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Über allen GipfelnMagie, Material und Gefühl in Goethes Gedicht »Ein gleiches«Sebastian Kiefer 2011 | VAT Verlag 202 Seiten
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Rezension
Für eine Gedichtinterpretation galt es in der Schule 300 oder 500 Wörter zu schreiben. Der Musikwissenschaftler und Essayist Sebastian Kiefer hat einem Poem ein ganzes Buch gewidmet. Auf knapp 200 Seiten führt Kiefer durch jene acht Zeilen Goethes, die dieser mit „Ein gleiches“ übertitelt hat: „Über allen Gipfeln / Ist Ruh (...)”.
Der Berliner Literaturwissenschaftler und Universalgelehrte Sebastian Kiefer beginnt damit, über eine ganze Reihe von Seiten zu zeigen, dass die vermeintliche Verlegenheitslösung des Titels einen Teil der Komposition darstellt. Sich langsam und achtsam mit genau einem Ding zu befassen, das hat etwas Meditatives. Seine Art der Betrachtung passt dazu: Wohl vergleicht er mit alternativen Versionen, setzt sich mit „Irrungen und Wirrungen der Rezeption“ auseinander, untersucht Metrik und Klang. Doch Kiefer lässt Goethe ganz. Weder seziert er die Zeilen mit akademischem Besteck zu Tode, noch zieht er den Lebenslauf des Dichters heran, um dessen Werk zu erklären.
Wichtiger ist ihm, „Goethes Instinkt für die Sprachverarbeitung“ zu zeigen. Dank diesem enttäusche Goethe eben hervorgerufene Harmonieerwartungen und schaffe mit solchen kleinen Dissonanzen Substanz und Spannung. Es geht nicht um Verstehen, sondern darum, das Wesen eines Gedichts zu erfassen. Das braucht Zeit, und die sollte der Leser haben. Das wohltuende Gefühl der Entschleunigung kann hier ebenso entstehen wie Ungeduld. Mit gewohntem Alltagstempo in die Welt der kontemplativen Versbetrachtung einzusteigen macht kribbelig. Eilige seien bei aller Brillanz des Buches also gewarnt, ebenso Menschen ohne wirkliches Interesse an Lyrik. Für alle, die Letzteres mitbringen, kann Kiefer ein guter Anfang sein.
Die bislang sehr überschaubare Welt der großen Gedichtinterpretation soll weiter werden. Der hier vorliegende Band eröffnet die neue Reihe „Poesis“ im Verlag André Thiele. Weitere Werke mit dem Ziel „Raffinement, Individualität und Schönheit eines Kunstwerks zu erfahren“, werden folgen. Mögen sie alle die Originalität dieser initialen Interpretation erreichen!

















