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 Duniyas Gaben  

Duniyas Gaben

Nurrudin Farah
Klaus Pemsel
Aus dem Englischen übersetzt
2002 | Suhrkamp, Frankfurt a. M.
358 Seiten

EUR 26,60kaufenverschenken

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Rezension

... Literatur als moralischer Grundstein einer Gesellschaft, so lautet die Maxime des Romanciers Nurrudin Farah, der 1945 in Somalia geboren wurde. Das Studium der Philosophie und Literatur in Indien, lange Aufenthalte in Italien, in den USA und in Deutschland haben Farah zum Weltbürger, die zahlreichen Übersetzungen seiner Werke ihn zum derzeitigen Shooting Star der afrikanischen Literatur gemacht. Acht seiner Bücher sind auch auf Deutsch erschienen, der jüngste Roman, "Duniyas Gaben", ist Teil einer Trilogie über Somalia am Vorabend des Bürgerkrieges. Zentrales Motiv: Suche nach der eigenen Identität am Beispiel einer Hebamme, deren Tochter ein Findelkind mit nach Hause bringt.

Anders als Soyinkas Versuch, die Totalität einer jungen Gesellschaft an ihrem Ausgangspunkt der Freiheit darzustellen, verfügt Farah über die Erfahrungen, wohin dieses Projekt in den diversen afrikanischen Ländern geführt hat: in die Korruption und das Chaos. Das Findelkind ist dabei Allegorie der afrikanischen Abhängigkeit von einer Entwicklungshilfe, die Farah auf unverhohlen harsche Weise kritisiert: "Es gab keine Unabhängigkeit. Durch die Hintertür kamen die Kolonialbeamten zurück, als Experten, Berater und Entwicklungshelfer. Heute kommen die Arbeitslosen aus Europa und Amerika - die Mehrheit der Entwicklungshelfer ist unintelligent, ungebildet und desinteressiert, die Arbeit ist für sie bloß ein Job."

In der Zeitschrift Literaturen merkte Sigrid Löffler gelassen an, dass Farahs Romane komplexer und vieldeutiger seien, als es dessen politische Ansichten zur internationalen Afrikapolitik vermuten ließen. Farah gelingt es auf brillante Weise, moderne Prosa mit Legenden und politischen Mythen zu verknüpfen, die den Vergleich mit Thomas Mann oder Robert Musil nicht zu scheuen brauchen. Die Hebamme und zweifache Mutter Duniya steht - nach zwei gescheiterten Ehen - mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität und bewegt sich zugleich halb traumverloren auf der Suche nach der großen Liebe durch die somalische Hauptstadt Mogadischu. Der plötzlich auftauchende Intellektuelle Bosaaso umwirbt sie, das in die Familie aufgenommene Findelkind verwirrt die sich anbahnende Liebesgeschichte, während der die erwachsene Duniya erst einmal schwimmen und dann Auto fahren lernt - elementare und zugleich symbolische Schritte der Emanzipation einer Frau, die sich an die traditionellen Lebensumstände einer afrikanischen Großfamilie gebunden weiß.

Auf subtile Weise lässt Nuruddin Farah seine Figuren über Glück und Unglück, Sexualität und Religion, über Schöpfungsmythen und Frisuren parlieren, er deutet schicksalsträchtige Entwicklungen ebenso elegant an, wie er klassische Liebesszenen zu inszenieren weiß. Die Erzählung endet mit der Frage von Duniyas Tochter: "Enden nicht alle Geschichten mit einer Hochzeit?", worauf ihr Bruder antwortet: "Alle Geschichten feiern, um es einmal wehmütig auszudrücken, die unverbrauchten Energiequellen der Menschlichkeit zwischen Frauen und Männern." Worauf der Erzähler abschließend kommentiert: "Und sie küssten sich, während die anderen immer noch auf ihr Wohl tranken. Die Welt war ein Publikum, das bereit war, Duniyas Geschichte von Anfang an zu hören." Dem Happy End ist nichts hinzuzufügen.


Erich Klein in Falter : Wien 28/2002 vom 10.7.2002 (Seite 20)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

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