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RezensionAlice hält auch schon mal ein Schläfchen
Von allem Anfang an, seit ihrem Debüt vor elf Jahren im Alter von 28, war Judith Hermann weniger ein literarisches Phänomen als vielmehr eine Inszenierung des deutschen Feuilletons: eine Projektionsfläche für angesagte Stimmungen. In ihrem ersten Erzählband, „Sommerhaus, später“, kam, in schöner Teilnahmslosigkeit und verhangener Blässe, eine Müdigkeit zur Sprache, die sich als Lebensgefühl einer Generation deklarieren ließ – auch wenn es sich, genauer betrachtet, bloß um den Blues eines bestimmten Berliner Milieus zur Jahrtausendwende handelte, nämlich das Soziotop einer Hinterhausboheme von Berufsjugendlichen um die 30, lokalisierbar zwischen Kreuzberg und Prenzlauer Berg.
Gleichwohl wurde das schmale Bändchen zum poetischen Grundtext einer Generation ausgerufen und war ein Sensationserfolg. Hunderttausende Leser und womöglich noch mehr Leserinnen nahmen das Identifikationsangebot des Feuilletons an und feierten Judith Hermann als Stilikone ihrer eigenen Lebensweise. Sie waren bereit, in diesen Berliner Milieugeschichten ihre eigene Gefühlslage und in diesem affektgebremsten Prosatonfall den Seelensound der Saison zu erkennen.
Damit schien diese Autorin von vornherein der Zuständigkeit der Literaturkritik entzogen. Wer eine derart gläubige Gemeinde hat, ist im Grunde nicht mehr kritisierbar. Zudem wurde Judith Hermann an der Literaturbörse als Blue Chip heiß gehandelt, und in diesem Geschäft hat der Kritiker sowieso keine Aktien. Seine Meinung ist nicht börsenotiert.
Fünf Jahre später, 2003, erschien nicht, wie vom Feuilleton suggeriert, erwartet, angekündigt und herbeibefohlen, Judith Hermanns erster Roman, sondern ein zweiter Erzählband: „Nichts als Gespenster“. Da waren sie also wieder, die müden Drifter, trägen Brüter und wortkargen Slacker aus dem „Sommerhaus“-Büchlein, jetzt als Mitt- und Enddreißiger. Immer noch hatten sie ihren Emotionspegel auf Sparverbrauch gestellt und ihren Ehrgeiz auf Antriebslosigkeit heruntergedimmt: Wenn sie überhaupt jobbten, war’s nicht der Rede wert. Sie kultivierten auch weiterhin vage Sehnsüchte, über die sich klar zu werden, ihre Energie meist nicht ausreichte. Nur wenn sie Anflüge von Verliebtheit bei sich regis-trierten, dann steigerte sich ihre Lustlosigkeit zur Apathie.
Sie hingen in Kneipen herum, widmeten sich rituell ihren Zeremonien des Zigarettenrauchens und pflegten die Ziellosigkeit als Lebensstil und die Leere als Lebensinhalt – nur eben, wie ihre Autorin, fünf Jahre älter geworden. Auch waren sie inzwischen – ebenfalls wie ihre Autorin, der Liebling des Goethe-Instituts – ins Stipendiatenmilieu hineingedriftet. Judith Hermanns Protagonisten verreisten nun, um auch anderswo nichts zu erleben – beispielsweise nach Tromsø oder Austin, Nevada. „Es spielte keine Rolle, dass wir in Prag waren“, lautete ein leitmotivischer Satz, „wir hätten auch in Moskau oder Zagreb oder Kairo sein können.“
Die Kritiken waren gespalten. Erstmals schien der atmosphärische Zauberbann gebrochen. Erstmals gab es neben Jubeldelirien auch gereizte Reaktionen. Hermanns Zweitling – geschwätzig, substanzarm und schludrig geschrieben, wie er war – bot ja auch reichlich Anlass für Missmut und Überdruss: Ach, alle diese matten Dämmerseelen, die bereits in eine ewige Adoleszenz hineinalterten und immer noch nicht wussten, was sie wollten!
Jetzt also, sechs Jahre später und mit fast 40, kommt uns Judith Hermann mit „Alice“. Und siehe da: Die Stimmung ihrer Prosa – wenngleich immer noch absolut humorfrei – hat sich gewandelt. Es wird auch nicht mehr geraucht. Das Gefühl einer schicksalslosen, träge vor sich hin stagnierenden Gegenwärtigkeit ist einer unbehaglichen Ahnung von Endlichkeit gewichen: Eben noch war man forever young, und jetzt ist man plötzlich im Sterbealter.
In dieser Prosa murmelt es undeutlich, doch unüberhörbar panisch: dass die Zeit vergeht und das Leben verrinnt, ja, für manche aus der eigenen Alterskohorte sogar bereits vorbei ist. Es wird nun erstmals gealtert bei Judith Hermann, was auf wunderlich geschraubte Weise zur Sprache gebracht wird. Vor allem: Es wird gestorben.
