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Sonnenbad in der Stadt aus Papier

In der Brigittenau soll ein neuer Stadtteil entstehen. Ein Rundgang durch eine Traumstadt der Stadtplanung
Ein Sommertag der Zukunft. Zwei ältere Frauen spazieren unter Alleebäumen. Einige Jungs haben das T-Shirt ausgezogen und sich auf die Wiese gesetzt. Im Hintergrund ragen die Glasfassaden von Wohn- und Bürogebäuden in die Höhe. Architekten entwarfen dieses Bild einer ökologischen Idylle.

Es ist eine Stadt, wie sie sein sollte und so wohl nie Wirklichkeit wird. Am Anfang stadtplanerischer Projekte stehen Wunschbilder. In zehn Jahren sollen hier tausende Wiener wohnen und arbeiten. Skeptiker sagen aber, dass sich der Schmetterling bis dahin in eine unansehnliche Raupe zurückverwandelt haben wird.

Vergangene Woche präsentierte SPÖ-Planungsstadtrat Rudolf Schicker ein neues Großprojekt, die Bebauung des Nordwestbahnhofs in der Brigittenau. Einst am Rande der Stadt gebaut, wird der Bahnhof am Ende der Taborstraße heute für den Gütertransport genutzt. Hunderte Container kommen jeden Tag an und werden dann auf Lastkraftwagen verladen.

Es ist eines jener schwarzen Löcher einer Stadt, die das Kontinuum des Verkehrs durchbrechen und Bezirke in ein Diesseits und ein Jenseits trennen. In diesem Fall in die äußere und die innere Brigittenau. Nordbahnhof, Nordwestbahnhof? Auf der mentalen Landkarte der Wiener verschwimmt die Stadt hinter dem Augarten zu einem Gewirr aus Bahnunterführungen, Gewerbegebäuden und Wohnblocks. Und irgendwo hinten ist die Donau.

Trinkerias und Bordelle

Die ÖBB planen einen neuen Frachtenbahnhof in Inzersdorf. Dadurch würden in der Brigittenau 44 Hektar frei, eine Fläche fast so groß wie der nahegelegene Augarten. Ein Stadtpark durchzieht in den Plänen des Schweizer Architekturbüros enf Architekten die Traumstadt. „Stadt muss leben“, lautet das Motto.

„Für uns war klar, dass das Leitbild nicht auf einer formalen Idee, sondern auf dem urbanen Alltag beruht“, sagt Bertram Ernst, einer der Partner von enf Architekten. Die vorhandenen Straßen werden in das Areal hinein verlängert, enden dort aber in der grünen Mitte. Dann muss man aufs Rad umsteigen oder zu Fuß gehen. „Die Funktionen Wohnen, Arbeiten, Freizeit sollen nicht getrennt werden, sondern sich überlagern. Auch wenn das zu Konflikten führt: Nur so entsteht städtisches Leben.“

Dem Schweizer kam die Wiener Situation nicht unvertraut vor, befindet sich sein Büro in einem vergleichbaren Züricher Quartier, das hauptsächlich von Arbeitern bewohnt war, bevor die Fabriken und Betriebe abgesiedelt wurden. Drogenhandel und ein hoher Ausländeranteil brachten das Viertel hinter dem Hauptbahnhof dann in Verruf. Mit ähnlichen Reizwörtern sah sich Ernst konfrontiert, als er die Gegend rund um den Nordwestbahnhof erkundete. Seit Jahren wird über den Bau eines islamischen Kulturzentrums, des Symbols eines hohen Migrantenanteils, gestritten. In der Nähe des Bahnhofs stehen gründerzeitliche Zinshäuser, Kneipen mit Namen wie „Trinkeria“ und Minibordelle mit selbstgemalten Herzen im Schaufenster. Erste Dachausbauten künden vom Zuzug der Mittelschicht.

Wien wird neu gebaut

Man blickt rüber auf die Containerberge und erkennt die Dimension des Projekts: Eine gigantische Fläche, 15 Gehminuten vom Zentrum entfernt, an U-Bahn und S-Bahn angeschlossen, wartet auf ihre Verwertung. Hier ist Wohnraum für 12.000 Menschen, was der Einwohnerzahl Eisenstadts entspricht. 5000 Menschen könnten hier arbeiten. Bis 2014 soll ein Teil des in Blöcke aufgeteilten Areals bebaut sein. Dann geht es weiter bis 2022.

Stadt Wien und ÖBB sind derzeit dabei, das Leben in Wien für die nächsten Jahrzehnte zu verändern. Die bereits begonnene Bebauung des Nordbahnhofs, der Neubau von Wien-Mitte, der neue Hauptbahnhof und der in Umbau befindliche Westbahnhof: Seit Jahren ist ein Poker um Flächenverwertungen, Widmungen und Tauschgeschäfte im Gang. Treiben die ÖBB den Bau des Frachtenbahnhofs in Inzersdorf voran, wird man ihnen bei der Flächenwidmung am Hauptbahnhof entgegenkommen, lautet eines der Planspiele.

„Der Erlös aus dem Verkauf der Flächen soll in Wien bleiben“, sagt Stadtrat Schicker und erinnert an den ehemaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser, der mit den ÖBB-Gewinnen aus Immobiliengeschäften die Staatsfinanzen aufbessern wollte. „Wir haben ihm gesagt, dann bleibt der Hauptbahnhof eben ein Verkehrsband.“ Ohne die Umwidmung in Büro- und Wohnflächen sind Bahnhöfe nämlich wertlos.

