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Rezension
Der dritte Roman von Thomas Glavinic heißt "Der Kameramörder" und hat ausnahmsweise nichts mit einem Hobby des jungen Autors zu tun.Ein Porträt.
Graz, so circa 1985. Der Schriftsteller Thomas Glavinic, damals erst 13 und natürlich noch nicht Schriftsteller, begibt sich in den Sanitäranlagenbereich seiner pädagogischen Heimstatt, eines Bundesgymnasiums, und erleichtert sich auf eine ganz besondere Art und Weise: Glavinic geht hin, hebt eine Klotür aus ihren Angeln, öffnet das Fenster und schmeißt die Tür aus dem 3. Stock auf die Straße. Zu Schaden gekommen ist damals niemand, außer der Klotür natürlich; dem Klotürschmeißer wurde nahe gelegt, umgehend die Bildungsanstalt zu wechseln, was er dann auch getan hat.
An den Grund für seinen Gewaltakt kann sich Glavinic 15 Jahre später beim besten Willen nicht mehr erinnern. Wut? Langeweile? Spätfolge der in Kindertagen (war nichts anderes da) neunbändig konsumierten "Nesthäkchen"-Reihe? Glavinic grübelt, überlegt, weiß es wirklich nicht. Ganz am Ende des Interviews wird er dann sagen, dass er es für prinzipiell unmöglich hält, menschliche Aktionen und Verhaltensweisen zu begründen; da sei der Mensch zu komplex dafür.
Überhaupt scheint das Alter um die 13 für Glavinic eine sehr ereignisreiche Zeit gewesen zu sein. So durchlebte der Steirer damals aufgrund eines exzessiven Konsums diverser belletristischer Schriften Rudolf von Eichthals eine echte "Monarchistenphase": Offizier wollte er da unbedingt werden und hatte den Berufswunsch auch schon derart verinnerlicht, dass er sich beim Abspielen der Nationalhymne zu Fernsehsendeschluss (ja, das gabs damals noch, ja, anscheinend durfte Glavinic mit 13 manchmal wirklich so lange aufbleiben) aus dem Fernsehsessel erhob und stramm stand.
Ob da jetzt im Einserjahr des neuen Jahrtausends noch etwas zu erkennen ist vom Sanitärdemolierer und Offiziersanwärter Glavinic? Wenig. Physisch könnte man ihm eine Art fragiler Robustheit attestieren, wobei die Fragilität eher dem Körper und die Robustheit dem Kopf, den Gesichtszügen zuzuordnen wäre. Glavinic wirkt willensstark, durchsetzungsfähig - muss er wahrscheinlich auch sein, um morgens aufzustehen, sich an den Schreibtisch zu setzen und dann bis zu acht Stunden konzentriert an einem Text zu arbeiten. (Geheimtipp für angehende Literaten: Glavinic verfasst die erste und die zweite Textversion an einer mechanischen Schreibmaschine, was, wie er findet, zu größerer Genauigkeit zwingt, erst dann überträgt er das Geschriebene in den Computer, um es dort noch etliche Male zu überarbeiten.)
Durchsetzungsfähigkeit dürfte Glavinic bei seiner ersten großen Leidenschaft, dem Fußballspielen, entwickelt haben. Er stürmte durch die Unter-10-, Unter-12- und Unter-14-Mannschaften von Sturm Graz, bis ihn eine Sportverletzung stoppte. Etwa zur selben Zeit zog er dann auch von Graz ins ländliche Gleisdorf und stürzte sich mit großer Ernsthaftigkeit in sein zweites Hobby, das Schachspiel. Fast eine "Überlebensstrategie" sei das für ihn gewesen, meint Glavinic so ungefähr bei der 34. Zigarette, eine Fluchtmöglichkeit vor den plötzlich veränderten Lebensumständen. Bis zum Alter von 15 Jahren hat er dann täglich mindestens fünf Stunden Schach gespielt und studiert - und war dann 1987 auch tatsächlich die Nummer zwei der österreichischen Schachrangliste seiner Altersklasse.
