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Ein Mann, den sie Babymörder nennen

Ärzte, die Abtreibungen durchführen, leben gefährlich. Ein Bericht aus der Welt des Wiener Abtreibungsarztes Christian Fiala
 
Falter 24/2009 vom 9.6.2009
Ressort Stadtleben > Portrait
Autor Sibylle Hamann

Infobox Ein Recht auf Abtreibung?

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Wenn Doktor Christian Fiala zur Arbeit geht, schaut er den Leuten, die vor seiner Ordination warten, in die Augen. Vier, fünf von ihnen stehen jeden Tag da, mindestens. Sie notieren, wann er kommt, sie fotografieren sein Auto, stellen die Bilder auf ihren Internetforen ins Netz. Sie fotografieren seine Patientinnen, versperren ihnen den Weg und beschimpfen sie als „Mörderinnen“.

Fiala ist vorsichtig geworden. Er will nicht enden wie George R. Tiller. Es war Pfingstsonntag, und es war ein einziger, gezielter Schuss, der Tiller, 67 Jahre alt, tötete. Tiller, ein ehrenamtlicher Kirchendiener, ein schmächtiger Mann mit grauer Igelfrisur und randloser Brille, stand im Foyer der lutheranischen Kirche von Wichita, Kansas, und verteilte kopierte Zettel mit dem monatlichen Kirchenrundbrief. Drinnen hatte gerade eben der Gottesdienst begonnen, Tillers Frau Jeanne sang im Chor.

George Richard Tiller sackte sofort zusammen, als ihn die Kugel traf. Zwei Kirchgänger versuchten, den Täter aufzuhalten, doch er fuchtelte mit seiner Handfeuerwaffe und floh in einem dunkelblauen Auto. Zwei Stunden später stellte ihn die Polizei auf der Interstate 35. An der Windschutzscheibe seines Wagens steckte eine rote Rose, das Erkennungszeichen militanter US-Abtreibungsgegner.

Das Mordopfer vom Pfingstsonntag war nicht nur Kirchendiener, sondern auch einer der bekanntesten Abtreibungsärzte in den USA. Tillers Klinik, ein schlichter, beigefarbener Bau in Wichita, hieß Women’s Healthcare Services und hatte sich auf Spätabtreibungen spezialisiert, also auf Abbrüche nach der 22. Schwangerschaftswoche. Diese sind, in den USA wie in Österreich, gesetzlich erlaubt, wenn der Fötus schwere Missbildungen hat oder die Gesundheit der Mutter in Gefahr ist. Bloß finden sich, in den USA wie in Österreich, kaum Ärzte, die Frauen in solchen Konfliktsituationen tatsächlich helfen.

Tiller half den Frauen. „Tiller, the Killer“ nannten sie ihn dafür, in einschlägigen Internetforen, in lokalen Talkshows, in öffentlichen Protestaktionen. 1986 hatte es schon einen Bombenanschlag auf die Klinik gegeben, 1991 wurde sie sechs Wochen lang gewaltsam besetzt, „Sommer des Erbarmens“ hieß das in der Sprache der religiösen Aktivisten und Aktivistinnen. 1993 schoss eine von ihnen den Arzt mit einem Revolver an und verletzte ihn an beiden Armen.

Die militanten Abtreibungsgegner der USA sind eine wichtige Größe. Sie haben sich zu Organisationen zusammengeschlossen, die „Operation Rescue“ oder „Operation Save America“ heißen, sie sind gut vernetzt, bis weit ins republikanische Parteiestablishment hinein. In Bill O’Reilly, dem wortgewaltigen Talkshow-Host, haben sie einen mächtigen Verbündeten – 29-mal hatte der in den letzten vier Jahren in seiner täglichen Sendung gegen Tiller gehetzt.

Was diese Menschen antreibt, ist nicht nur eine politische Agenda. Es ist eine Mission, in der es immer gleich um alles geht. Sie nennen sich „Lebensschützer“. Einen Schwangerschaftsabbruch nennen sie „Babymord“, Abtreibungskliniken „Babyschlachthöfe“ und eine Gesetzeslage, die das alles zulässt, „Holocaust“.

Fiala ist ebenfalls Abtreibungsarzt. Es sagt nicht „Baby“, er sagt „Fruchtsack“ und „embryonales Gewebe“, und eben dieses saugt er ungewollt schwangeren Patientinnen mit einer wenige Millimeter dünnen Kanüle aus der Gebärmutter ab. Das ist ein medizinisch unkomplizierter Eingriff, der meist unter lokaler Betäubung oder einer kurzen Vollnarkose durchgeführt wird und nur ein paar Minuten dauert.

