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 Bildung nervt!  

Bildung nervt!

Warum unsere Kinder den Politikern egal sind
Bernd Schilcher
2012 | Ueberreuter, Wien
207 Seiten

EUR 19,95kaufenverschenken

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Rezension

Die Klagen des Wutlandesschulrats

Ex-ÖVP-Politiker und Bildungsexperte Bernd Schilcher stellt die soziale Frage und rechnet mit dem ständischen Charakter unserer Schulen ab

Helmut Qualtinger spielte 1960 in einem Kurzfilm einen Gymnasiallehrer, der feststellte: „Unsere Vergangenheit ist die Zukunft.“ Von diesem Satz hat sich vielleicht Bernd Schilcher für sein neues Buch inspirieren lassen; ein Kapitel darin heißt: „Geschichte – das ist bei uns die Gegenwart“. In seiner Bestandsaufnahme des österreichischen Schulsystems zeigt der studierte Jurist und Ex-ÖVP-Politiker, warum die österreichische Schule so geworden ist, wie wir sie kennen.
Schilcher, der Landesschulratspräsident in der Steiermark war, führt die gegenwärtigen Zustände auf die Geschichte zurück: Die Anfänge der öffentlichen Schule unter Maria Theresia sind militärischen Ursprungs, Preußen diente als Vorbild. Frontalunterricht und die Vorrangstellung von Disziplin und Ordnung sind Überbleibsel aus dem 18.Jahrhundert; ein zutiefst autoritär-hierarchisches Verständnis sowie ein ausgeprägt ständischer Charakter zeichnen das deutsche und das österreichische Schulsystem aus.
So macht der Autor verständlich, dass es in beiden Ländern noch immer so gut wie keinen sozialen Ausgleich durch Bildung gibt, was eine direkte Folge dieser ständischen Geschichte sei. Die Korrelation zwischen sozialer Herkunft und Lesefähigkeit ist in Österreich so stark ausgeprägt, dass das Land von allen OECD-Staaten den drittschlechtesten Wert erreicht.

Die vereinigten Stahlhelmträger
Die Misere der schulischen Reproduktion von sozialer Ungleichheit lässt sich direkt aus der Tradition des österreichischen und deutschen Bildungsbürgertums ableiten sowie vom Gymnasium als dessen Festung. Die strikte Trennung zwischen Bildung und Ausbildung sah von Anfang an vor, dass Bildung ein Privileg der höheren Stände sein soll.
Unübersehbar ist im ganzen Buch, dass es Schilcher ein Herzensanliegen ist, die Schule mit der sozialen Frage zu verknüpfen. Er spannt den Bogen weit und legt den Finger auf unzählige Wundstellen des österreichischen Schulsystems.
Er schreibt über den hohen Stellenwert von Disziplin und Ordnung, er kritisiert die unterschiedliche Wertung der Fächer, die ihren Ausdruck in der absurden Unterscheidung zwischen sogenannten „Haupt- und Nebenfächern“ findet. In diesem System zählt nur, wer in den Hauptfächern gut ist; soziale Talente werden in keinem Zeugnis erwähnt, sie gelten in Österreichs Schulen noch immer nicht als Leistung.
Irrationale Ängste ortet der Autor bei allen Versuchen, die Ganztagsschule flächendeckend einzuführen: Ein weiteres Relikt bildungsbürgerlichen Erbes in Österreich und Deutschland ist nämlich die Vorstellung von der alleinigen Zuständigkeit der Familie für die Erziehung.
Laut Schilcher ist es der kleine bildungsbürgerliche Sektor von insgesamt nicht mehr als fünf Prozent der Bevölkerung, der noch immer jede ernst zu nehmende Bildungsreform verhindert. Dazu kommen als weitere Dauerblockierer die Landeshauptleute und die Lehrergewerkschaft, mit der Schilcher besonders hart ins Gericht geht. Die „vereinigten politischen Stahlhelmträger“ nennt er sie, die zusammen mit den Bildungsbürgern, den katholischen Familienideologen und der von Abstiegsängsten bedrohten unteren Mittelschicht Reformen verhindern würden.

Weg mit dem ständischen Modell
Am schlechtesten kommen die derzeit politisch Verantwortlichen weg. Die Kinder seien den meisten Politikern egal, insbesondere den Spitzenpolitikern; nur wenige nimmt er von diesem harschen Urteil explizit aus: etwa Unterrichtsministerin Claudia Schmid (SPÖ) und Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP).
Aber: „Für die jeweiligen Parteichefs der Koalition gilt diese Ausnahme ebenso ausdrücklich nicht.“ Kein einziges Beispiel falle Schilcher ein, bei dem „Herr Faymann und Herr Spindelegger“ einen nachhaltigen Einsatz für Kinder oder Schüler gezeigt hätten.
Bernd Schilcher hat ein Wutbuch über Bildung geschrieben, in dem er sich kein Blatt vor den Mund nimmt und das äußerst erfrischend zu lesen ist. Es ist ein Plädoyer für eine Bildungsreform, in dem auch aufgezeigt wird, wohin es gehen kann und soll – und wie die Schule der Zukunft aussehen könnte. Um diese aber zu schaffen, schreibt Schilcher, müsse das „ständische Modell von Schule und Bildung“ in Österreich auf den „Misthaufen der Geschichte entsorgt“ werden.

Heidi Schrodt in Falter : Wien 18/2012 vom 2.5.2012 (Seite 20)
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