Startseitefaltershop - Buch Musik FilmAbo ServiceTop-Storiesheureka WissenschaftsmagazinTier der WocheNewsletterMediadatenImpressum
Event ProgrammKino ProgrammLokalführer WienFeste feiernBest of Viennacreation/productionReparaturführer WienBio-Guide

Die beste Stadtzeitung Europas.

Land unter

Die Grazer Mur soll zum Stausee werden. Der Bürgermeister findet das gut. Surfer und Lachse zittern
 
Falter 37/2009 vom 9.9.2009
Ressort Stadtleben > Natur
Autor Donja Noormofidi, Anna Wieder

Infobox Aktionstag

diesen Falter bestellen
Gut ein Dutzend Passanten beugt sich über das Gelände der Grazer Hauptbrücke und starrt gebannt auf die darunterliegende Mur. Einige haben ihre Fotoapparate ausgepackt, andere halten mit der Handykamera fest, wie Christoph Hesse mit seinem Kajak durch die Wellen gleitet. Er liefert seinem Publikum die perfekte Show: ein Salto, hinein in die Welle und gleich noch ein Salto. „Front-Loop“ nennt sich das auf Kajak-Deutsch, erklärt sein Kollege Anselm Kraft, der sichtlich genießt, dass er und Hesse die Attraktion darstellen: „Wir haben großen Zulauf.“

Dreihundert Meter flussabwärts auf Höhe des Grazer Augartens wirft Clemens Könczöl gerne seine Angel aus. An dieser Stelle ist es ruhiger, beim Fischen sind Zuseher eher lästig. Seit seiner Kindheit interessiert sich der Psychologiestudent für die Fischerei, als Referent für Ökologie und Bau des „Arbeiter Fischerei Vereins“ weiß er über die Fauna der Mur Bescheid: „Graz hat einen guten Fischbestand, bis zu dreißig verschiedene Arten, die Mur ist hier ein sehr abwechslungsreiches Gewässer.“ Das Rauschen der Mur habe für ihn etwas unglaublich Beruhigendes, sagt Könczöl. Doch gerade dieses Rauschen könnte bald Geschichte sein.

Mitten ins Sommerloch platzte Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) mit der Ankündigung, ein umstrittenes Großprojekt der Energie Steiermark zu unterstützen: Im südlichen Grazer Stadtbezirk Puntigam will der Energiekonzern gemeinsam mit dem Verbund um rund 85 Millionen Euro ein Murkraftwerk errichten, das „sauberen Strom“ für 20.000 Haushalte liefern soll. Aus dem Büro von Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ) – die Energie Steiermark befindet sich zu drei Viertel im Besitz des Landes – kommen ebenfalls positive Signale.

Das Kraftwerk würde das Grazer Stadtbild umkrempeln: Die Mur würde bis ins Innenstadtgebiet zurückgestaut, die Fließgeschwindigkeit des lebhaften Flusses dadurch so stark verlangsamt, dass man den Fließcharakter kaum noch erkennt, sagt Johannes Gepp, Obmann des Naturschutzbundes: „Etwa ab dem Augartenbad wird der Fluss fast völlig stehen, die Mur hätte eher Seen- als Flusscharakter.“ Der Wasserpegel würde ansteigen, direkt beim Kraftwerk um etwa sechs Meter, der jetzige Puchsteg müsste angehoben werden, da er sonst im Wasser versinken würde.

Nagl wittert in dem Projekt die Chance, einen „Lebensraum Mur“ zu schaffen, den Fluss näher an die Grazer heranzubringen, und träumt von einem Naherholungsgebiet und einer Paddelschule. Sein Vorstoß hat für Zwist in der schwarzgrünen Koalition gesorgt, stehen die Grünen dem Projekt doch skeptisch gegenüber. Auch außerhalb des Rathauses formieren sich die Gegner: Das Grazer Feld ist der letzte Abschnitt, in dem die Mur über eine längere Strecke frei fließt. Nun sind aber fünf weitere Kraftwerke in Planung, jeweils zwei nördlich und südlich von Graz, dazwischen noch jenes in Puntigam. Umweltanwältin Ute Pöllinger und Naturschützer sehen darin eine ökologische Katastrophe. Für all jene, die den Fluss bereits in den letzten Jahren als Lebensraum für sich entdeckt haben, klingen die Kraftwerkspläne wie eine Drohung.

