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 Warum Klassiker lesen?  

Warum Klassiker lesen?

Italo Calvino
Barbara Kleiner, Susanne Schopp
Aus dem Italienischen übersetzt
2003 | Hanser, München
320 Seiten

EUR 20,50kaufenverschenken

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Rezension

... Ein Kabinettstück ist der Essay zur "Anabasis" Xenophons, dem autobiografischen Bericht über den Zug der zehntausend griechischen Söldner durch Kleinasien, dessen Schicksal es war, im Gymnasium zur Einführung in die Lektüre griechischer Originale zu dienen und auf diese Weise seines dubiosen Charmes völlig entkleidet zu werden. Calvino hingegen erkennt, wie diese Truppe sich ihrer Identität unsicher wird, nicht weiß, ob sie Opfer oder Unterdrücker ist, und so würde dieses Werk "eine symbolische Angst" einflößen, "die vielleicht erst wir heute ganz verstehen können".

Auf diese Weise zieht Calvino die Texte ohne billige Aktualisierungen in seine Gegenwart hinein, verrechnet bewusst den Horizont, vor dem das Werk gelesen wurde, mit seiner Gegenwart. So geht er bereits 1954 auch klug mit Hemingway um, der beileibe nicht ungeschoren bleibt, aber doch gepriesen wird, da er für seine problematische Lebensauffassung den adäquaten Stil gefunden habe. Calvinos Aufsätze über Diderot, Conrad, Balzac, Mark Twain, Tolstoi und Stendhal können als Einführungen zu deren Werk gelten, die die Lektüre ganzer Monographien ersetzen. Dringend empfehle ich die Essays zu Gerolamo Cardano, Galileo Galilei und Carlo Emilio Gadda: Das macht Lust, sich für die nächsten Jahre auf das Studium der italienischen Literatur zu verlegen.

"Warum Klassiker lesen?" - der Titel der Sammlung ist freilich irreführend, denn im ebenso überschriebenen Essay ist Calvino ehrlich genug, die verbindliche Antwort zu verweigern, die jeder Bibliothekar und Literaturdidaktiker bei der nächstbesten Publikumsdiskussion zur Begründung verwenden kann, warum Lesen durch nichts ersetzt werden könne. Calvino schlägt zwölf Definitionen vor, die hier zu diskutieren müßig wäre. Zwei jedoch seien - weil im privaten Denkhaushalt durchaus brauchbar - zitiert: "Ein Klassiker ist ein Buch, das unablässig eine Staubwolke kritischer Reden über sich selbst hervorruft, diese aber auch unablässig wieder abschüttelt." Und: "Klassiker sind Bücher, die, je mehr man sie vom Hörensagen zu kennen glaubt, unerwarteter und unbekannter findet, wenn man sie zum ersten Mal richtig liest."
(...)


Wendelin Schmidt-Dengler in Falter : Wien 12/2003 vom 19.3.2003 (Seite 20)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

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