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Falter VerlagRezensierte Bücher

 Ravelstein  

Ravelstein

Saul Bellow
Willi Winkler
Aus dem Amerikanischen übersetzt
2000 | Kiepenheuer & Witsch, Köln
224 Seiten

EUR 20,50kaufenverschenken

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Rezension

Endlich doch ein neuer Roman des 85-jährigen Literaturnobelpreisträgers, von dem es in den letzten Jahren schien, als wollte er sich auf das Schreiben von Novellen beschränken. "Ravelstein ist nicht bloß ein autobiografisches Buch, es ist sogar ein Schlüsselroman, dessen Erscheinen in Amerika eine Diskussion darüber auslöste, in welchem Maß es moralisch legitim sei, lebende Menschen in wiedererkennbare Romanfiguren zu verwandeln. Kaum verhüllt schildert Saul Bellow die Geschichte seiner Freundschaft mit dem konservativen, homosexuellen Soziologen Allan Bloom. Wie dieser kommt Ravelstein mit einem einzelnen Buch zu Reichtum, genießt sein Leben als internationale Berühmtheit in vollen Zügen und geht in stoischer Gelassenheit seinem Aids-Tod entgegen.
"Ravelstein" ist kein bleibendes Meisterwerk wie "Der Regenkönig" oder "Mister Sammlers Planet", es ist aber auch kein Fehlschlag wie Bellows letzter Roman "Mehr noch sterben an gebrochenem Herzen". Es gibt sehr wenig Handlung darin: Der Erzähler (ein erfolgreicher Schriftsteller, der in so ziemlich allen Punkten mit Bellow übereinstimmt) und Ravelstein treffen sich in noblen Restaurants mehrerer Städte, essen, rauchen Zigarren und debattieren über Liebe und Tod, gescheiterte Ehen, moderne Politik und antike Philosophie. Lange schon war Bellow nicht mehr so heiter: "Seltsam, dass ausgerechnet die Wohltäter der Menschheit eher komisch sind." Von diesem ersten Satz an bewegt er sich souverän auf verschiedenen Zeitebenen, blendet vor und zurück und kehrt immer wieder zu den beiden Protagonisten zurück, deren Unterhaltungen bei aller Fröhlichkeit dadurch eine hintergründige Tragik bekommen, dass beide wissen, dass der eine von ihnen sterben und der andere leben wird, um von ihrer Freundschaft zu berichten.
Dem Vernehmen nach soll Bloom Bellow unmissverständlich dazu aufgefordert haben, nach seinem Tod über ihn zu schreiben; die gleiche Forderung stellt Ravelstein an den Erzähler. Nach Ravelsteins Tod bleibt dieser allein zurück, um an einem Buch zu arbeiten, ähnlich dem, welches Bellow hier geschrieben hat. Eine verwirrende Folge von Spiegelungen? Sicher. Und ein Grund mehr, Ravelstein zu lesen.

Daniel Kehlmann in Falter : Wien 49/2000 vom 6.12.2000 (Seite 62)

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