aus Deutschland, die meisten Angestellten, die sie verkauften, auch. Der Unternehmenssprecher beteuert am Telefon, dass es zwar Fielmann-Philosophie sei, Mitarbeiter zu haben, die hinter der Firma stünden; nicht jedoch, dass sie ausschließlich aus Deutschland kommen müssten. Wien sei eben attraktiv, und man möchte schließlich Auslandserfahrung machen, so als Mitarbeiter und Mensch.

Richtig: Österreichs Hauptstadt ist schön, und deshalb ist es wohl eher Zufall, dass sich seit dem Jahr 2000, als der Brillenladen auf der Mariahilfer Straße aufsperrte, die Zahl der Deutschen in Wien fast vervierfacht hat. Mit Stichtag 1.1.2009 waren hier 40.382 deutsche Staatsangehörige mit Haupt- oder Nebenwohnsitz gemeldet. Dazu kommen noch 36 obdachlose Bundesbürger, ja, die gibt’s. Insgesamt sind das so viele wie das niederösterreichische Wiener Neustadt Einwohner hat; mehr als der erste und der achte Bezirk zusammen.

Die Deutschen in Wien sind kein Grüppchen mehr, sie fallen auf. Sie sitzen bei Billa an der Kasse oder kellnern im Kaffeehaus – schon kursiert die urban legend vom Deutschen, der nicht „Melãnsch“, sondern, hahaha!, „Melange“ sagt, nach der Schrift gesprochen wie „Belange“. Sie sind Ärztin oder Pfleger im Spital – und prompt wird professionelle Genauigkeit als Störfaktor empfunden. Auch der Uniwissenschaftler kommt aus Deutschland, so wie die Studentin – und alle nehmen sie natürlich „uns Österreichern“ den Arbeits- oder Studienplatz weg. Hallo? Das gehört halt zu Europa. Vielleicht machen Deutsche ja einfach ihren Job besser, sind qualifizierter, fleißiger oder schlauer.


Die Deutschen gibt es nicht


„Die Deutschen“ sind natürlich ebenso Klischee wie „die Wiener“ oder „die Türken“. Vor den Türken machen die Migranten aus Deutschland in Wien übrigens die zweitgrößte Einwanderergruppe aus, auf Platz eins: Menschen aus Ex-Jugoslawien. Die Deutschen sind die Akkuraten. Sie nerven mit den drei Ps (Pingeligkeit, Pünktlichkeit & Piefkenesisch), der Die-oder-das-Cola-Diskussion, und sie wollen partout nicht verstehen, dass Wienerisch kein Dialekt, sondern eine eigene Sprache ist. Die Deutschen sagen Stuhl, wenn sie Sessel meinen, Schrank statt Kasten. Man geht hoch statt hinauf, was anderes kommt gar nicht in die Tüte, pardon ins Sackerl.

Wer sich als Deutscher in Wien unbeliebt machen möchte, sollte sich öffentlich über lokale Eigenheiten wundern. Die sicherste Methode ist, vermeintliche Schlampigkeiten anzuprangern, die Behäbigkeit von Servicekräften, die Unfreundlichkeit von Schalterpersonal nicht als gegeben hinzunehmen. Riecht’s hier irgendwo nach Klugscheiße? Voilà, der Deutsche tritt ganz bestimmt hinein! Und ist die Ösi-Piefke-Kiste erst einmal geöffnet, gibt es kein Halten mehr. Deutsch zu lernen, mit diesem Hinweis beißen Grantler und Rassisten bei Deutschen naturgemäß auf Eichenholz. Also beklagt sich der Wiener, dass die Deutschen keinen lokalen Dialekt sprechen respektive verstehen – und hasst leidenschaftlich.

Die Schadenfreude über die Niederlage im Finale (!) der Fußball-EM 2008 in Wien war unverhohlen. Das Falter-Cover ohne deutsche Fans machte viele wütend. Sogar Deutsche, denen Nationalstolz sonst egal ist, spazierten schwarz-rot-gold geschmückt durch die Stadt: Hallo, wir sind Vizeeuropameister! Aber nur Vize, ätschten die Wiener und machten eine lange Nase. Deutsche sind nicht nur besser im Fußball, sie sind – zumindest in Wien – überdurchschnittlich gut gebildet. Fast die Hälfte der Migranten aus Deutschland hat Abitur, 28 Prozent einen Hochschulabschluss. Der österreichische Schnitt liegt bei 23 Prozent Matura und neun Prozent Uniabschluss. Deutsche haben hier gute Jobs, oft in Führungspositionen. Gastronomie-Hotellerie ist dabei nur marginal, selbst wenn vor einigen Jahren (ost-)deutsches Skihüttenpersonal ein großer Aufreger war. Die meisten arbeiten im Handel und Gesundheitsbereich. Und sie sind jünger: 2007 waren 43 Prozent der deutschen Zuwanderer unter 29, weitere 28 Prozent zwischen 30 und 44 Jahren.

Das Thema Zuwanderung aus Deutschland sei zwar sehr interessant, sagt der Migrationsexperte von der Akademie der Wissenschaften, aber leider überhaupt noch nicht erforscht. Eine gewisse Ablehnung sei aber sehr wohl zu beobachten: Es würden Unterschiede konstruiert, kulturelle Differenzen, um sich vom anderen abzugrenzen. Dabei liefern nicht nur dumpfe Stammtischbrüder ressentimentgeladene Verbalattacken, von Wiener Alltagsrassismus berichten Deutsche aus allen Milieus. Jeder gelernte Wiener deutscher Herkunft kennt den halb im Scherz ausgesprochenen Piefke-Sager, dem unmittelbar die Zusicherung folgt, dass man selbst natürlich die Ausnahme vom Feindbild sei. Schleimer!

