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 New Weird Austria  

New Weird Austria

Binder und Krieglstein
März 2010 | Essay recordings | Pop
CD
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2 Rezensionen

Neue, seltsame Steiermark: Oper Noir und Volksmusik à la Discothèque

Der Titel des neuen Albums von Binder und Krieglstein „New Weird Austria“ ist eine Anspielung auf „New Weird America“. Und weil wir Österreicher traditionsmäßig eben nicht auf Folk, sondern nur auf Volksmusik zurückgreifen können, hat Mastermind Rainer Binder-Krieglstein (siehe Porträt S. 30) genau das getan. Das ist zwar nicht ganz neu, man denke an Attwenger oder die Neue Volksmusik. Was allerdings die stilistische Umsetzung betrifft, da steht er hierzulande wohl recht alleine da. Binder-Krieglstein arbeitet mit Volksmusik-Samples, hat Musiker an Geige, Posaune und Klarinette angeheuert und die alte Tante Volksmusik auf eine sich flott drehende Discokugel draufgebunden. Das ist in der Tat ziemlich seltsam, auch originär und funktioniert ohne Augenzwinkern. Auf der Gästeliste stehen etwa Mieze Medusa, Didi Bruck­mayr oder Molto Mosso. Es wird nicht nur steirisch g’spielt, sondern auch g’sungen. Mutig, aber toll!

Live am 5.3. um 20.00 im Tanzstadl, Graz

Tiz Schaffer in Falter : Stmk 8/2010 vom 24.2.2010 (Seite 51)
Immer knapp vorm Abgrund

Endlich gibt es Weird Folk made in Austria: Rainer Binder-Krieglstein schließt Volksmusik auf würdige Weise mit Pop kurz

Wann i zum Tanzn geh / Tuat ma koa Fuaß nit weh / Wann i arbeiten geh muaß / Dann is aus mit mein Fuaß. [...] Wann i koa Göd net hab / Gib i koans aus / I bin ja koa Bank / Dass i alles verbraus“.
Für zugereiste Stadtbewohner – und, Hand aufs Herz, wer ist das nicht? – heißt es jetzt mutig sein und die halb verdrängte eigene Mundart hervorholen. Die Grazer Formation Binder & Krieglstein, hinter der sich allein der Musiker Rainer Binder-Krieglstein verbirgt, geht mit gutem Beispiel voran.
Der Steirer wagt sich auf seinem neuen, vierten Album, „New Weird Austria“, weit vor in die verminten Gebiete der Volksmusik und huldigt dem Bradln, Gstanzln und ähnlichen konsonantenreichen Vergnügungen. Als Stimmen hat er sich dafür neben seiner Stammsängerin Makki den Neue-Volksmusik-Veteran Wilfried („Ziwui Ziwui“, 4Xang), Didi ­Bruckma­­yr (Fuckhead) oder seinen ehemaligen Fetish-69-Mitstreiter Christian Fuchs (Bunny Lake) geholt. Das Resultat klingt über weite Strecken ebenso rotzig wie mitreißend, ebenso schräg wie durchdacht.
Die Idee zu dem Projekt trägt Binder-Krieglstein schon lang mit sich herum. An die Umsetzung machte er sich, als er nach einem Jahr in Berlin nach Graz zurückkehrte: „Ich habe mich gefragt, wo es jetzt noch hingehen kann. Was interessiert mich noch? Es gibt in der Popmusik kaum mehr Neuland. Und dann fällt dir auf, dass es direkt neben dir liegt.“

