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Das Horror Haus

In Wien-Wieden tobt ein brutaler Machtkampf um ein Zinshaus. Der Fall zeigt die Not schikanierter Mieter und die dunklen Seiten der Wiener Immobilienbranche
 
Falter 31/2009 vom 29.7.2009
Ressort Stadtleben > 2. Bezirk
Autor Florian Klenk


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Vergangene Woche, als der Orkan den Regen durch die Stadt peitschte, klirrt es auch in der Favoritenstraße. Auf Hausnummer 21, wo die Auslagen mit Kartons abgedeckt sind, kracht eine Auslagenscheibe auf den Gehsteig und gibt den Blick frei auf die Welt dahinter. In verwaisten Geschäftslokalen stehen mitten in einer Baustelle zwei rosa Campingbetten. Im Lichtschein einer Glühlampe rücken vier bullige Männer ihre Baseballkappen zurecht. Sie verbringen hier ihre Nächte. Aber sie schlafen nicht. Sie sagen: „Wir bewachen das Haus.“ Es ist ein Horrorhaus.

Wer es betritt, der stößt auf eine abenteuerliche Geschichte von Ausbeutung, Wucher und Spekulation. Sie erzählt auch von der Machtlosigkeit des Rechts und von der Not schikanierter Mieter. Es ist kein exemplarischer Fall, und dennoch nimmt ihn das Rathaus ernst. Martin Orner, ein Beamter des Wiener Wohnbaustadtrats, betreut seit 14 Jahren Opfer von Spekulanten. Er sagt: „Solche Mafiamethoden kannten wir in dieser Stadt bislang nicht.“

Auf den ersten Blick ist das Haus Favoritenstraße 21 nur eines dieser unscheinbaren Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert. Es steht in bester Lage, nur ein paar Schritte vom noblen Privatgymnasium Theresianum entfernt. Aber die Geschäfte sind verlassen, die Wohnungen in miserablem Zustand.

Das Gebäude hat schon vieles erlebt. Eine 89 Jahre alte Bewohnerin erzählt von Kriegsbomben, die hier detonierten, und von den Russen, die nach der Befreiung Wiens einquartiert wurden. Hausmeister schleppten Wasser für das Gangklo in Holzbottichen aus der Bassena heran. Die Russen von einst, sagen die Alten hier, seien harmlos gewesen, verglichen mit den „Russen“, die jetzt das Haus besitzen. Kaum einer, der sich nicht fürchtet, delogiert zu werden.

Wer die Zustände in diesem Haus rekonstruieren will, der kommt an den bulligen Männern neben den Campingbetten nicht vorbei. Wenn Mieter das Haus abends oder frühmorgens verlassen wollen, dann müssen sie einen Klingelknopf drücken, neben dem in Handschrift „Portir“ geschrieben steht. Die Bewohner bekommen hier keine Haustorschlüssel ausgehändigt.

Es sind Söhne russischer Einwanderer, die hier als „Portiere“ arbeiten, wie sie sich nennen. Seit einigen Tagen stehen sie im Auftrag eines neuen Eigentümers Schmiere. Wenn man bei „Portir“ läutet, erheben sich die Männer. Manche tragen dicke Zöpfe oder Goldketten, sie sprechen Wiener Dialekt mit Akzent und sperren das Tor auf und dann gleich wieder doppelt zu. „Wir machen das, damit sich keine fremden Leute einnisten“, sagen sie.

Leider kommen diese Portiere nicht immer, wenn man nach ihnen klingelt. Manche Bewohner erzählen, sie hätten bis zu 20 Minuten warten müssen, ehe sie ihr eigenes Haus verlassen durften. Wie in einem Gefängnis sei das Leben hier. „Wenn es brennt“, klagen sie, „verbrennen wir mit.“ Die Portiere aber erklären: „Auch in Luxushochhäusern gibt es Eingangskontrollen, wo ist das Problem?“

Besuch zu empfangen ist hier zum Beispiel gar nicht so leicht. Karl Pridun, ein Regisseur, der hier immer wieder seine Freundin besucht, musste am Eingang seinen Ausweis vorweisen. Mit dem Handy hatten ihn die Portiere fotografiert. „Weil du so schön bist“, erklären sie ihm, als er sich beschwert, „und weil wir schwul sind wie du.“

Es wird viel gefilmt hier. Auf Stiege zwei hat Pridun ein Loch in einem eingemauerten Plastikdeckel entdeckt. Dahinter steckt, mit Isolierband fixiert, eine Minikamera. Auch einen Stock tiefer sind Kameras montiert. Sie sind auf die Wohnungen jener Mieter gerichtet, die hier ausziehen sollen. Die Männer an der Pforte versichern: „Wir wissen nicht, wem die Kameras gehören. Vielleicht den Mietern selbst.“

Es ist kurz nach neun Uhr abends, als die bulligen Männer wieder einmal einen Rundgang durchs Haus unternehmen – und an Wohnungstüren klopfen. Eine philippinische Tellerwäscherin sitzt im Lichtschein ihrer großen Elektromadonna und sagt: „Ich habe Angst.“ Ihre Türe öffnet sie nicht.