Die Kollegin bei der Wiener Antirassismusstelle Zara spricht sogar vom „Piefke-Rassismus“; berichtet, dass vielen die Sensibilität fehle und die Kreise, in denen diese Art von Ausgrenzung passiere, sie überraschen. Trotzdem käme es nur selten vor, dass sich jemand wegen eines gezischelten „Scheiß Piefke“ bei Zara meldet. Antideutsche Schmierereien gibt es offenbar keine. Noch nicht.


Deutsche sind nicht integrierbar


Vorbei die Zeiten, als es Deutsche nach Wien zog, weil hier der oder die Liebste lebte. Weil die Stadt so herrlich ostblockig, so unaufgeregt metropolig war oder Thomas Bernhard an der Burg so bizarr leidenschaftlich ausgebuht wurde. Oder einfach, weil der Chef beschlossen hatte, einen Fuß in der Tür nach Osteuropa haben zu wollen. Denen, die in den letzten Jahren gekommen sind, geht es nicht um Geschlechtsverkehr mit Einheimischen, Wiener Charme, Thomas Bernhard und resopalverkleidete Vorstadtwirtshäuser voll resoluter Schnitzelköchinnen. Sie wollen einen Job oder einen Studienplatz, keinen Freundeskreis. Dass es dazu noch eine der schönsten Städte der Welt als Draufgabe gibt, ist eher Nebensache. Aber es hätte ebenso Zürich sein können. Und das ist wahrscheinlich genau das Problem.

Der deutschen Arbeits- und Studienmigration der vergangenen Jahre liegen wirtschaftliche Schwierigkeiten in der Bundesrepublik zugrunde. Studierende bleiben in Wien lieber unter sich – und imitieren damit übrigens das Verhalten ihrer Studienkollegen aus den Bundesländern, die ebenfalls neu in Wien sind. Wahrscheinlich macht es die gemeinsame Sprache nicht einfacher, kulturelle Unterschiede zu entdecken.

Die Wiener machen es den Deutschen aber auch nicht leicht. Dabei geben sich die Neuen doch so viel Mühe, sie zu verstehen. Auf Onlineplattformen gründen sie Foren, fragen einander Sachen wie: „Wer kennt eigentlich den Ausdruck ‚leiwand‘?“ Sie kichern und erzählen einander, was sie nach Wien verschlagen hat. „Was man von Wien gesehen haben sollte“, heißt ein Thread in einem Deutschenforum. Mit Gründlichkeit werden Wien-Anfängern hier Republikausstellung, Rathaus und Josef Hader ans Herz gelegt. Wie nett. Wie interessiert.

Immer öfter macht deutscher Humor in Wien Station. Dass der bayrische Comedystar Michael Mittermayer vom österreichischen Publikum geschätzt wird, ist klar. Und dass Harald-Schmidt-Anhang Oliver Pocher mit seinem frechen Mundwerk in Wien längst nicht mehr nur das kleine Audimax, sondern die Stadthalle füllt, hängt wohl mit seiner Medienpräsenz zusammen. Dass aber Protagonisten des deutschen Unterschichtenentertainments wie Mario Barth, Atze Schröder oder Cindy aus Marzahn in Wien Gastspiele geben, ist relativ neu. Brachialhumorist Barth holte unlängst zweimal 10.000 Zuschauer in die Stadthalle – übrigens auch echte Wiener. Deutsche feiern hier sogar ihre eigenen Clubs, nennen sie selbstbewusst „Piefke-Partys“ oder bringen den Hamburger Kiez samt Astra-Bier und DJ an den Donaukanal.


Machen die Deutschen alles besser?


Deutsche sind nicht die besseren Ösis. Das alles ist wie so oft eine Frage der Mentalität. Vielleicht sind die Deutschen ja gar nicht unintegrierbar, womöglich wollen die Wiener sie ja einfach nicht integrieren und lieber weiter grantig sein.

Wahrscheinlich ist es aber ohnehin zu spät. Die Deutschen haben die Stadt längst übernommen – zum Beispiel im Kulturbetrieb. Burgtheater (ab Herbst wieder), Schauspielhaus, Tanzquartier, Wiener Festwochen (die Schauspiel-Chefin), brut-Theater, Volksoper sind in deutscher Hand. Der Duisburger Dirk Stermann lacht aus dem ORF, deutsche Schauspieler geben dort in schlechten Vorabendkrimiserien Wiener Ermittler. Deutsche arbeiten in Werbeagenturen, Bank- und Medienhäusern, sie zeichnen lustige Witze und sorgen sogar für den Relaunch der Zeitung, die Sie vor sich haben, schreiben den Text, den Sie gerade lesen. Wieso wählen sich 40.382 Neo-Wiener keinen eigenen Bürgermeister? Wiener Neustadt hat doch auch einen.

Deutsche bringen Wien weiter. Sie sind urban, Neuem aufgeschlossen; hätten sie sich sonst auf den Weg hierhergemacht? Sie kennen nicht die Scheu der Alteingesessenen vor Grätzeln oder Wohnbezirken, die aus irgendwelchen Gründen pfui sind oder gerade nicht angesagt. Sie nehmen sich einfach die Stadt, so wie es andere Migranten machen sollten. Deutsche leben, studieren, arbeiten hier. Sie lassen sich nicht alles gefallen, kaufen samstags auf Bauernmärkten in der Vorstadt ein, besuchen Lokale, die dann plötzlich bei Wienern hip sind. Sie frequentieren mit einer Lust Kaffeehäuser, während einheimische noch deren Verlust beheulen. Und sie sagen natürlich nicht Melange, sondern brav Melãnsch.

Hey, Wienerinnen und Wiener: Ihr könnt uns mal gerne haben! Aber ein bisschen zackig!
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