Die profunde Kenntnis des Wesens und der Faszination des Schachspiels ist es auch, die in Glavinics Debütroman "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" beeindruckt - neben zahlreichen anderen Qualitäten. Schwärmen muss man etwa von der packenden Dramaturgie des Erstlings wie von seiner klaren, einfachen, gediegen gearbeiteten Sprache. In der vorrangig im Wien der Jahrhundertwende angesiedelten Handlung (der Stoff wäre geradezu prädestiniert für eine Axel-Corti-Verfilmung) nimmt Glavinic die spannenden Ereignisse eines Schach-WM-Kampfes zum tragenden dramaturgischen Skelett und kleidet darum die tragische Lebensgeschichte des Schachgenies Carl Haffner: ein Eisklotz, wem bei der Lektüre dieses Buches das Herz nicht bricht. Glavinics Erstling hatte einigen Erfolg: Wer kann, könnte den "Haffner" auch auf Englisch oder Holländisch lesen; Französisch folgt demnächst.
Der zweite Glavinic-Roman, "Herr Susi", muss hingegen nicht als Klimax österreichischer Gegenwartsliteratur bezeichnet werden. Icherzählenderweise schildert da ein Gregor Susacek, Herr Susi also, seinen Aufstieg vom hoch verschuldeten Versicherungsvertreter zum umjubelten Präsidenten eines Provinzfußballklubs. Das Buch krankt an der zeitlichen wie auch thematischen Nähe der beiden Erzählebenen (Herr Susi referiert 275 Seiten lang pausenlos über Beisl-, Bar- oder Puffbesuche) wie auch an dem unstimmigen Sprachbild: Nur ein paar Substantiva und Verben auf "tiaf" zu trimmen und den Satzbau möglichst einfach zu halten, schafft noch keinen überzeugend prolligen Halbweltjargon. Immerhin aber findet Karel Gotts & Dalinkas generationenprägendes Akustik-Prozac "Fang das Licht" Erwähnung (endlich einmal!), und da Glavinic glaubhaft versichert, wie "ungeheuer wichtig" es für ihn war, sich diesen "Herrn Susi" von der Seele zu schreiben, soll jetzt auch nicht weiter gemeckert werden.
Im dieser Tage erscheinenden dritten Buch von Thomas Glavinic wird der Leser von einem extrem sachlichen, von großer Pedanterie geprägten Erzählton bar jeder emotionalen Regung überrascht; einem Erzählton, der in absolutem Gegensatz zur Dramatik und auch zur Grausamkeit der geschilderten Ereignisse steht: Ein Mann mittleren Alters bringt drei Kinder in seine Gewalt, zwingt zwei von ihnen, sich umzubringen, und filmt diese Tat mit einer Videokamera. Diese wird (samt Kassette) gefunden, das Band mit dem gefilmten Kindermord wird im Fernsehen (Privatsender natürlich) ausgestrahlt. Eine groß angelegte Suchaktion nach dem Täter wird veranlasst, und ein Medienhype setzt ein.
Schon sehr treffend, wie Glavinic hier die Wechselwirkung zwischen Massenmedium und Konsument darstellt und etwa die Teilverlogenheit der in diesen Fällen fast obligaten moralischen Entrüstung über die mediale Sensationsberichterstattung entlarvt. Und obwohl man beim "Kameramörder" spätestens vom zweiten Satz an ahnt, wer der Täter sein könnte, zieht es einen magnetisch dem Ende der ohne Absatz und Kapitelbrüche durchgeschriebenen 160-Seiten-Geschichte entgegen. Wenn man dann (mit dem allerletzten Satz erst) Gewissheit hat, bleibt aber doch auch ein Gefühl der Leere zurück - über die Vita des Mörders erfährt man nichts.
Letzte Frage an Thomas Glavinic: Weshalb wechselt er mit jedem Buch seinen Schreibstil? Wird einem nicht schon im Volkshochschulkurs "Kreatives Schreiben" spätestens ab der zweiten Stunde eingebläut, seine eigenen Worte, seine eigene Sprache zu finden? Schon, meint Glavinic, und natürlich würden so was wie er auch extrem wenige machen. Da für ihn aber das Thema den Stil bedinge und er auf eine große thematische Vielfalt Wert lege, wäre das für ihn im Moment der einzige gangbare Weg. Ganz abgesehen vom Reiz und der Herausforderung, sich neue Schreibstile anzueignen. Wird er als Schriftsteller dadurch aber nicht ungreifbar, undefinierbar?
"Ja", meint Glavinic. "Und was spricht dagegen?"
Weiters in dieser Rezension besprochen:
- Schattenflucht | Richard Powers
- Rastlose Nähe | Hanif Kureishi

















