Wien, wie es isst...

Ich schau dir in die Augen, Rippe!
Langsam spricht es sich auch in Wien herum: Steak ist nicht gleich Filet.

Von Georg Renöckl, Germanist, Lehrer und Autor zum Thema Literatur und Kulinarik

„Un bifteck“ sagt man in Frankreich zum Fleischhauer, wenn man es gern unkompliziert hat. Der verballhornte Anglizismus bedeutet im Klartext: Der Angesprochene möge bitte von einem großen Stück Rindfleisch seiner Wahl eine Scheibe heruntersäbeln, die sich zum Kurzbraten eignet, weitere Details sind überflüssig. Ein recht verlässlicher Test, um herauszufinden, wie vertrauenswürdig eine Fleischerei ist.

Ähnlich ist es im französischen Bistro: „Steak-frites“ steht oft auf der Schiefertafel – welches konkrete Fleischstück dann neben den hoffentlich hausgemachten Pommes zu liegen kommt, weiß der Kellner eher nicht. Im Regelfall ist das schlichte Gericht mindestens passabel, wenn nicht viel besser. Vor einigen Jahren wurde es zum Entsetzen vieler Gourmets sogar zum beliebtesten Essen Frankreichs gewählt (aktuell ist aber Entenfilet dran, sollte das jemanden interessieren).

Ein Steak ist demnach ein nicht näher definiertes, scharf angebratenes Stück Rindfleisch, dessen Garungsgrad man sich aussuchen kann. Damit wäre eigentlich alles gesagt, nur: in Österreich war das vor kurzem noch ganz anders. Abgesehen von kulinarischer Phantasy- und Splatterprosa wie „Schlemmer“- oder „Tirolersteak“ war ein Steak im Wiener Wirtshaus seit eh und je ein Stück vom Lungenbraten, schön mager, innen zartrosa, außen zartgrau. Der Rest vom Rind wurde gesotten (Tafelspitz und Co), gedünstet (Gulasch, Zwiebelrostbraten) oder, nona, paniert (Backfleisch). Und dann gab es noch das eine oder andere „amerikanische“ Steak-House, wo man aber nur reinging, wenn einem gerade nach Cowboystiefeln, Fransenlederjacke und Fuchsschwanz am Schlüsselbund zumute war.

Man kann das Phänomen auch „Marktlücke“ nennen, erstaunlich lange blieb sie ungenützt. Damit ist jetzt Schluss: Steak ist in Wien über Nacht zum Hype geworden, die Wiener Gastronomie plötzlich wild entschlossen, den jahrzehntelangen Rückstand auf den Rest der Welt so schnell wie möglich aufzuholen. Neben den altbekannten Oasen in der Steakwüste, wie dem puristischen Gergely’s, dem Jolly Ox mit seinen erratischen Öffnungszeiten und seiner verschworenen Fangemeinde oder dem elegant-kalifornischen Livingstone, wuchert nun eine neue Art von Steaklokalen aus dem Boden der Siedefleisch-Metropole. Sie eifern dem US-Vorbild zwar mitunter allzu brav nach und importieren nicht nur das Fleisch, sondern auch Albernheiten wie die Bezeichnungen „Lady’s cut“ und „Gentleman’s cut“ für die Portionsgrößen aus den USA, Karohemd muss man aber dennoch keines anziehen.

Das spektakulärste Beispiel für die neue Wiener Steakkultur ist das Frank’s gleich beim Schwedenplatz. Das von außen wie ein Fitnessclub aussehende Lokal gibt es zwar schon länger, es hat sich vor einem Jahr aber einen „Reifeschauraum“ zugelegt. Dort wird den Gästen nun eindrucksvoll vor Augen geführt, was „dry aging“ bedeutet: Etwa dreißig Rinderrücken hängen da bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt mindestens sechs Wochen lang herum, verlieren langsam an Gewicht und werden dank der Arbeit von Enzymen innen immer mürber, während sich außen eine trockene, harte, dunkle Schicht bildet. Für die Augen von jemandem, der Rindfleisch nur als leuchtendroten Würfel aus dem Supermarktregal kennt, ein zumindest gewöhnungsbedürftiger Anblick: Dass Lebensmittel auch ein Leben nach dem Tod ihres Lieferanten haben können, dass sich Form und Farbe verändert, dass Frische mitunter unerwünscht ist – das ist für viele ein Kulturschock. Wer ihn übersteht, wird mit einem vorzüglichen Steak belohnt, das kurz zuvor noch in eben dieser Vitrine baumelte.

