Wien, wie es isst...

Ein Kaffee am Boulevard
Espressos an der Ringstraße – ein paar gibt es noch.

Von Christopher Wurmdobler, Stadtlebenredakteur „Falter“

Ein Kaffeesack? Eine Chanel-Handtasche? Ein Chippendale-Sofa? Man sollte nicht die Kellnerin fragen. Wer wissen möchte, was die aufregend bizarre, braun-braune Keramikfassade des ansonsten ästhetisch leider nicht weiter aufregenden Café Milano am Stubenring zu bedeuten hat, erhält als Antwort ein Achselzucken. „Denkmalschutz“, sagt die freundliche Servierdame und poliert weiter die Espressomaschine.

Wobei wir beim Thema wären: Espressos an der Wiener Ringstraße. Davon gibt es ein paar. Aber nicht mehr viele. Einst, das sollte man vielleicht noch vorausschicken, war der prächtige Boulevard gespickt mit Kaffeehäusern. Das bürgerliche Wien flanierte, blieb hängen, schwadronierte, sah und ließ sich sehen. Bis in den 1950er-Jahren das große Kaffeehaussterben einsetzte, immer wieder mal vorbeischaute; bis dato ist das klassische Wiener Kaffeehaus am Ring nur noch drei (!) Mal vorhanden. (Fürs Protokoll: das Landtmann, das Prückel und das Schwarzenberg.)

Erst verdrängten Autosalons die eleganten Ringstraßencafés, später dann, wohl im Zuge der allgemeinen Beschleunigung der Großstadt, auch die Espressos. Gemütlich war altmodisch. Das mit dem schnellen Kaffee im Stehen hatten sich die Wiener von den Italienern abgeschaut – mit dem Unterschied, dass die dort schon immer einen guten Kaffee machen konnten und dass es dort Espressos immer noch gibt. Wohingegen die meisten Wiener Espressos längst schon wieder zugesperrt haben. Also jetzt weniger diese Vorstadt-Tschumsen, aus denen entweder Austropop aus Jukeboxen tönt oder die Tachinierer, die hier schon am Vormittag einen sitzen haben, den Lärm selbst machen. Sondern die richtig coolen.

Die Rede ist von Fünfzigerjahre-Juwelen wie Oswald Haerdtls Café Arabia am Kohlmarkt oder dem von Emil Stejnar geplanten „Ohne
Pause Espresso“ am Graben, von dem sind nur noch die satellitenartigen Luster übrig, die manchmal in den Auktionshäusern auftauchen und für
viel Geld zu haben sind. Ohne Pause, das klingt schon so atemlos, herr-
lich!

Das eingangs erwähnte Café Milano – der Name lässt auf Italo-Ambiente hoffen – zählt allerdings gar nicht zu den Fünfzigerjahre-Juwelen. Der erste Eindruck trügt, denn das von Cesar Poppovits, einem bekannten Gemeindebau-Architekten, 1928 geplante Lokal war das Tonwarengeschäft der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft. Was auch das Logo des Ziegelherstellers Wienerberger auf der vom Kunst-am-Bau-Künstler Robert Obsieger gestalteten Keramikfassade erklärt. Und die Tatsache, dass das Milano als Espresso oder Café das draußen gemachte Versprechen mit dem Interieur-Design im Inneren nicht hält. Egal. Der Kaffee ist gut und bei Taxifahrern beliebt, die hier auf Kundschaft warten. Er kommt von Illy und, hey!, die Fassade hat zwar wirklich keinerlei Bedeutung, steht aber tatsächlich unter Denkmalschutz. Weshalb die nachträglich angebrachten schmiedeeisernen Lämpchen doppelt lächerlich wirken. Weg damit!

Ein paar Schritte weiter findet sich dann noch so ein seltsames Kleincafé mit Espresso-Touch. Im Café Sinfonia, das offenbar so heißt, weil wir am Schubertring sind und man ein Schubert-Notenblatt ins Fenster gehängt hat, verwenden sie immerhin Kaffee von der Neo-Rösterei Alt Wien. Von Illy widerum ist der Kaffee in der Caffetteria Illy, einem Großraumespresso in den Ringstraßengalerien. Das Ganze – auch das Shoppingcenter – wirkt, als sei man auf irgendeinem gesichtslosen Airport. Weshalb wir ganz schnell die Ringstraßenseite wechseln. Die Aida vis-à-vis der Staatsoper zählt zwar streng genommen in die Kategorie Konditoreien, repräsentiert aber womöglich am besten die italienische Idee des schnellen Kaffees. Es gibt Stehtischchen, man blickt auf das Geschehen auf der Straße, und wenn man schnell genug ist, machen sie einem die Melange nicht – wie in Restösterreich – mit Schlagobers, sondern mit Milchschaum. Man muss es den flinken Damen im rosa Kittel halt nur sagen.