Seit einigen Jahren wohnt die Frau schon hier, sie teilt die Wohnung mit anderen Landsleuten, die bei McDonald’s Hamburger belegen. 450 Euro zahlt sie für 60 Quadratmeter Substandard. In ihrem Badezimmer ist ein riesiges Loch im Putz zu sehen. Irgendwer habe vom Gang aus fest gegen die Wand gehämmert. Einem Nachbarn sei das Schloss verklebt worden. „Das“, sagt die Philippinerin, „ist Terror.“

Was die Männer draußen am Gang von ihr um diese Uhrzeit wollen? „Wir führen eine Hausbegehung durch, das ist mein gutes Recht“, sagt einer von ihnen. Der Mann trägt einen Stoppelbart, unter dem Arm hält er eine schwarze Aktentasche, unter seiner Baseballkappe trägt er eine Kippa. Der Mann stellt sich als Israel Abramov vor. Fotografieren will er sich nicht lassen. „Dann sagen die Leute: Typisch, ein Jude.“

Israel Abramov ist der Eigentümer des Hauses Favoritenstraße 21–23. So wie die Philippiner ist auch er Einwanderer. Er ist der Sohn bucharischer Juden, die am Naschmarkt ihr erstes Geld verdienten. Heute rollt Abramov in einem silbernen Audi-SUV durch die Stadt.

Abramov schuftete hart. Um drei Uhr morgens belieferte er Hotels mit Gemüse. Vom Ersparten kaufte er sich eine Kebabbude und dann sein erstes 800-Quadratmeter-Haus. „Mit einem schönen Gewinn“, erzählt er, „konnte ich es weiterverkaufen.“ Er ist kein Hausherr, sondern ein „Immobilienentwickler“.

Abramov gründete die GA Immotrade, eine kleine Immobilienfirma in der Taborstraße im zweiten Bezirk. Ende 2006 kaufte er das Haus Favoritenstraße aus der Konkursmasse des Wiener Textilunternehmers Werner Turek um 3,7 Millionen Euro dazu.

Abramov ist erst 29 Jahre alt. Doch schon jetzt zählen ihn die Mitarbeiter von Wohnbaustadtrat Martin Ludwig zu den „wildesten Spekulanten“. Er nehme keinerlei Rücksicht auf alte Mieter, ekle sie hinaus, schikaniere sie mit Klagen. Die von ihm angewandten Methoden seien das letzte Mal in den 80er-Jahren beobachtet worden, als das Spekulantentum rund um die gescheiterte Expo blühte.

Israel Abramov schüttelt nur den Kopf, wenn er solche Vorwürfe hört. Ja, sagt er, die Türsteher seien „außerordentliche Maßnahmen in einer außerordentlichen Situation“, für die Mieter sei das unangenehm. Aber wie soll er sich sonst gegen Betrüger wehren?

Mit seinem Anwalt Anton Hofstetter sitzt Abramov am nächsten Tag auf einem Ledersofa in seinem Büro, im Regal steht das Mietrechtsgesetz. Er sei ein rechtstreuer Familienvater, der nur sein Recht wolle, versichert er. Doch die Gerichte seien zu langsam, seine Gegner kriminell. Abramov deutet auch immer wieder an, dass ihn seine Feinde nur deshalb als „Spekulanten“ beschimpften, weil er Jude ist. Dabei, so sagt er, „bin doch ich das Opfer in diesem Drama“.

Falsch ist auch das nicht. Wer Abramovs Aktenordner studiert, kann fast schon verstehen, wieso er seine Mieter mit Portieren und Eingangskontrollen belästigt, wieso er Bewohner fotografiert und „rausklagen“ will. Auch er bekam Einblicke in die dunklen Seiten der feinen Wiener Immobranche.

Es ist zum Beispiel kein Zufall, dass in der Favoritenstraße 21–23 so viele Philippiner wohnen. Als der bankrotte Vorbesitzer Werner Turek noch auf der Mariahilfer Straße im Modegeschäft tätig war, beschäftigte er die Gastarbeiter in seinen Lagern und verschaffte ihnen auch gleich Wohnraum in seinem eigenen Zinshaus.

Substandardwohnungen, manche noch mit Klo am Gang, vermietete Turek als „Dienstwohnungen“ per mündlichen Mietvertrag, für die Sanierungen mussten die Bewohner selbst bezahlen.