Zum Beispiel für Kajakfahrer Anselm Kraft, der gemeinsam mit den Surfern um die Murwellen fürchtet. International gibt es angeblich nur vier stehende Wellen, die es mit der Murwelle unter der Radetzkybrücke aufnehmen könnten. Wegen dieser Welle seien sogar Surfer von Wien nach Graz übersiedelt, sagt Mursurfer Reini Urban. Die Energie Steiermark meint zwar, dass sich die Fließgeschwindigkeit bis zur Radetzkybrücke kaum verringern würde, doch für die Wassersportler ist das eine Frage des Vertrauens: „Das aufgestaute Wasser könnte die Wellen unter sich begraben.“

Dabei hat die Stadt eine wichtige Rolle gespielt, die Mur als Lebensraum für Surfer, Kajakfahrer und Fische zu erschließen. 2001 stellte die Abteilung für Wasserwirtschaft des Landes fest, dass sich die Mursole abgesenkt hatte, es mussten Steingürtel quer durch das Flussbett gezogen werden, um sie zu stabilisieren. Der Leiter des Sportamtes, selbst Kajakfahrer, bat, man möge die Steine so arrangieren, dass auch die Kajakfahrer sie nutzen können – so entstand Terminator 3, die Welle unter der Hauptbrücke. Seit den Achtzigerjahren ging es dank eines Sanierungsprogramms auch mit der Wasserqualität der einst stark verschmutzten Mur bergauf. Im Zuge des Kulturhauptstadtjahres 2003 errichtete die Stadt die Murpromenade, einen Weg direkt am Ufer, der von den Grazern gern genutzt wird. Die aktuellen Kraftwerkspläne machen jedoch aus Sicht der Wassersportler und Naturschützer alle Bemühungen zunichte.

„Sehen Sie die Fliege da? Die gibt es im Stauraum nicht mehr“, sagt Markus Ehrenpaar und deutet auf ein unscheinbares Insekt, das sich auf einem Felsen am Ufer der Mur niedergelassen hat. Ehrenpaar ist Gewässerökologe und Geschäftsführer des Naturschutzbundes Steiermark und sieht aus, als wäre er allzeit bereit, zu einer längeren Wanderung aufzubrechen: bequeme Lederschnürschuhe, prall gefüllter Leinenrucksack. Nun setzt er sich unweit der Fliege ebenfalls auf die Felsen. „Wenn es diese Fliege nicht mehr gibt, kommen auch weniger Schwalben, denn sie ernähren sich von den Fliegenlarven.“ Der Naturschützer zeichnet ein düsteres Bild von der Mur nach dem Kraftwerksbau: „Am Ufer bleibt kein Stein auf dem anderen, viele Bäume müssen gerodet werden, die Fließgeschwindigkeit würde stark sinken, das Wasser deshalb schmutziger, weil sich Schwebepartikel ablagern. Ab und zu wird man Blasen aufsteigen sehen, das sind Faulgase, und statt der gesunden Fliegenlarven werden sich wurmartiges Getier und Egel ansiedeln.“

In einer solchen Brühe würde auch der Huchen, der auf Fließgewässer angewiesen ist, nicht überleben, ist Ehrenpaar sicher. Der Lachsfisch Hucho Hucho wird von Naturschützern stets als Waffe ausgepackt, wenn es darum geht, ein Murkraftwerk zu verhindern. Auch in Puntigam könnte der „König der Mur“, wie ihn die Naturschützer liebevoll nennen, zum Symbol werden. Bereits jetzt sorgt der geschützte Fisch für Streit: Kraftwerksbefürworter sprechen von bloß zwei künstlich angesiedelten Huchen, die in der Mur vor sich hin dümpelten, eine Elektrobefischung der Boku Wien hat allerdings ergeben, dass Huchen jeglichen Alters in der Mur leben.

Auf der Wasserwirtschafts-Homepage des Landes findet sich von der Boku-Aktion gar ein Foto von Bürgermeister Nagl, der lächelnd einen Huchen in die Kamera hält. Auch mit den Mursurfern schmückt sich der Bürgermeister gerne. Im Bewerbungskatalog für Graz als „City of Design“ steht etwa zu lesen: „Die Belebung des Flusses führte in weiterer Folge auch dazu, dass dort 2003 die nationalen Meisterschaften im Riversurfen stattfanden.“

Wenn es um die Umsetzung der Kraftwerkspläne geht, ist die Mur für den Bürgermeister jedoch ein „unzugänglicher, gefährlicher Fluss“, wie er kürzlich der Zeitung Frontal erklärte. Statt über Huchen und Surfer spricht Nagl nun von einem „Design-Kraftwerk“, für das sich künftig auch Schulklassen und Touristen interessieren sollen. „Das Kraftwerk ist notwendig und wird gebaut“, so Nagl. Sein Sprecher Thomas Rajakovics rudert zurück: „Wir sind keine Experten, wenn triftige Gründe dagegen sprechen, wird das Kraftwerk ohnehin nicht gebaut.“ Zu den Einwänden der Naturschützer sagt er: „Der Fluss hat sich über die Jahre immer tiefer in sein Flussbett eingegraben und fließt dadurch schneller als früher. Flora und Fauna werden sich durch das Kraftwerk zwar verändern, aber eine Veränderung kann auch gut sein.“

