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Der Strand der Städte  

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Der Strand der Städte

Gesammelte journalistische Arbeiten 1959-1987
Jörg Fauser
2009 | Alexander Fest Verlag, Berlin
1593 Seiten

EUR 51,30kaufenverschenken

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Rezension

Dreiundvierzig intensive Jahre waren ihm vergönnt. Drogen, Alkohol, vor allem aber Schreiben, ­Schreiben und nochmals Schreiben. „Weil Schreiben das A und O ist und Überleben sonst nicht lohnt.“ Das war Jörg Fauser.
Um seinen Abgang ranken sich Mythen. Mit Freunden hatte er am Abend des 16. Juli 1987 in einem Münchner Lokal noch ausgiebig auf seinen Geburtstag angestoßen. Kurz nach Mitternacht verließ er die Gesellschaft. Gegen vier Uhr früh wurde Fauser einige Kilometer entfernt beim Versuch, die A94 zu Fuß zu überqueren, von einem Lkw erfasst. Er erlag noch am selben Tag den Verletzungen.
Die Fauser-Gemeinde rätselt immer noch, was ihr Idol in dieser Nacht geritten haben mag. Tatsache ist, dass der einstige Undergroundschriftsteller zu diesem Zeitpunkt im Betrieb so etabliert war, wie er es sich selbst vermutlich nie erträumt hatte. Zwei Jahrzehnte lang hatte er wortreich über die öden Verhältnisse in der deutschsprachigen Literatur geschimpft und versucht, sich als hartgesottener Einzelgänger zu etablieren.

Doch wie seinem Helden Charles Bukowski oder den von ihm ebenso verehrten US-Hardboiled-Krimi­autoren war ihm letztlich, an der Literaturkritik vorbei, mit Büchern wie „Der Schneemann“ oder „Rohstoff“ beim Publikum der Durchbruch geglückt. Er, der sich so gern zum Außenseiter stilisierte, verfügte Mitte der 80er zum ersten Mal über Geld. Sein „Schneemann“ wurde mit Marius Müller-Westernhagen verfilmt. Der oft als Männer­autor und Frauenfeind verunglimpfte Fauser heiratete sogar. Dann trat er ab.
Geboren wurde er am 16. Juli 1944 in Bad Schwalbach. Der Vater war ­Maler und mühte sich als kleinbürgerlicher Künstler ab, seine ­Familie durchzubringen. Der Sohn brach früh mit dem Elternhaus, war in ­seinem Verhältnis zu Vater und Mutter aber – wie in so vielem – gespalten. Über die Jahre schrieb er unzählige Briefe an sie, dokumentiert sind sie in dem Band „Ich habe eine Mordswut“. Wenn er unten war, kam er auch immer wieder für einige Zeit bei ihnen unter.