Also machte sich der 44-Jährige zum vertiefenden Quellenstudium in den Volksmusik­archiven auf. Bei der Recherche stieß er auf eine breite Lücke: „Einerseits hat man die tradierte, aufgeschriebene Volksmusik. Wer die heute noch spielt, der spielt sie ganz genau nach. Auf der anderen Seite steht die zeitgenössische, volkstümliche Musik, die sehr sauber klingt. Die Schattierungen dazwischen fehlen komplett. Es gibt zwar Bands wie Broadlahn, aber die machen im Prinzip Fusion. Ich wollte auch in den Gatsch greifen und die Volksmusik in die heutige Popmusik überführen.“
Die Methode ist zumindest auf dem Papier einfach. Wie schon der oben zitierte Textausschnitt aus dem Stück „Bratlgeiger“ zeigt, nimmt Binder-Krieglstein klassische Wendungen und Muster aus dem Liederbuch des ländlichen Raumes und verknüpft sie mit zeitgerechten Aussagen und Tönen. Auf die Musik umgelegt heißt das: Zitate und Samples von Blasmusikkapellen und Bradlgeigern treffen auf punkig rumpelndes Schlagzeug und elektronische Klänge.
Die Ausarbeitung des Materials fiel dem Studiotüftler mitunter schwer: „Ich habe mich immer knapp vorm Abgrund bewegt. Mir geht es letztlich um diese zehn Sekunden Volksmusik, die fast jeder Österreicher als kleine Sehnsucht in sich spürt. Leider verschwindet die sofort, wenn man die aktuelle Volksmusik hört, weil es einem die Zehennägeln aufrollt. Es war ein Balanceakt, mit diesem Gefühl zu spielen, ohne zu klischeehaft oder zu experimentell zu werden.“
Leise Zweifel an der eigenen Arbeit kamen Binder-Krieglstein auch, als er zwischen den zwei Jahre dauernden Aufnahmen eine Auftragsarbeit für eine Modenschau auf Kuba einschob. „Die zehn lateinamerikanischen Nummern dafür waren ruckzuck gemacht“, erzählt er. „Das hört sich gleich mal elegant und lässig an, die Leute tanzen dazu auch sofort. Bei der Volksmusik kannst du Prädikate wie cool, groovig oder elegant vergessen. Ich hab gelernt, dass sie nach einer ungemeinen Präzision verlangt.“
Auch die Suche nach geeigneten Sängern zog sich eine Weile hin. Längst nicht jeder Vokalist, den der Musiker in sein Studio einlud, konnte etwas mit seinem Projekt anfangen. Allen voran demonstriert nun Altspatz Wilfried, wie’s geht. Es macht dem am Fuß des Dachsteins als Wirtshauskind aufgewachsenen Ex-Austropopper hörbar Spaß, ordentlich draufzudrücken.

„Er bringt diesen raunzigen, quengeligen, ein bisschen penetranten Ton perfekt rüber“, freut sich Binder-Krieglstein. „Witzigerweise gab es gegen die Nummer die meisten Widerstände. Aber wer findet, dass diese Stimme nervt, hat es nicht verstanden. Das muss so sein!“
Wilfried ist Oberösterreicher, Christian Fuchs bestreitet mit seinem Beitrag „So faungt des an“, der nachdrücklich an seine Mitgliedschaft in der Neigungsgruppe Sex, Gewalt & Gute Laune erinnert, den Wienerlied-Teil der Platte. Der Rest ist eher steirisch dominiert. Auch der weltweit gern gebuchte Steirische Jägerchor hat mitgemacht und duelliert sich in „I hob di gern“ mit Suzy On The Rocks von Bunny Lake.
„New Weird Austria“ folgt auf „Alles verloren“ (2007), die mit Abstand glatteste Produktion von Binder & Krieglstein. Damals tat er sich mit dem Balkan-Beat-Paten Shantel zusammen. Doch warum auf einen Zug aufspringen, wo es doch vor der Haustür genug traditionelle Musik gibt, die man aus dem trüben Licht der Archive an die Öffentlichkeit holen kann?
Die deutsche Plattenfirma hatte mit der abgelieferten Platte freilich zunächst keine Freude. Schon im Juni 2009 war die Musik fertig, die Veröffentlichung wurde mehrfach verschoben. „Vom Label wurde mir eine Midlifecrisis vorgeworfen“, so der Beschuldigte, immer noch fassungslos. „Die hielten mich für zynisch und die Musik für Verarsche, dabei ist das Gegenteil der Fall. Ich war schon so weit, das Album selbst rauszubringen, kam aber nicht aus dem Vertrag raus.“
Ob für „New Weird Austria“ – der Begriff lehnt sich an die Folk-Strömung New Weird America an – ein Markt existiert, kann der Macher selbst schwer abschätzen. Dass die Platte außerhalb Österreichs auf vollkommenes Desinteresse stoßen könnte, befürchtet er aber nicht: „Wenn ich in ein Plattengeschäft gehen und dort ein Album ‚New Weird Hungary‘ sehen würde, ich würde mir das ungschaut kaufen. Ich habe auch schon gute Rückmeldungen aus Spanien. Eher werde ich hier das Problem haben, weder auf FM4 noch in den Regionalradios gespielt zu werden.“

Sollte die Musik halbwegs ankommen, möchte der Mann, dessen Familie einst dem Reichsadel angehörte, unbedingt im Gatsch weiterarbeiten. Und er wünscht sich ausdrücklich Nachahmer und Konkurrenz: „Man hat das so abgespeichert: Es gibt eh Attwenger. Und aus. Es wäre schön, würden jetzt andere Leute nachziehen.“
Vielleicht muss sich Rainer Binder-Krieglstein bald den Titel „Pionier der Neuen elektronischen Volksmusik“ gefallen lassen.

Sebastian Fasthuber in Falter : Wien 8/2010 vom 24.2.2010 (Seite 30)
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