Seit Bürgermeister Nagl mit der Information von einem Kraftwerk mitten in der Stadt vorgeprescht ist, hat Energie-Steiermark-Konzernsprecher Urs Harnik alle Hände voll zu tun, um den Schaden zu begrenzen: „Es ist schwierig, wenn das Projekt schon mal draußen ist. Da rennt man immer hinten nach.“ Vor ihm liegt ein dicker Ordner mit der Projektmappe zum Kraftwerk. Die Präsentation – in sattem Grün gehalten – trägt den Titel „Murkraftwerk Graz“. Viel mehr als die ohnehin bekannten Details sind darin nicht enthalten. Bei den meisten Unterlagen handle es sich um Überlegungen, so der Konzernsprecher.

Die Befürchtungen der Umweltschützer nimmt Harnik gelassen und beruft sich auf die Umweltverträglichkeitsprüfung. Experten sollen darin feststellen, welche ökologischen Maßnahmen getroffen werden müssen. Er verweist auf die geplanten Murkraftwerke Gössendorf und Kalsdorf. 105 Einzelmaßnahmen wurden dabei getätigt. „Alles Augenauswischereien, die sollen endlich sagen, dass sie aus der Mur eine Staukette machen wollen“, ärgert sich Umweltanwältin Ute Pöllinger. Mitte nächsten Jahres soll das Projekt „Murkraftwerk Graz“ zusammen mit einer Umweltverträglichkeitserklärung eingereicht werden. Das Land wird dann entscheiden, ob das Kraftwerk gebaut wird.

Harnik gibt sich optimistisch, was die Umsetzung betrifft, auch wenn sich das Projekt erst in der „Sondierungsphase“ befindet. Die Naturschützer setzen indes auf eine „breite Öffentlichkeit“ gegen das Kraftwerk, zu einer Protestradfahrt vergangene Woche erschien allerdings nur eine Handvoll Kraftwerksgegner, eine ÖVP-Bezirksrätin sagte im letzten Moment ab.

Anfang der Neunzigerjahre wurden Pläne für ein Murkraftwerk im Stadtgebiet bereits einmal verworfen. Heinz Rosmann, damals Chef des Stadtplanungsamtes, ist heute verwundert, dass das Projekt „Kraftwerk Graz“ wiederbelebt wird. Wegen hoher Kosten und der unerfüllbaren ökologischen Auflagen war das Projekt damals ad acta gelegt worden. „Neben den ökologischen Auswirkungen waren auch die Kanäle ein Grund dafür“, erinnert sich Rosmann. Bei starkem Regen gehen die Kanäle über und schwemmen Fäkalien in die Mur. „Diese würden ins Staubecken gelangen und sich dort ablagern“, erklärt der pensionierte Stadtplaner.

Das Kanalproblem muss die Stadt aufgrund der drängenden EU-Verordnung zur Verbesserung der Wasserqualität unabhängig vom Kraftwerksbau demnächst lösen. 8,9 Millionen Euro soll der Mischwasserkanal kosten, der die Abwässer aus der Stadt direkt ins Klärwerk nach Gössendorf leitet. Eine finanzielle Unterstützung seitens der Energie Steiermark käme der verschuldeten Stadt natürlich gelegen. Im Rahmen des Kraftwerkbaus würde der Energiebetreiber einen Großteil der Kosten übernehmen, so Harnik.

Mursurfer Reini Urban kennt das Kanalproblem, anfangs bekam er immer Durchfall, wenn sich die Schleusen öffneten und das Abwasser mit all den Kolibakterien in die Mur geschwemmt wurden. Mittlerweile können die Bakterien seiner Verdauung nichts mehr anhaben. Die Energie Steiermark hat den Surfern übrigens im Falle des Kraftwerksbaus eine neue Welle in Aussicht gestellt. Die Verhandlungen laufen, doch Urban ist skeptisch: „Eine Welle zu bauen ist Glückssache.“
2010 © Falter Verlagsgesellschaft mbH
E-Mail: Webmaster
Impressum | Mediadaten
Aktuelle Kamera Europa

Launige Reden, skurrile Inszenierungen, platte Parolen: Wahlkämpfe enthüllen, wie Politik funktioniert. Falter-Mitarbeiter Herwig Höller ist mit seiner Kamera dabei.

Startseite