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 Karaokekultur  

Karaokekultur

Dubravka Ugresic
2012 | Berlin, Berlin
383 Seiten

EUR 22,60kaufenverschenken

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Rezension

Bedacht wird hier der Avatar, doch auch die böse Minibar

„Kulturkritiker sind Leute, für die zum Beispiel das Tätowieren mehr als nur eine Mode ist. Offensichtlich gehöre auch ich zu dieser zweifelhaften Berufsgruppe, denn ich bin bereit, in Karaoke mehr zu sehen als das unbegabte Jaulen etwa zu der Melodie ,We Will Survive‘.“
Mit ihrer Fähigkeit, auch in Alltagsdetails große Zusammenhänge und Anlässe zu letzten Fragen zu entdecken und daraus so eindrückliche wie vergnüglich zu lesende Essays zu fabrizieren, gehört Dubravka Ugrešić zu den Meisterinnen ihres Fachs. Auch in ihrem neuen Band „Karaokekultur“ vereint sie anscheinend so disparate Themen wie Fandom und Avatare im Internet, das Idealdorf Drvengrad des serbischen Regisseurs Emir Kusturica, Gobelinstickerei, die Tyrannei der Minibar und eine Phänomenologie der Fliege. Und in dem Essay „Eine Frage der Optik“ beschreibt sie noch einmal eindringlich die Vertreibung aus ihrer Heimat sowie die Strategien einer in den Faschismus kippenden Gesellschaft.
Die Beschäftigung mit neuen Medien zog sich von Anfang an durch Ugrešićs Werk. 1993 legte sie mit „My American Fictionary“ Notizen aus dem amerikanischen Alltag in Lexikonform vor, 2002 rechnete sie in „Lesen verboten“ mit der Verlagsindustrie ab.

Das Herzstück von „Karaokekultur“ bildet der 113 Seiten lange Titelessay. „Karao­ke (zu deutsch: leeres Orchester) ist eine Art von Unterhaltung für Menschen, die gern einmal Madonna oder Frank Sinatra sein möchten“, schreibt Ugrešić: „Karao­ke ist eine Unterhaltung für kleine Leute, die sich, durch die Maske der Anonymität geschützt, befreien und im Rahmen der vorgegebenen (technologischen, genremäßigen) Codes und Gemeinden (Fandoms) ihre heimlichen Sehnsüchte erfüllen. Karaoke-Menschen sind alles andere als Revolutionäre, Erneuerer oder gar Weltveränderer. Sie sind gewöhnliche Menschen, Verbraucher und Konformisten.“
Karaoke steht bei Ugrešić auch für die Internetkultur als Ganzes, die auf dem Prinzip der Sammlung, Adaption und Nachahmung von bereits Vorhandenem beruht und jedem die Illusion verschafft, mitmachen zu können – wobei die Attraktivität dieses Mitmachens darin liegt, dass dieses ohne jedes Risiko bleibt. Versteckt hinter fremden Identitäten und ohne klares Gegenüber führe diese Kultur des Monologs, so Ugrešić, zu einer Infantilisierung der Gesellschaft.
Im abschließenden Essay „Die ungreifbare Substanz des Archivs“ befasst sich die Autorin mit den Ambivalenzen des Archivierungswahns, zu dem die neuen technischen Möglichkeiten verführen. „Vordergründig präsentiert sich diese Obsession als eine Massenorgie der Selbstdarstellung, aber unter der Oberfläche atmet verstört die Angst vor dem Tod.“

„Karaokekultur“ konzentriert sich auf die Verluste, die das Internet herbeiführt. Dazu zählen auch persönliche. Ugrešićs Lexikon der jugoslawischen Mythologie, begonnen 1989 als subversiver Akt zur Rettung der Erinnerung an ein untergehendes System, verkam durch Seiten wie Youtube zu purer Unterhaltung. „Heute streiche ich selbst um mein ehemaliges Haus, die Literatur. Dort hausen jetzt andere.“

Kirstin Breitenfellner in Falter : Wien 13/2012 vom 28.3.2012 (Seite 28)
© 2013 Falter Verlagsgesellschaft mbH
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