Und so kam es, dass immer mehr Philippiner hier einzogen. Sie teilten die Wohnungen mit Landsleuten, um sich die Miete leisten zu können. Und sie schätzen ihren „Werner“, der ihnen ein Weitergaberecht einräumte – oder dies zumindest immer behauptete. Turek, ein sportlicher Mann, sagt heute, es sei also völlig legal, dass dort ständig neue Bewohner einziehen.

Als der Modeunternehmer pleiteging und alles verlor, schien auch diese Geldquelle zu versiegen. Und so schickte er, obwohl er das Haus nicht mehr besaß, „Hausvertrauensleute“ und berüchtigte Wiener Winkeladvokaten in die Favoritenstraße. Sie schwärzten Abramov an, sie nannten ihn einen üblen Spekulanten, der das Haus durch üble Machenschaften erworben habe. Und sie verteilen ihre Erlagscheine im Haus und kassieren Geld, auf das Abramov Anspruch erhebt. Die Staatsanwaltschaft klagte Turek deshalb wegen schweren Betrugs an. Es gilt die Unschuldsvermutung. 17 Philippiner habe er um 200.000 Euro betrogen, so der Vorwurf. Der Prozess läuft gerade, doch Tureks Vertrauensleute, behauptet Abramov, seien immer noch im Haus unterwegs, um Mieten einzuheben. Nur deshalb stünden beim Haustor die Portiere.

Turek wiederum entgegnet, es seien doch gar keine Mieten, die seine Vertrauten eintreiben, sondern „Abzahlungen für Investitionen im Haus“. Er habe die Wohnungen auf seine Kosten saniert, und diese Ausgaben würde er nun wieder zurückverlangen. Abramov wolle die Leute, deren Mietverträge er kannte, rausekeln, um mehr Gewinne zu lukrieren.

Nicht nur den Philippinern schwirrt da der Kopf, auch die Österreicher verlieren die Nerven. Manche hinterlegen deshalb den Zins bei Gericht.

Abramov aber nimmt diesen auch bei langjährigen Mietern nicht an. Ja, sagt er, all die Bewohner seien zu bedauern, sie hätten an Betrüger bezahlt, aber das ändere nichts daran, dass sie ausziehen müssen. Manchmal lässt er Wohnungen aufbrechen und Schlösser tauschen. Und das ist wieder der Grund, wieso viele Mieter nächtens nicht die Türen öffnen, wenn er klopft. Sie haben Angst, ihre Existenz zu verlieren. Sie fühlen sich im Recht – doch teure Prozesse können sie sich nicht leisten.

Wie oft toben solche Kriege um Liegenschaften in dieser Stadt? Gibt es Auswege für Mieter, die derart zwischen die Fronten geraten? Martin Orner, der Rathausbeamte, erzählt über den von der Stadt Wien finanzierten Verein zur Bekämpfung der Wohnungsspekulation. Ein Stadtrat namens Werner Faymann hatte ihn 1995 gegründet.

15 bis 20 Spekulanten wüten in Wien, sagt Orner. Ihre Methoden seien ähnlich. Schutt im Hof lagern, Gangfenster aushängen, Postkästen aufbrechen und die Mieter in teure Prozesse verwickeln, bis sie endlich entnervt ausziehen. Dann werde das Haus „bestandsfrei“ saniert und teuer weiterverkauft. Die Rechnung ist simpel: Ein Quadratmeter Substandard bringt nicht einmal 70 Cent Monatsmiete. Aber als parifiziertes Eigentum verkauft, ist er mindestens 3000 Euro wert.

Der Verein gegen Wohnungsspekulation hilft daher den Philippinern in der Favoritenstraße. Orner sagt, sie seien Hauptmieter und daher zu schützen. Er will ihnen Anwälte zur Seite stellen und Sondertrupps in Bewegung setzen.

Man sieht Orner an, dass ihm der Fall wichtig ist, es geht um ein System, das nur einen Geschädigten kennt: die verunsicherten Mieter. Denn auch Orner ahnt, dass Abramovs Methoden mit dem Strafrecht nur schwer zu ahnden sind. Solange er die Mieter nicht bedroht, kommt ihm die Polizei nicht an.

Der Fall ist auch aus einem anderen Grund wichtig: Wenn sich herumspricht, dass man sozial Schwache nicht nur um den erhöhten Zins prellen, sondern dann auch noch in Kleinkriegen rausekeln kann, könnten neue Zeiten anbrechen in dieser Stadt, die von solchen Häuserkriegen bislang verschont geblieben ist. Dann hätten die Wiener Zinshäuser bald wieder Portiere, die hinter verklebten Scheiben selbst ihre Vorstellung von Recht durchsetzen – mit Minikameras, Türkontrollen und dem Brecheisen.
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