Eine schwarze Null für die ÖBB

Bei der derzeitigen Regierung müsse er nicht zu solch drastischen Argumenten greifen, meint der Politiker. Im März präsentierte Infrastrukturministerin und Parteikollegin Doris Bures den ÖBB-Rahmenplan, in dem auch der Terminal Inzersdorf vorgesehen ist. „In der Kalkulation der ÖBB ergibt das Projekt eine schwarze Null“, gibt sich Schicker zuversichtlich.

Bei den Planspielen geht es nicht nur um Profit, sondern auch darum, wie die neue Stadt aussehen wird. Sind es Gebiete, die zu Schlafstädten veröden und deren Bewohner die Umgebung nur durch das Autofenster wahrnehmen? Oder werden sie jene Qualitäten besitzen, die die Gründerzeitviertel, obwohl über 100 Jahre alt, immer noch aufweisen – wo der Arzt, das Kino und das Stammlokal gleich ums Eck sind, wo Architekten im Garten ihres Bürogebäudes grillen und in der Eckkneipe Kollegen treffen und wo man auf dem Bauernmarkt Biogemüse kaufen kann?

Tatsächlich hat die neue Stadt leider selten mit jenen Lebenswelten zu tun, die Kreative oder Selbstständige aus Freihaus- oder Karmeliterviertel in ihre Pläne projizieren. Am Wienerberg oder in der Donau City etwa sind Supermärkte und Bräunungsstudios die einzigen Mieter von Erdgeschossflächen.

Wie werden unter diesen Gesichtspunkten die Bilder des Nordwestbahnhofs Wirklichkeit? 2005 begann Gregor Puschers Planungsteam des Magistrats mit der Befragung von Brigittenauern. „Was erwarten Sie von dem Stadtteil?“ oder „Welche Einrichtungen vermissen Sie?“ Wer wollte, konnte auch an einer Begehung des Geländes teilnehmen. Die Antworten überraschen nicht: Mehr Grünraum und Kindergärten sollten geschaffen, Busverbindungen ausgebaut werden. Vermisst werden auch Verbindungswege zum übrigen Bezirk.

Nur die Nachfrage nach einer Autoquerung des Bahngeländes war erstaunlich gering. Den zum Wettbewerb geladenen Architekten wurde deshalb schon im Ausschreibungstext eine „grüne Mitte“ anempfohlen. Vom siegreichen Schweizer Büro, das sich gegen weit prominentere Baukünstler wie Sauerbruch Hutton oder Coop Himmelb(l)au durchsetzte, wurde diese Weisung als multifunktionaler Stadtpark interpretiert. „So könnte die grüne Mitte von der Esplanade her Richtung Kahlenberg tatsächlich ausschauen“, sagt Stadtplaner Gregor Puscher und betrachtet das von enf Architekten entworfene Imagebild. „Nur die Fassaden werden hoffentlich etwas weniger eintönig sein.“

Grüner Maulwurf

Das Bezirksjournal suchte nach einem Namen für den Stadtteil. Eine Ausstellung zu Stadtentwicklungsprojekten tourt durch Wiens Shoppingmalls. Der Stadtrat weiß um die Schwierigkeit, auf Städte aufmerksam zu machen, die nur auf dem Papier existieren. „Zuerst kommt das Leitbild. Und irgendwann stehen die Kräne da, und alle sind dagegen.“

Die Architektin Sabine Gretner ist in diesem Gefüge etwas wie der Maulwurf in den Idyllen kommunaler Stadtplanung. Die grüne Gemeinderätin prüft die Kluft zwischen Image und gebauter Wirklichkeit, sucht etwa in der Kagraner Tokiostraße den Park, der in Werbeprospekten so verführerisch anmutete.

Man hatte vergessen, die Grundstücke rechtzeitig von den dort niedergelassenen Gärtnereibetrieben zu erwerben. „Reality Check“ nennt sie diese Arbeit, die mit dem Studieren von Masterplänen beginnt und an dem zu eng gesteckten Zaun eines Kinderspielplatzes endet.

Zerbrechliche Träume

Die Einheit der Leitbilder zerfällt nämlich oft in die Einzelprojekte verschiedener Bauträger. Bei der Begrünung der Freiflächen stellt man dann fest, dass das Bodenniveau unterschiedlich ist. Da niemand die Haftung für die spielenden Kinder übernehmen will, muss ein Zaun her.

Im Rendering der Stadtplaner war der so nicht vorgesehen. „Die Forderung nach einer lebendigen Stadt unterschreibt jeder“, fasst Gretner das allgemeine Problem zusammen. „Aber was bleibt davon in der Realität übrig?“

Parks, Teiche, spielende Kinder, Biergärten. Die Imagebilder der Stadtplanung speisen sich aus dem Wunsch des Städters nach Natur und Freiraum. Von der Atmosphäre eines bestimmten Grätzels sei dabei wenig zu spüren. „Beim Hauptbahnhof hat man schon alles plattgemacht“, sagt Gretner. Dabei würde eine von Künstlern genützte Remise genügen, um die Geschichte eines Ortes spürbar zu machen.

Stadtrat Schicker nennt mehrere Beispiele, um den Vorwurf unkoordinierten Planens zu wiederlegen. So würde die Flächenwidmungsabteilung bis heute darauf achten, dass der Stadtteil Kabelwerk gemäß Bauleitplan realisiert würde. Im Leitbild des Nordwestbahnhofs ist die Erhaltung eines alten Stellwerks vorgesehen.

Doch noch ist der Nordwestbahnhof ein Prospekt. Nicht einmal Bodenbohrungen sind gemacht. Tonnen von Papier werden mit glücklichen Menschenbildern bedruckt werden, ehe die ersten Kräne in den Himmel über der Brigittenau ragen. Und irgendwann werden vielleicht einmal ein paar junge Menschen durch die Büsche des Nordwestparks stolpern und nach einer Kneipe suchen.
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