Als Vater der Popliteratur wird Fauser heute im deutschsprachigen Raum ­gehandelt. Das stimmt und stimmt auch wieder nicht. Wie nun der 1600 Seiten starke Band „Der Strand der Städte“ mit den gesammelten journalistischen Arbeiten Fausers aus fast 30 Jahren belegt, war er in erster ­Linie darum bemüht, die verschnarchte deutsche Literatur mit ihrer „Nabelpopelschau“ an amerikanische Verhältnisse heranzuführen.
Als 20-Jähriger hatte er für die Frankfurter Hefte über Gryphius geschrieben und Lyrik rezensiert. Später empfahl er praktisch nur mehr US-Literaten. Literatur musste für ihn immer etwas mit dem Leben zu tun haben, intensiv sein und das Milieu, die Straße und den Dreck inhaliert haben, von dem sie handelte.
Das schlug sich auch in den journalistischen Texten nieder, die großteils aus den späten 70er- und frühen 80er-Jahren datieren. In dieser Zeit war Fauser einige Zeit als Redakteur des Berliner Stadtmagazins tip an­gestellt und schrieb nebenbei noch Reportagen für die ­Busenmagazine lui und Playboy, in denen der eigene Standpunkt nie verleugnet wurde. Wenn er etwa über den deutschen ­Rocker Achim Reichel schrieb, führte er nicht einfach ein Interview, er begleitete ihn auf Tour, wurde zum Maskottchen und schrieb später sogar Songtexte für den Musiker. Fauser war immer mit unbändiger Leidenschaft bei der Sache, nie bloß „professionell“, wie das heute in Literatur und Journalismus so oft der Fall ist.
In seinen Kolumnen, ­Reportagen und Essays erwies sich der amerikano­phile Schriftsteller allerdings auch als höchst genauer Beobachter ­bundesrepublikanischer Verhältnis­se. Das Spektrum ist beachtlich: Er reiste durchs Land, um Vibes auf­zufangen, schrieb umfangreiche Porträts über die damaligen Zukunfts­hoffnungen Joschka Fischer und Gerhard Schröder, machte Vorschläge zur Verbesserung des öffentlich-rechtlichen Kulturprogramms und wetterte gegen Diedrich Diederichsen und Rainald Goetz, Vertreter der nächsten Schreibergeneration, die ihm früh den Rang abzulaufen drohten.
Fauser hasste Theoretiker und Weltverbesserer wie auch Schriftstellerkollegen, die meinten, mit ihren Unterschriften unter Petitionen die Welt zu verbessern: „Literatur, Ausdruckswelt haben a priori nichts mit den Interessen irgendeiner Klasse, sondern einzig und allein mit der Substanz von Individuen zu tun“, verfügte Fauser. Und: „Ich finde, Literatur gehört in den Supermarkt, zwischen das Getränkeregal und die Kasse.“

Über seine Trinkerei schrieb er leider nur wenig. Man darf ihm manchmal über die Schulter schauen, wenn er beim Bier sitzt, aber das war’s auch schon. Dafür hinterließ er den frühen Roman „Tophane“, eine poetische Beschreibung seiner Heroinsucht in der ersten Hälfte seiner 20er-Jahre. Auch über die Wurzeln und Motive seines merkwürdigen Spießeraufzugs hätte man gern etwas erfahren. Früh schon hatte er sich ein Outfit samt Anti-Image zurechtgelegt, das wie eine Mischung aus Finanzbeamtem in niedriger Position, Versicherungsvertreter und schäbigem Detektiv wirkte.
„Der Kolumnist verrät immer auch etwas, vor allem etwas von sich selbst, und das macht nicht immer fröhlich“, nahm er von den Lesern ­seiner tip-Kolumne Abschied, als er sich wieder verstärkt auf Romane stürzte. „Mir ist aber nach Fröhlichkeit zu­mute, gerade bei der herrschenden Stimmung in den Köpfen um mich ­herum, wenn Kohl grinst, möchte ich lachen, lachen heißt frei sein wollen.“

Die schriftstellerische Wirklichkeit sah freilich meist anders aus: „Wenn einer anfängt zu schreiben, will er immer mit den Sätzen das Blau des Himmels runterholen (…), will er alle Grenzen überschreiten und durch alle Tore, die zum Leben führen. Und er weiß noch nicht, dass er dafür bezahlen muss. Mit sich selbst. Mit Scham. Mit Fremde.“
Dem Verleger Alexander Wewerka vom kleinen Alexander Verlag ist es zu verdanken, dass fast der ganze Fauser nun in einer liebevoll gemachten Werkausgabe von neun Bänden vorliegt, die nichts zu wünschen ­übrig lässt. Leser und angehende Autoren auf der Suche nach unverwässerter Zerstreuung finden hier guten Stoff für viele Lektürestunden. Im August wird die Ausgabe auch in einer preisgünstigen, leicht gekürzten Taschenbuchedition bei Diogenes erscheinen.

Sebastian Fasthuber in Falter : Wien 29/2009 vom 15.7.2009 (Seite 28)

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