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NiederlandJoseph O'NeillNikolaus Stingl Aus dem Amerikanischen übersetzt 2009 | Rowohlt, Reinbeck 320 Seiten
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Rezension
Was für ein prachtvoller „Migrationshintergrund“: Joseph O’Neill wurde 1964 als Sohn eines Iren und einer Türkin geboren, wuchs in Holland auf, studierte Jura in Cambridge, arbeitete als Wirtschaftsanwalt in London und zog schließlich mit seiner britischen Frau nach New York, wo sie mit drei Söhnen im Chelsea Hotel wohnen. Das Hotel ist, wenn man sich’s leisten kann, der passende Ort, um so einem Leben Sesshaftigkeit zu geben. Die amerikanische Literatur braucht für „Migration“ kein eigenes Label, denn das ist ja die Bedingung der nationalen und kulturellen Existenz.
Der Mythos vom Tellerwäscher, der zum Millionär aufsteigt, war immer schon eine Einwanderergeschichte. Er spielt auch in „Niederland“ eine Rolle – O’Neills drittem Roman, dem ersten, der nun auf Deutsch vorliegt. Allerdings schafft es Chuck Ramkissoon, ein dunkelhäutiger Inder aus Trinidad, nicht zum Millionär. Er träumte davon, ein großes Cricketstadion zu bauen. Doch er endet mit zusammengebundenen Händen und Füßen im Hudson. Die Nachricht von dessen Tod ist für den Icherzähler Hans van den Broek Anlass, sich seiner Zeit in New York und seiner Abenteuer mit Chuck zu erinnern.
Hans van den Broek ist – wie der Autor – ein Holländer, der damals im Chelsea Hotel wohnte. Als erfolgreicher Broker lebt er davon, Prognosen auf die Entwicklung des Ölpreises abzugeben, aber das kommt im Roman nur am Rande vor. Seine Frau und sein kleiner Sohn ziehen zurück nach London, wo sie herkommen, die Beziehung droht endgültig in die Brüche zu gehen.
Die Verunsicherung ist allgemein im Sommer 2002, im Jahr eins nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Das Domizil im Chelsea Hotel ist die Folge einer Evakuierung, nachdem die eigene Wohnung in einem Apartmentturm als zu gefährlich eingestuft wurde. Im Hotel begegnet Hans allerlei seltsamen Gestalten: einer permanent vor sich hin murmelnden Dame und einem Türken, der in einem Engelskostüm steckt und mit gerupften Flügeln in der Eingangshalle herumsitzt.
Vor allem aber ist Hans ein leidenschaftlicher Cricketspieler, der seine Wochenenden in abgelegenen Parkanlagen in Staten Island verbringt. Deshalb muss man sich erst einmal durch ausführliche Fachsimpeleien kämpfen, auch wenn man als durchschnittlicher, fußballsozialisierter Europäer keine rechte Ahnung davon hat, was Glance, Hook, Cut, Sweep, Cover Drive, Pitch und Wicket wohl sein mögen. Nachvollziehbar aber ist die Leidenschaft, mit der da einer seinem Sport nachgeht – als einziger Weißer unter Indern und Pakistanis, Jamaikanern und Guayanern, unter Muslimen, Hindus und Buddhisten.
Cricket ist im baseballverseuchten Amerika eine Randsportart, was es O’Neill erlaubt, an die Ränder der amerikanischen Gesellschaft vorzudringen und ein New York zu schildern, das man so noch nicht kennt. Sein Erzähler ist angenehm vorurteilsfrei, ohne anbiedernd zu sein. Er kann sich in Taxifahrerkneipen ebenso gut bewegen wie im Bankermilieu, scheint sich aber auf dem Cricketplatz eindeutig am wohlsten zu fühlen. Mit Chuck ist er in Brooklyn im Auto unterwegs, um für den amerikanischen Führerschein zu üben. Chuck betreibt aber, wie Hans erst allmählich begreift, illegale Glücksspiele und andere fragwürdige Geschäfte und klappert bei der Gelegenheit seine Kunden ab. Und er zeigt Hans das Gelände eines alten Flughafens auf Long Island, wo er sein Stadion bauen will und wo die beiden sich schon einmal daran machen, mit Mäher und Walze das Grün zu bearbeiten.
Das Schöne an dieser unaufgeregten Geschichte ist ihr Tonfall. O’Neill erzählt unsentimental und dabei doch voller Anteilnahme und Sehnsucht. Hans ist ganz und gar unzynisch oder, wie seine Frau beklagt, ein „Rationalist“ von „moralischer Trägheit“. So sehr er auch in der Krise steckt, er genießt doch diesen Sommer, in dem berufliche und familiäre Zwänge von ihm abfallen.
Dass er nachts per Google Earth Frau und Sohn näherkommen möchte und sich an deren Haus in London heranzoomt, ist die traurige Kehrseite seiner Lage. Wenn er schreibt: „Als ich zum ersten Mal seit Jahren meine Zehen berührte, spürte ich, wie ein größeres Moment von Leben in greifbare Nähe rückte“, dann klingt das nach dem schmerzlichen Sarkasmus eines Mannes in der Midlife-Krise, der sein sexuelles Leben hinter sich zu haben glaubt.
Aber ganz so schlimm ist es nicht. Es kommen sogar Frauen vor in dieser Geschichte. Und am Ende ist auch die Frage entschieden, „ob das, was ich empfand, der Kern der Liebe war oder ihr kläglicher Rest“.

