Nicht ganz so wild geht man es im St. Ellas an, der relativ neuen Gaumenspiel-Dépendance mit Grill. Trockenreifung ist hier kein Thema, denn: „Unser Fleisch braucht das nicht.“ Es kommt aus den USA und aus Argentinien. Dort werden die Rinder anders gefüttert als hierzulande, sie liefern daher fetteres, zarteres Fleisch als ihre österreichischen Artgenossen. Im Grunde könne man fast jedes Stück dieser Tiere zum Kurzbraten verwenden, meint Eigentümer Rodschel Rachnaev. Wie zum Beweis steht auf der Karte neben den üblichen Verdächtigen wie Filet und Co auch tatsächlich „Flank Steak“, was natürlich schöner klingt als „Bauchlappen“. Mit seinen Fasern in Längsrichtung, der nötigen „blutigen“ Garstufe – medium ist eigentlich schon zu durch – und seinem intensiven Geschmack nach Rind ist dieses Stück derzeit das Bootcamp für die Gaumen angehender Wiener Steak-Aficionados.

Wer es überstanden hat, der geht am besten ein paar Häuserblocks weiter, ins Flatschers, das ein paar Monate früher eröffnet hat und nicht nur ein Flank Steak auf der Karte hat, sondern zwei: eins aus Australien und eins aus den USA. Enthusiastische und kompetente Kellner erklären die feinen Unterschiede, ausprobieren lohnt sich tatsächlich. Überhaupt ist Eigentümer Andreas Flatscher ein gewisser pädagogischer Impetus nicht abzusprechen: Jetzt soll sich das Wiener Publikum erst einmal ans Bauchlappen-Steak gewöhnen. Wenn das gut läuft, könnte es hier bald auch Onglet geben, den mindestens ebenso aromatischen Muskel aus dem Inneren des Rindes, an dem das Zwerchfell angewachsen ist.

Noch essen die Wiener aber nach wie vor am liebsten Filet, wenn sie ein Steak bestellen. Vielleicht auch, weil die Sache halt doch etwas kompliziert ist bzw. klingt: So kann ein Stück vom Rostbraten je nach Position, Dicke und Vorhandensein des Knochens entweder als Rib Eye, Prime Rib, Rib Steak oder T-Bone auf der Karte stehen, Beiried heißt entweder Club Steak, Strip Steak oder Sirloin, und so ganz sattelfest ist man beim Umgang mit diesen Begriffen auch in den piffigen neuen Steaklokalen nicht immer: Erstaunlich hartnäckig hält sich die Legende, beim „Rib Eye“ handle es sich um ein ominöses Fettauge irgendwo im Steak – gemeint ist mit dem „Auge“ aber das beste Stück Muskelfleisch (longissimus dorsi) genau in der Mitte.

So richtig heimisch wird die neue Steak-Vielfalt in Wien wohl erst sein, wenn sie nicht nur auf den Speisekarten, sondern auch im Volksmund angekommen ist, und das könnte noch etwas dauern. Dass die Gäste im Eckbeisl jemals ein Striploin- oder Flank Steak bestellen werden, ist eher nicht zu erwarten. Vielleicht lohnt auch hier ein Blick nach Frankreich: Dort nennt man das Steak vom Bauchlappen seit eh und je „Bavette“, auf Wienerisch: „Trenzpatterl“.

