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HerrenWarwick CollinsThomas Mohr Aus dem Englischen übersetzt 2001 | Antje Kunstmann, München 139 Seiten
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Rezension
Der Schriftsteller Warwick Collins war Berater von Margaret Thatcher und Yachten-Designer.Der "Falter" traf Collins in London, um mit ihm über seinen jüngsten Roman "Herren" zu sprechen, in dem jamaikanische Kloputzer sich gegen das Treiben schwuler Kunden empören.
Fast alle Bücher kann man auf dem Klo lesen. Manche Bücher möchte man am liebsten ins Klo stopfen. Aber nur ganz wenige Bücher haben ein Klo zum Schauplatz. "Herren" von Warwick Collins spielt zwischen Urinalen und Klosettschüsseln in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt in London. Auf die Frage "Warum ausgerechnet ein Klo?" hat der Autor, verständnisvoll lächelnd, die Antwort sofort parat: "Man denkt normalerweise: Dort sind alle Menschen gleich. Tatsächlich aber sind Herrentoiletten enorm dramatische Orte voll unterdrückter Spannung, an denen man jeden Blickkontakt meidet."
Die Helden der Großstadtlatrine in Collins' Roman sind drei Jamaikaner, beständig im Kampf gegen Urinstein und noch schlimmere Übel. Denn die Lokalität ist beliebt bei Klappengängern: Männer, die es mit anderen Männern ganz auf die Schnelle in den Kabinen treiben. Und weil das erstens ungesetzlich und zweitens - so finden zumindest die Aufseher des Etablissements - widerlich ist, soll der Sumpf trockengelegt werden.
Verstärkung erhoffen sich die Saubermänner von Ez, der soeben seinen neuen Job in der grün-weiß gekachelten Unterwelt angetreten hat und glücklich ist, überhaupt wieder in Lohn und Brot zu stehen; der aber zunächst nichts ahnt vom zwischenmännlichen Treiben am sonst so stillen Örtchen. Bis plötzlich eine Kabine zum Leben erwacht: "In der jähen Stille schien sie, ganz leicht nur, zu vibrieren, wie eine Waschmaschine, in der die Kleidungsstücke immer wieder hin und her geworfen wurden. Dann schließlich schaltete sie sich mit einem leisen Seufzer ab." Abstoßend und anziehend zugleich findet Familienvater Ez dieses Schauspiel. Stellung beziehen, heißt es nun für ihn.
"Herren"-Autor Warwick Collins gehört nicht zur hippen Garde der so genannten NewBritLit. Die Bücher des 52-Jährigen handeln schlicht davon, wie Menschen zusammenleben, wie sie einander beurteilen und was daraus folgt. Reich und berühmt geworden ist Collins damit nicht. Trotz Nominierung für den renommierten Booker-Prize lag sein Roman "The Rationalist" in Großbritannien wie Blei in den Regalen, der Nachfolger "Gents" (so der Originaltitel von "Herren") erreichte auch nur eine Auflage von 5000 Stück. Im Ausland ist Collins da schon wesentlich beliebter. Seine Bücher sind in elf Sprachen übersetzt. Vor allem in Frankreich hat er seine Fans, und "The Rationalist" - ein Roman über unterdrückte Sexualität im 18. Jahrhundert - war dort wochenlang in den Bestsellerlisten zu finden.
In "Herren" gehts um den Krieg der Underdogs im Untergrund: Die Schwarzen müssen den Weißen das Klo putzen; die Schwulen gelten als abartig. Intoleranz, so erzählt Collins im Interview, habe auch die Weichen in seinem eigenen Leben gestellt. Als Junge musste er die Heimat Südafrika verlassen, weil sein Vater, ein weißer Schriftsteller, gegen die Apartheid anschrieb. Die Familie zog nach England. Collins studierte in Sussex Biologie, allerdings nur mit mäßigem Erfolg, weil er sich dem herrschenden Dogma der natürlichen Auslese nicht anschließen wollte. Er ließ die wissenschaftliche Karriere fahren, schrieb stattdessen Gedichte und jobbte als Buchverkäufer. Wenn er nicht gerade über den Atlantik segelte. "Die See ist meine große Liebe. Sie ist so schön furchteinflößend", gesteht Collins mit einem scheuen Grinsen und zieht dabei die schmalen Schultern hoch.