Okay, gleich daneben im Opernhof hätten wir mit der X-Celsior Caffè-Bar ein fast original italienisches Espresso, da hapert’s halt ein bisschen mit dem 50s-Charme. Und auch bei der Testa Rossa caffèbar in Uni-Nähe hat man nicht das Gefühl, dass Marcello Mastrioanni (oder Don Draper aus der 50s-TV-Serie „Mad Men“) jeden Moment auftauchen könnte, um eine Bestellung aufzugeben. Aber der Kaffee ist sehr okay.

Und die sehr zeitgenössische Ringstraßen-Espresso-Variante findet sich dann sowieso unterirdisch. Am Schottentor, im sogenannten Jonas-Reindl, hat sich die Kaffeeküche dem Coffee to go verschrieben. Genau: Das geht schnell, man braucht nicht einmal mehr einen Stehtisch (es gibt aber welche) und trinkt den Gehkaffee – im Gehen.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit der Espresso-Lokale
an der Ringstraße:

Aida, 1., Opernring 7, Tel. 01/890 89 88-208, www.aida.at,
Mo–Sa 7–20, Sa, So, Fei 9–20 Uhr

Von den vielen schönen Aida-Filialen eine der wirklich sehr schönen Exemplare. Fungiert offiziell natürlich als Konditorei, hat aber tatsächlich alles, was zu einem Ringstraßen-Espresso der klassischen Kategorie gehört: 50er-Jahre-Interieur in Topzustand, lässige Stehtischchen, schnelle Brote, kleinen, starken Kaffee in hübschen Tassen.

Café Sinfonia, 1., Schubertring 4

Kurz vor Redaktionsschluss machte das Café Sinfonia leider zu. Wieder eines weniger. Seine Zukunft ist ungewiss.

Kaffeeküche, 1., U-Bahn-Station Schottentor (Schottentor-Passage 8), www.kaffeekueche.at, Mo–Fr 7–20 Uhr

Dieses Espresso entspricht zwar gar nicht dem hier vermittelten Bild, verströmt aber in seiner raschen Verabreichung zumindest den Appeal, den die Espresso-Lokale auch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Wien hatten. Abgesehen davon ist der Kaffee erstklassig.

X-Celsior Caffè-Bar, 1., Opernring 1 (Opernhof), Tel. 01/585 71 84, www.xcelsior.at, tägl. 7.30–24 Uhr

Vor knapp zehn Jahren eröffnete im Opernringhof, einem der mächtigsten Statements der 50er-Jahre-Monumentalarchitektur Wiens, ein Espresso, das in Form- und Farbgebung durchaus dem italienischen Original nahe kam. Viel Glas, kleine Tischchen, diverse Brauntöne – sehr fein. Nach der dramatischen Vergrößerung des Lokals ging dieser authentische Esprit etwas verloren. Sitzt man heraußen, kann man sich mit etwas Fantasie aber trotzdem in Turin wähnen.

Café Milano, 1., Stubenring 24, Mo–Fr 8–2, Sa, So, Fei 10–2 Uhr

Hat einen fantastischen Namen und sieht von außen überaus eindrucksvoll aus, das Innere kommt mit der Erwartungshaltung leider nicht ganz mit.

Hof, 1., Schottenring 14a, Tel. 01/533 14 88, März bis Oktober tägl. 10.30–22, November bis Februar tägl. 10–20 Uhr

Ein Rohdiamant, Strohhalm für die Sentimentalen. Der Eissalon Hof kokettiert nicht mit frühem 60er-Jahre-Design, er zitiert nicht die damalige Ästhetik, er ist schlichtweg echt. Und dass damals nicht alles so schön war, wie einem die Lifestylemagazine heute vorgaukeln, kann man dort hautnah erleben. Recht bunt, viel Chrom, viel Holz, viel Lack. Den Taxifahrern, die hier pausieren, ist das egal.

Opernring-Café, 1., Opernring 21, Tel. 0680/202 99 40, tägl. 10–21 Uhr

Ein Sonderfall. Denn das Opernring-Café gibt’s allem Anschein nach erst seit den späten Achtzigerjahren. Aber dennoch kommt es dem klassischen Bild des Wiener Ring-Espressos schon recht nahe – ob absichtlich oder einfach so, ist die Frage. Mit Retro-Köstlichkeiten wie belegten Broten und Schinkenrolle wird das Bild unterstrichen, alle Angebote sind mehrsprachig ausgeschildert, damit man sich auskennt.


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