9 Wiener Steaks:

Gergely’s, 5., Schlossgasse 21, Tel. 01/544 07 67,
www.gergelys.at, Di–Sa 18–1 Uhr

Hier begann man schon früh, diverse Schnitte von diversen Rinderrassen aus diversen Ländern anzubieten. Angus, Hereford und Weiderind aus Argentinien, USA und dem Mühlviertel, gegrillt am Lavasteingrill.

Jolly Ox, 2., Josef-Gall-Gasse 5/Böcklinstraße,
Tel. 01/728 90 17, Mi–So 19–24 Uhr

Jahrelang Steak-Geheimtipp mit Underground-Appeal, von seinen Fans verehrt, mit Gewissheit bekommt man hier ein Steak aber nur, wenn man reserviert hat.

Livingstone, 1., Zelinkagasse 4, Tel. 01/533 33 93,
www.livingstone.at, tägl. 17–1 Uhr

Auch hier wurde schon gegrillt, bevor es Mainstream wurde, und zwar auch die ganz raren, teuren Stücke vom Wagyu-Beef (allerdings nicht nur).

Frank’s, 1., Laurenzerberg 2, Tel. 01/533 78 05, www.franks.at,
Mo–Fr 11–1, Sa, So, Fei 17–1 Uhr

Alles, was die amerikanische Esskultur zu bieten hat, wurde hier schon seit jeher kultiviert: der Bagel, der Brunch, die American Pizza, der Thanksgiving-Truthahn – und jetzt eben das trockengereifte Steak. Mit einer Akribie wie sonst kaum wo im Lande.

St. Ellas, 7., Zieglergasse 52, Tel. 01/522 20 84, www.stellas.at,
Di–Fr 12–1, Sa 17–1 Uhr

Unkompliziert-sympathisches Grill-Lokal der Gaumenspiel-Leute. Gegrillt wird in der offenen Küche auf Lavastein, den Duft hat man also im ganzen Lokal. Erfreulich: Hier werden hauptsächlich die günstigeren, weniger prestigeträchtigen Stücke gegrillt, Rib Eye, Hochrippe und Flank-Steak etwa. Saucen und Sideorders dazu sind Extraklasse, Vorspeisen und die Thunfischpizza sowieso.

Flatschers, 7., Kaiserstraße 113–115, Tel. 01/523 42 68,
www.flatschers.at, tägl. 17–1 Uhr

Das Flatschers entspricht dem Vorbild des amerikanischen Steakhouse wohl am ehesten – was auch beabsichtigt ist. Von der Kartengestaltung bis zur Kellner-Performance, alles sehr original.

Artner auf der Wieden, 4., Floragasse 6, Tel. 01/503 50 33,
www.artner.co.at, Mo–Fr 12–24, Sa, So, Fei 18–24 Uhr

Wiens erster Standort des sagenumwobenen „Josper“-Räucherofens, der mittlerweile schon in erstaunlicher Stückzahl in die Stadt geliefert wurde. Das Artner war 2010 eigentlich der Begründer dieses Steak-Booms und ist nach wie vor nicht gerade die schlechteste Adresse für das Gegrillte.

Huth im Haus der Musik, 1., Seilerstätte 30, Tel. 01/512 03 11,
www.zum-huth.at, Mo–Sa 12–24 Uhr

Nachdem die Familie Huth (Gasthaus Huth, Da Moritz, Huth Bierbeisl) das Lokal im Obergeschoß im Haus der Musik übernommen hatte, ließ auch sie einen Josper installieren. Das Ergebnis: ziemlich gut Gegrillräuchertes von Fleisch, Fisch und Gemüse. Filet, Rib Eye, Entrecôte und Chateaubriand vom Black Angus und Charolais.

Ferdis Fisch & Steak, 19., U-Bahn-Bogen 186–188, Tel. 01/367 09 89, www.ferdifisch-steak.at, Di–So 9–24 Uhr

Eines der ambitioniertesten Steak-Grill-Lokale der vergangenen Monate: Erstens: schwierige Location. Zweitens: toller Service, tolle Ware. Drittens: Hier bereitet man Fisch, Fleisch oder beides zusammen zu, Surf & Turf von Vor- bis Hauptspeise sozusagen.


ANZEIGE