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 Novecento  

Novecento

Die Legende vom Ozeanpianisten
Alessandro Baricco
Karin Krieger
Aus dem Italienischen übersetzt
1999 | Piper, München
80 Seiten

EUR 10,20kaufenverschenken

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Rezension

Eine Kopfgeburt auf Reisen

Der italienische Bestsellerautor Alessandro Baricco schickt einen mit Kitsch und Bedeutung beladenen Ozeandampfer auf große Fahrt.

Wer käme bei "Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten" nicht ins Träumen? Musik, 1900, Luxusdampfer (Titanic?), endlose blaue Weite, Aufbruch zu neuen Welten. Baricco spielt nur mit solchen schlichten Assoziationen, um eine andere Geschichte zu erzählen. Novecento ist keine Zahl, sondern ein Mensch, benannt nach dem Jahr, in dem er - unterwegs nach Amerika - auf der Virginian geboren, ausgesetzt und gefunden wurde. Da der Fundort ein Klavier ist, wird aus Novecento ein Pianist, eine Legende. Denn er bleibt, weil ihm die Welt so entsetzlich endlos scheint, zeitlebens auf seinem Schiff. Dort spielt er auf der "endlichen Klaviatur" unendliche "Töne aus dem Jenseits". Und wenn das Schiff nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gesprengt worden wäre, spielte er immer noch.

Diese 1994 als Bühnenstück konzipierte Legende verquickt das verführerisch Märchenhafte von Bariccos Roman "Seide" mit der ausufernden Phantasie, die im "Land aus Glas" überall das Geheimnisvolle, Verschlossene herbeizaubert, die beiden Romane also, die den italienischen Bestsellerautor auch im deutschen Sprachraum berühmt gemacht haben. Indes, Novecento stellt auch das dürftige Konstruktionsprinzip dieser erfolgreichen Traumfabrik bloß: Die neoromantische Manier, mit der Baricco seine (Männer-)Figuren unserer prosaischen Welt enthebt und in die Sphäre des Geheimnistrunkenen taucht, wird in der Figur des heimatlosen Ozeanspielers noch überboten. "Streng genommen existierte Novecento für die Welt gar nicht. (...) offiziell war er nie geboren." Eine ausgewachsene Kopfgeburt also, die sich mit der Welt im Kopf begnügt und sich widerstandslos den erbaulichen Ideen ihres Autors fügt, der die ruinöse Staatenlosigkeit hier ohne jede Scheu vor Kitsch verklärt.

Um seiner blutlosen Figur im luftleeren Raum etwas Bodenhaftung zu verleihen, legt Baricco die Legende einem gestrandeten Jazz-Trompeter in den Mund. Der stammelt nur angesichts dieser schönen Seele; bedeutungsschwangere Pünktchen und etliche Leerzeilen zeugen davon. Er ist nur in seinem Element, wo er berichtet, weshalb Novecento nirgends gemeldet wurde ("Ich scheiß auf das Gesetz") und sich verweigerte ("Ich scheiß auf die Vorschrift / den Jazz / den Krieg"). Am Ende aber geht ihm die Zunge durch, derer sich der Autor bedient, um die Kunst seiner Figur zu erklären: Novecento hat, verschreckt von der überwältigenden Welt, Schritt für Schritt das Universelle im Individuellen verabschiedet. Er ist fertig mit der Welt - und damit zum Glück auch der Leser mit diesem weltlosen Prosa-Gespinst.

Iris Buchheim in Falter : Wien 8/1999 vom 24.2.1999 (Seite 70)

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