Fialas Klinik, die Gynmed Ambulatorium heißt, befindet sich gleich neben der Großbaustelle für den neuen Westbahnhof am Gürtel. Tagsüber donnert der Berufsverkehr fünfspurig an den Gründerzeithäusern vorbei, abends beziehen auf den Gehsteigen der äußeren Mariahilfer Straße die Prostituierten ihre Posten. Mitten im Leben, mitten im Verkehr und im Lärm der Großstadt: Für diese exponierte Klinikadresse habe er sich mit voller Absicht entschieden, sagt Fiala.

Die radikale Offenheit, mit der er das Thema angeht, ist Programm. Die Klinikräume sind hell, transparent und farbenfroh, und jedes medizinische Gerät darf man vorher auch genau anschauen und angreifen. „Wir tun nichts Verbotenes, und wir verstecken uns nicht: Das ist die Botschaft an unsere Patientinnen“, sagt der Arzt. Immerhin sind Abtreibungen in Österreich seit 1975 bis zum dritten Schwangerschaftsmonat straffrei.

Was er nicht versteht, ist: dass Frauen auf öffentlichem Grund einen Spießrutenlauf hinter sich bringen und sich vor der Klinik von wildfremden Menschen beleidigen lassen müssen, wenn sie ganz legale ärztliche Hilfe suchen. Die Polizei kann die Dauerdemonstranten wegweisen – darf sie aber weder bestrafen, noch kann sie verhindern, dass sie gleich wiederkommen.

Weil der Arzt mit Ohnmachtsgefühlen schlecht zurechtkommt, griff er zur Selbsthilfe und hat Leute vom Straßentheater engagiert. Jetzt stehen auch Clown Bernardo und andere junge Schauspieler beinahe täglich auf dem Gehsteig am Gürtel, schauen den religiösen Aktivisten tief in die Augen, umtanzen sie, lesen ihnen die Patientinnenverfügung vor und beschallen sie mit Sprechgesängen, so weit der dröhnende Verkehr das akustisch zulässt.

Das lenkt die Demonstranten ab, bringt sie kurzfristig aus dem Konzept. Dauerlösung ist es keine. „Der Staat muss ein klares Signal setzen“, fordert Fiala, und die Betreiber ähnlicher Einrichtungen stimmen ihm da zu. „Wir brauchen Schutzzonen und ein Gesetz, das Strafen vorsieht, wenn sie verletzt werden. Das gibt es in Frankreich, dort funktioniert das einwandfrei.“

Wie viele Abtreibungen in Österreich jährlich durchgeführt werden, kann niemand sagen, Statistiken darüber werden nicht geführt. Rund 35.000 dürften es sein, Tendenz sinkend. An der Fristenlösung wird nicht ernsthaft gerüttelt. Doch das bedeutet nicht, dass das Thema mit angemessener Nüchternheit behandelt würde.

„Wir bewegen uns immer noch in einer riesigen Tabuzone“, sagt Fiala. „Was stets mitschwingt, ist die Grundidee, dass man Frauen einen Abbruch nicht allzu leicht machen darf. Dass sie leiden sollen, und ein schlechtes Gewissen kriegen, damit sie es sich merken.“

Dieses Tabu zeigt sich bei den klaffenden Versorgungslücken, die es in Österreich noch immer gibt. Es zeigt sich daran, dass Schwangerschaftsabbrüche in der Medizinerausbildung kein Thema sind und dass kaum Geld und Energie in die Entwicklung neuer, schonenderer Methoden investiert wird. Es zeigte sich beim erbitterten Widerstand gegen die Abtreibungspille Mifegyne, die früher RU486 hieß. Fiala war der Erste, der diese Methode vor neun Jahren anwandte, und die Emotionen gingen hoch: Eine Pille schlucken – darf das denn so einfach sein? Sollte es nicht wehtun, ein bisschen zumindest?

Vor allem aber zeigt sich das Tabu darin, dass die öffentliche Hand nicht anstreifen will. Österreich ist eines von ganz wenigen Ländern Westeuropas, in denen weder Verhütungsmittel noch Schwangerschaftsabbrüche von Krankenkassen bezahlt werden. Als die Grünen dieses Thema vor ein paar Monaten entdeckten und zaghaft Verhütung und Abtreibung auf Krankenschein forderten, dröhnte als Antwort großes, entgeistertes Schweigen.

Dass man Frauen mit dem Verhütungsproblem allein lässt und sie anschließend für ungewollte Schwangerschaften bestraft – das ist eine kulturgeschichtliche Konstante über beinah alle Epochen und Kontinente hinweg. Eine Grundregel kann man dabei formulieren: Je stärker die Tabus und je größer die Heimlichkeit, desto schlechter geht die Sache für Frauen und deren Gesundheit normalerweise aus.

