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 Baba Jaga legt ein Ei  

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Baba Jaga legt ein Ei

Dubravka Ugresic
Klaus Wittmann
Aus dem Kroatischen übersetzt
2008 | Berlin, Berlin
364 Seiten

EUR 22,70kaufenverschenken

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Rezension

Eine Überdosis Scheißfolklore

Sie ähneln „betagten Bulldoggen“, haben Halsfalten wie Puten und ein Gestell, „leicht wie Vogelknochen“ – und zumindest eine konnte dem Sirenenruf dieser „Heerscharen gealterter Engel“ nicht widerstehen: Dubravka Ugreši´c, die den alten Frauen ihr neues Buch „Baba Jaga legt ein Ei“ gewidmet hat. Dieses komplexe Buch kommt in drei Teilen daher, die sich wechselseitig bespiegeln und ergänzen, und mit einer Heerschar von Verweisen, mit denen Ugreši´c ihr hintergründiges Spiel treibt.

Baba Jaga, das ist ein anthropomorphes weibliches Wesen aus der slawischen Mythologie mit Verwandten in den meisten anderen Kulturen: eine alte, hässliche, böse Hexe, eine uralte Göttin, die das Patriarchat zu einem Scheusal degradiert hat und nun von Ugreši´c auf überzeugende und unpeinliche Weise aus der Klammer rein frauenfeindlicher Interpretationen gerettet wird.
Auf einer zweiten Ebene geht es aber auch um eine Auseinandersetzung mit dem in unseren Breiten neuerdings arg verlängerten Leben, um den Körper- und Gesundheitswahn, aber auch um eine Kritik am heutigen Umgang mit dem Alter.
Wer die Bücher von Ugreši´c kennt, dem ist auch ihre alte Mutter vertraut, die wir im ersten Teil des Buches beim Einigeln in das Haus des Alters beobachten. In „Das Museum der bedingungslosen Kapitulation“ (dt. 1998), das zu Ugreši´cs besten Büchern gehört, fungierte sie noch als Schöpferin und Bewahrerin der Familiengeschichte, jetzt ist das Album „auseinandergefallen, die Fotos verstreut“. Auch ihre Sprache zerfällt und existiert nur noch in Stehsätzen: „Zwiebeln müssen stets weich gedünstet sein.“ „Sauberkeit ist die halbe Gesundheit.“
Die Reise der Tochter in die bulgarische Heimat der Mutter, begleitet von der streberhaften jungen Bulgarin Aba Begay, die der Autorin gehörig auf die Nerven fällt und die von ihr verachtete Disziplin der Volkskunde studiert, gerät zum Fiasko. Diese Aba, eine weitere Vertreterin der Baba Jaga, wie ihrem Namen unschwer zu entnehmen ist, soll später auch vom Verleger der Autorin den Auftrag erhalten, eine Abhandlung über den Prototyp der greisen Alten in der slawischen Mythologie zu verfassen.
Am meisten Spaß gemacht haben muss Ugreši´c der mittlere Teil, ein kleines Fest des Erzählens über den wohlinszenierten Abgang der alten Pupa in einem tschechischen Kurort mit drei märchenhaften Schicksalsgöttinnen als Protagonistinnen, eben der 88-jährigen Pupa, „eher das Rudiment eines Menschen, eine menschenähnliche Dörrpflaume“, der 80-jährigen Kukla, „ungewöhnlich groß und für ihr fortgeschrittenes Alter erstaunlich gerade“, und der beleibten Beba, 70 Jahre, deren Körper auf unschöne und eingehend beschriebene Weise auseinandergegangen ist. Ihnen zur Seite gestellt sind der naiv-gutmütige Bosnier Mevludin, der seit einer Explosion einer serbischen Granate einen Dauerständer hat, der Betreiber des Hotels, Anti- Aging- und Wellnessapostel Dr. Topolanek und der amerikanische Geschäftsmann und Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln Mr. Shake.
Da kann die Abhandlung „Baba Jaga für Anfänger“ mit den kompilatorischen Kapiteln über ihr Häuschen auf Hühnerbeinen, den Mörser, in dem sie fliegt, und diese ganze „Überdosis an Scheißfolklore“ natürlich nicht mithalten. Und soll das auch nicht.

Durch den Kniff, eine unsympathische Figur die vorigen Teile auf platte, oberseminarhafte Weise auf babajagoligische Elemente abklopfen zu lassen, gelingt es Ugreši´c, die Forschungslage zu vermitteln und deren Bedeutung gleichzeitig zu relativieren.
Erst der Schluss dieses Teils gewinnt wieder an Drive, wenn sich Aba gegenüber dem Verleger plötzlich in feministische Höhen schraubt und das Baba-Jaga-Schwert zieht, das die Autorin wohlweislich stecken ließ, die ja bekanntlich Anfang der 90er-Jahre im kroatischen Fernsehen wegen regime- und kulturkritischer Äußerungen selbst als Hexe bezeichnet wurde und darauf ins Exil nach Amsterdam ging, wo sie heute noch lebt.

Kirstin Breitenfellner in Falter : Buchbeilage 11/2009 vom 11.3.2009 (Seite 18)

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