Warwick Collins ist ein Mann der Widersprüche. Obwohl er sich politisch "eher links" einordnet, glaubt er an die allheilenden Kräfte der freien Marktwirtschaft. Margaret Thatcher holte den Gedichteschreiber deshalb 1979 in ihren Think-Tank, wo Collins zwei Jahre lang über die Privatisierung von Bahn, Post und Krankenhäusern brütete. Nach dem Tod des Vaters zog der 30-Jährige zurück zur Mutter nach Lymington, einem Badeort an der englischen Südküste, und widmete sich seiner unheimlichen Liebe zum Meer, indem er Yacht-Designer wurde: "Für mich war das eher eine ästhetische Herausforderung als eine technische", verrät Collins. Schönheit siegt: Das 25-Meter-Boot "Ocean Leopard", ausgestattet mit einer radikal neuen Art von Kiel, segelte der Konkurrenz bei zahlreichen Rennen davon. Anschließend entwickelte Multitalent Collins im Auftrag der British Army ein Kriegsflugzeug, das im Falle des Krieges sowjetische Panzer zerstören sollte.
1988 dann, Gorbatschow war jetzt an der Macht und Collins mittlerweile vierzig, fing er an, Romane zu schreiben. "Challenge", Beginn einer Trilogie über das Leben auf dem Meer, brachte ihm genug Geld, um sich fortan gänzlich seiner neuen Leidenschaft widmen zu können. Sieben weitere Romane hat er bislang veröffentlicht, und nach Ansicht der Kritik werden sie immer besser.
The Times lobte an "Gents" vor allem die Direktheit der Sprache. Tatsächlich gibt es in "Herren" kein überflüssiges Wort. Collins schreibt wie einer dieser japanischen Schriftsteller, die die Welt sozusagen im Spiegel eines am Strand hingeworfenen Pausenbrotes betrachten: Vom Mikrokosmos des Pissoirs lässt sich aufs große Ganze schließen.
Collins beschreibt seine Sicht ohne Furcht vor Kontroversen. Heldin seines allerjüngsten Buches "F(uck)-Woman" ist eine Feministin, die es liebt, Männer zu quälen. Aus Angst, der Political Correctness ins Messer zu laufen, traute sich zunächst kein englischer Verlag, das Buch zu verlegen. Mit "Herren" lief Warwick Collins Gefahr, gleichzeitig Schwarze und Schwule zu verärgern, denn beide Gruppen kommen in dem Buch nicht besonders gut weg. Dass es trotzdem allgemein gelobt wurde, erklärt sich der Autor so: "Man sollte Menschen nicht nötigen, Minderheiten zu mögen. Das wäre zwar politisch korrekt, aber dumm. Was wir brauchen, ist nicht Sympathie, sondern Toleranz. Denn wer uns heute sympathisch ist, ist es morgen vielleicht nicht mehr - darauf kann man doch keine Gesellschaft bauen. Aber Toleranz ist ein philosophisches System, mit festen Verhaltensregeln für ein friedliches Zusammenleben."
Und wo die Nächstenliebe aufhört, würden - so Collins' These - ökonomische Sachzwänge der Toleranz auf die Sprünge helfen. So auch bei den Kloputzern in "Herren", deren Feldzug gegen die "Perversen" einfach schlecht fürs Geschäft ist: Die Kunden ziehen buchstäblich den Schwanz ein, die Münzbox bleibt leer. Ez, der anfangs das Großreinemachen mit einem Satz aus der Bibel rechtfertigt ("Denn schon mancher ist in die Fänge des Bösen geraten, nur weil er gleichgültig war gegen das Treiben seiner Nächsten"), hat zum Schluss wieder eine passende Weisheit zur Hand, diesmal halt eine andere: "Der wahre Christ sorgt sich zuerst um sein eigenes Leben, bevor er sich um die Sünden anderer sorgt."
Weiters in dieser Rezension besprochen:
- Amrita | Banana Yoshimoto
- Austerlitz | W.G. Sebald
- Die Unwissenheit | Milan Kundera
- Pribers Paradies | Ursula Naumann
- Unpolitische Erinnerungen | Erich Mühsam
- Outland | Roger Ballen
- Im Grenzland | Sherko Fatah
- Das Traumpaar | Jörg Uwe Sauer
- Mein Studium ferner Welten | Alex Capus
- Maigret und der Fall Simenon | Maurizio Testa
- Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika | Ror Wolf
- Aiko T. | Michel Comte
- Lebensfalten | Charles Simmons
- Schmidts Bewährung | Louis Begley
- Kismet | Jakob Arjouni
- Robbie Williams | Hamish Brown
- Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur | Vladimir Vertlib
- Das Fest des Ziegenbocks | Mario Vargas Llosa
- Im Verborgenen | Serge Daney
- Mostly People | Erika Stone
- Neununddreißigneunzig | Frédéric Beigbeder
- Die große Beleidigung | Wolf Wondratschek
- Gribbohm | John Bock
- Selige Witwen | Ingrid Noll
- Bellinzona, Nacht | Martin Gülich
- Kathedrale | Raymond Carver
- Das Ring-Buch | Gerald Pototschnig