Die Unerbittlichkeit dieser Grundregel beginnt man zu ahnen, wenn man einen Blick in das kleine Museum wirft, das gleich neben der Gynmed-Klinik untergebracht ist. In jahrelanger Kleinarbeit haben Fiala und seine Leute hier Exponate aus aller Welt zusammengetragen, die mit Verhütung und Abtreibung zu tun haben. Das Ergebnis ist eine Galerie erratischer, oft verzweifelter Vergeblichkeit: Schon die alten Ägypterinnen kämpften gegen den Fluch ihrer Fruchtbarkeit und verhüteten mit in Honig gelöstem Krokodilsdung. Später versuchte man es mit Frostschutzmittel oder Coca-Cola. Als Kondome wurden Blinddärme von Schafen verwendet. Die waren sehr teuer und mussten daher so oft wie möglich wiederverwendet werden.

Ging dabei etwas schief, versuchten Frauen, absichtliche Fehlgeburten herbeizuführen, und es gibt kaum eine Substanz, die im Lauf der Jahrhunderte nicht ausprobiert wurde: Chinin und Zyankali, Blei und Strom, Kreide und Schimmelpilze, Seife, Salpetersäure, Terpentin. Die einen legten sich 20 Kilo schwere Steine auf den Bauch, andere stürzten sich die Treppe hinunter. Am gängigsten war die Methode, im vierten oder fünften Monat eine Stricknadel in die Gebärmutter einzuführen und die Fruchtblase zu öffnen.

Die schrecklichen Folgen heimlicher Abtreibungen hat Fiala als junger Arzt selbst gesehen, und heute sagt er, er habe dabei „in die Hölle geschaut“. Sein Turnusjahr leistete er in Thailand, später in Uganda und Malawi. Dort ist, wie in fast allen Ländern der Dritten Welt, Abtreibung bis heute verboten.

„Die Frauen, die sich ins Spital schleppten, waren halbtot“, erzählt er. „Dort strickt man selten, deswegen verwenden die Frauen Äste oder Draht. Erblindung, Nierenversagen, Blutvergiftung – das ist der normale Verlauf. ,So muss Krieg sein‘, hab ich mir gedacht. Doch wenn Sie mit älteren Ärzten reden, kommen Sie drauf, dass das auch bei uns lange Zeit ganz normal war. Bis 1975 hatte jedes Spital eine große septische Abteilung, da lagen lauter junge Frauen drin, mit Nierenversagen und Blutvergiftungen.“

Jeder Arzt, der sich auf Abtreibungen spezialisiert, hat solche starken, traumatisierenden Erlebnisse hinter sich, glaubt Fiala. Für diese Nische entscheide man sich nicht „einfach so“, weil’s Spaß macht, und auch nicht aus Karrieregründen. Das mache man nur, wenn man sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt habe und zu dem Schluss gekommen sei, dass jemand auch für jene da sein muss, die übrigbleiben. „Wozu bin ich sonst Arzt geworden?“

Es kann schwierig sein, diese Entscheidung wortgewandt zu erklären, und es gibt wenige Ärzte und Ärztinnnen, die bereit sind, die sozialen Kosten dafür zu tragen. Nicht nur in der Nachbarschaft, sondern auch innerhalb des Ärztestandes macht man sich damit zum Außenseiter. Fiala weiß, dass das, was er tut, richtig und wichtig ist. Aber er zweifelt, ob er es auch dann noch könnte, wenn er selbst Kinder hätte, denen in der Schule nachgerufen wird, dass ihr Papa ein Babymörder sei. „Das würd ich nicht schaffen, glaub ich.“

Abtreibungsärzte gibt es wenige, auch international gesehen. Sie haben eine Vereinigung, sie treffen sich regelmäßig auf Kongressen, um sich über Erfahrungen und Methoden auszutauschen, und sie alle haben sich daran gewöhnen müssen, dass ihre Namen samt Fotos, wie Steckbriefe von Verbrechern, sofort in den Internetforen von „Lebensschützern“ prangen.

George Tiller war einer von ihnen, Fiala kannte ihn gut. „Er war ein ruhiger, zurückhaltender Mensch. Einer, der verstanden hat, wie die Welt funktioniert, und der danach handeln wollte.“

Tiller habe in den letzten Jahren stets eine kugelsichere Weste getragen. Er habe schon gewusst, dass in Amerika schnell einmal einer zum Colt greift, sagt sein Wiener Kollege. Tiller, der Kirchendiener, wollte nicht paranoid sein, aber auch nicht leichtsinnig. Es war ein Kopfschuss aus nächster Nähe, der ihn getötet hat.
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