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TIER DER WOCHE von Peter Iwaniewicz

Illustration: Bernd Püribauer
www.pueribauer.com

Haarmonie


Falter 08/12, erschienen am 22.2.2012
Peter Iwaniewicz packt sich selbst am Schopf

Das Körperorgan, dem Menschen die meiste Zeit widmen und das mit großer Hingabe in Form gehalten wird, ist bekanntlich das Kopfhaar. Das Angebot an verschiedenen Haarpflegeprodukten ist größer als bei jedem anderen Hygieneartikel und gegenüber der angebotenen Menge an Frisurdienstleistungen verblasst der ganze restliche Hygienesektor wie ein graues Herrenhaar neben einer roten Lockenperücke.
Auch die Dr.-Best-Zahnbürstenforschung bleibt im Vergleich zu den Erkenntnissen der klinischen Haarforschung zu Alopezie (Haarausfall), Monilethrix (brüchige Haare durch Haarveränderung) und Hirsutismus (männlicher Behaarungstyp bei Frauen) ohne jeden Biss.
Kein Wunder also, wenn sich jetzt auch die Leitwissenschaft Physik mit diesen zentralen Fragen der Conditio humana befasst (nein, das ist kein Conditioner für Menschen). Im angesehenen Journal Physical Review Letters erschien vergangene Woche ein Artikel über "Die Form eines Pferdeschwanzes und die statistische Physik von Haarfaserbündeln". Darin wurde eine Gleichung vorgestellt, mit der sich die geschwungene Form einer Pferdeschwanzfrisur berechnen lässt. Lockigkeit, Haar-Elastizität so wie das Verhältnis von Gravitationswirkung und Haarlänge – die von den Forschern sogenannte Rapunzelzahl – werden dabei berücksichtigt und erklären die Raum-Frisur-Krümmung.
Ein gefundenes Fressen für jene Medien, die ihre Seiten mit Science-Schnipseln füllen. Die Redakteure konnten sich mit Wortspielchen austoben: "Rapunzel, lass deine Zahl herunter", "Haarsträubender Fortschnitt", "Physik neu verföhnt" etc.
Doch darüber witzeln halt nur jene, denen auch sonst die Schönheiten einer String-Theorie am haarlosen Arsch vorbeigehen. Denn sowohl die Filmindustrie ist bereit, viel Geld für einen stimmigen Algorithmus zur Computersimulation natürlicher Haarbewegungen zu zahlen, als auch die Textilbranche, die das dynamische Verhalten von dünnen Fasern vorausberechnen will. Wer einem synthetischen Pelz nicht nur das Look-and-feel, sondern auch den Fall eines natürlichen Haares verleihen kann, wird den Markt beherrschen.
Und wer es durch diese Formel schafft, unsere Haare zu bändigen und uns von globalen kosmetischen Bedrohungen wie dem bad hair day zu befreien, dem gehört sowieso die Welt!
© 2012 Falter Verlagsgesellschaft mbH
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