Fünf Männer aus Alices näherer Bekanntschaft sterben – sie sind die Titelgeber der fünf hier versammelten Geschichten. Micha und Richard sterben an Krebs, Conrad stirbt plötzlich und unerwartet (der Branchentratsch will wissen, dass der Kritiker Reinhard Baumgart Modell stand), Malte hat sich mit 23 umgebracht, und über die Umstände von Raymonds Tod wird nichts mitgeteilt – er war der Lebensgefährte von Alice.
Erwähnenswert hingegen findet Judith Hermann stets die Haarfarbe der Männer. Dass diese ergraut sind, graue Schläfen haben, „weißes Brusthaar“ oder „feine Haare, weiß, fast leuchtend“. Die Männer sind sichtlich gealtert: „älter geworden“, „auch nicht mehr die Jüngsten“. Leitmotivisch durchziehen Hinfälligkeit und Lebensschwäche der Männer, ihre „lästige Neigung zum Ende“, diese Geschichten, sehr im Gegensatz zu den unverdrossen weiter wesenden Frauen.
Am gedämpften Gemütszustand einer kühlen Teilnahmslosigkeit hat sich allerdings auch im dritten Hermann-Buch nichts geändert. Es geht in diesen Erzählungen denn auch weniger um den Tod der Männer, als vielmehr darum, was die überlebende Alice, die Stellvertreterfigur der Autorin, danach so alles treibt.
Beispielsweise in einem schwarzen Taxi mit dunklen Scheiben so bedeutungsvoll davonfahren, als wäre sie ein Todesengel nach Dienstschluss. Oder in den eiskalten Gardasee eintauchen und befreit hinausschwimmen. Oder die Sachen ihres toten Lebensgefährten weggeben und jeden Tag ins Schwimmbad gehen und in der Sonne ein Schläfchen halten. Judith Hermann möchte vermutlich, dass „Alice“ als ein Buch über Trauerarbeit gelesen wird, irgendwie.
Der Band gibt sich wortkarg und verhalten: keine Genrebezeichnung, kein Motto,
keine Widmung, keine Anbiederung an ein Generationengefühl mit Zitaten von Tom Waits oder den Beach Boys. Alice betritt hier weder ein Wunderland, noch geht sie durch Spiegel, sie fühlt sich nur nicht mehr jung. Einzig Conrad, mit 70 „über ein Vierteljahrhundert älter als Alice“, nennt sie noch „Alieschen“ und kneift sie leicht in die Wange, „als wäre sie ein Kind“.
Über Alices Haarfarbe erfahren wir nichts, und des eigenen Alters vergewissert sie sich nur in merkwürdig verrenkten Vergleichsrechnungen. So forscht sie dem Selbstmord ihres homosexuellen Onkels Malte nach, der sich vor 40 Jahren mit Tab-letten umbrachte („Barbiturate, ein Wort fast so klingend wie Maori“, denkt sie, was eher ästhetischen Feinsinn als Mitgefühl verrät).
Sie trifft und befragt den betagten Friedrich, einst Maltes große Liebe, und rechnet kurios umständlich: „Als Malte achtzehn Jahre alt war, war Friedrich zehn Jahre älter und der Krieg seit zwanzig Jahren vorbei. Ein Foto von Malte, rauchend, zwanzig Jahre alt. Drei Jahre später war Alice auf die Welt gekommen. Malte hatte sich im März das Leben genommen. Alice kam im April zur Welt. Ins Leben. Einen Monat später.“
Man begreift, warum hier so herumgeeiert wird: Der Mehltau einer elegischen Gleichgültigkeit und Gefühlskälte, der über all diesen Erzählungen liegt, ist der Todesangst der Titelgestalt geschuldet, ihrem panischen Fluchtimpuls vor allem, was mit Sterben zu tun hat. Alice ist vornehmlich damit beschäftigt, den Tod anderer von sich fernzuhalten. Sie lehnt es ab, den toten Conrad noch einmal zu sehen. Sie findet kein Wort der Anteilnahme für Conrads Witwe. Sie hat schon seinerzeit „das Angebot ausgeschlagen“, von ihrer toten Großmutter „im Kühlraum noch einmal Abschied zu nehmen“.
Von Michas Frau Maja und Richards Frau Margaret erfahren wir, dass sie sich zu dem Sterbenden ins Bett legen, um ihm liebend nahe zu sein. Von Alice ist uns nichts dergleichen bekannt. Im Gegenteil: Zu Berührungen der Sterbenden, ihrer Hände, ihres Gesichts, muss sie sich spürbar überwinden.
Sich preziös „die Fingerkuppen auf die pochenden Augenlider“ zu legen, ist für sie die äußerste Art, Trauer auszudrücken. Und geweint wird nicht etwa um die Toten, sondern über den Zustand des zugemüllten Autos oder über Muttis Kirschmarmelade („Die Marmelade war so süß, drängte sich in ihrem Mund, Zucker und Früchte, ihr kamen die Tränen“).
Als Todesangstbuch ist „Alice“ der schiere Gegensatz zu Christoph Schlingensiefs Krebstagebuch „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“. Zweimal Todesabwehr: einmal durch Verschweigen, einmal durch Hilfeschreie und multimedialen Selbstentäußerungsradau. Man kann sich aussuchen, was einem lieber ist: Hermanns Kälte oder Schlingensiefs heißes Toben.
Sigrid Löffler in Falter : Wien 21/2009 vom 20.5.2009 (Seite 27)
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