Wien, wie es isst...

Von A nach B

Wo die Stadt ausfranst und die Fahrpläne immer dünner werden: Am Stadtrand tragen die Busse ein B im Namen – und bringen einen an Orte, von denen der Innenstädter keine Vorstellung hat. Eine kulinarische Rundreise mit Dr. Richard.

VON SEBASTIAN HOFER, JOURNALIST "PROFIL"

Wenn aus dem Dickicht der Großstadt ein Dünnicht wird, wenn man also in Hirschstetten, Mauer oder Atzgersdorf unterwegs ist, dann ändert sich vieles, vor allem aber der Busfahrplan. Autofreie Reisen in die Ausfransungsgebiete Wiens ticken im Halbstundentakt, wobei Wochenendfahrpläne natürlich noch einmal ein ganz anderes Kapitel sind. Die Wahrheit, irgendwo da draußen: Das Nahverkehrsalphabet beginnt mit B, wird von einem gewissen Dr. Richard durchbuchstabiert und verändert sich laufend. Deshalb muss jeder Reiseführer in diese Gegenden mit einer Vorwarnung beginnen: Stadtrandfahrpläne sind volatile Gebilde und rapiden Schwankungen unterworfen, aktuelle Rückfragen beim Reiseveranstalter (wienerlinien.at) obligatorisch.

Dennoch zahlen sich solche Trips aus, und nicht nur aus Abenteuerlust oder zur Zeitgefühlsveränderung. Auch aus kulinarischen Motiven können B-Linien-Ausflüge gewinnbringend ausfallen. Man muss nur rechtzeitig aussteigen.

Wir beginnen unsere Rundreise an beliebiger Stelle, also im fernen Wes­ten, auf einer ganz und gar klassischen Ausflugsroute, und nehmen dazu den Bus Nummer 43B, der von Neustift und Neuwaldegg über die Amundsenstraße durch die Ausläufer des Wienerwalds bis hinunter nach Hütteldorf gondelt und dabei unter anderem den Hanslteich tangiert. Das dortige Ausflugsgasthaus firmiert seit zwei Sommern als Klee am Hanslteich und wird seither von überdurchschnittlich vielen Porsche Cayenne angefahren. Der abenteuerliche Randlagenfahrplan des 43B (stündlich bis zweistündlich, prinzipiell nur zwischen 9 und 20 Uhr) verunmöglicht zwar jeglichen Klee-Besuch am Tagesrand, aber im Dunkeln will man sich in dieser Gegend ohnehin nicht herumtreiben (zu viele Cayenne-Fahrer). Tagsüber macht das von Monika Wlaschek erfundene Lokal auf Waldeinsamkeits-Lounge, erinnert mit seinen Bastmöbeln und Sommersalaten ein bisschen an ein thailändisches Urwaldresort, nur dass gegenüber halt Buchen oder Eichen stehen. Das ist bestimmt nichts für Modernisierungsverweigerer, aber solche werden auf unserer Rundreise ohnehin noch gut bedient, also mögen sie loungen und Lachsforellen-Ceviche essen.

Oder doch gleich in den 44B einsteigen, der von Downtown Hernals in Richtung Heu- und Mitterberg kurvt (und das übrigens wesentlich eifriger tut als sein Liniennachbar, zum Teil sogar im streberhaften Viertelstundentakt). Der macht nämlich auch beim Schutzhaus am Heuberg Station, und hier lohnt sich Aussteigen jedenfalls, denn Sridharan Bhashyan betreibt da mitten in der Westwiener Einfamilienhäusersteppe ein Integrationsprojekt, wie man es selten erlebt. Der Wirt stammt aus Madras, werkt seit einem Vierteljahrhundert gastronomisch am Heuberg und hat im Sommer 2012 neben die üblichen Schweinsbratensachen auch ein paar südindische Currys auf seine Karte geschrieben. Am Ambiente (innen Gardinen, karierte Tischdecken und Raststättensessel, draußen Biergartenmobiliar und Stiegl-Laternen) wurde allerdings kein Deut geändert, am Stammpublikum sowieso nicht, und weil das insgesamt offenbar noch nicht schräg genug einfährt, ist das Schutzhaus tagsüber auch noch ein Heuriger.

Nach so viel baulicher Brisanz bucht der Busfahrende besser erst einmal die Schöner-Wohnen-Tour und hat dabei die Wahl zwischen zwei Linien, namentlich 54B und 55B. Beide schlängeln sich von Ober-St.-Veit aus durch westliche Villenviertel Richtung Lainzer Tiergarten. Dort wollen wir ausnahmsweise aber nicht hin, sondern steigen kurz davor aus und ersteigen die Ghelengasse. An deren Westende befindet sich das Gasthaus Lindwurm, das sich als Naherholungsziel eines beachtlichen Renommees erfreut, was wiederum nicht nur am kinderfreundlichen Naherholungsprogramm (Spielwiese) liegt, sondern wohl auch an der radikalen Retro-Gasthaushaftigkeit der Lokalität. Wobei Retro in diesem Fall kein Zurück-zur-guten-alten-Zeit ist, sondern ein Eh-immer-schon-So, es gibt also saure Wurst und Backerbsensuppe und Landgasthausbarock, was sich zu einer echten Zeitmaschinenerfahrung summiert, oder, wie es der Falter einmal ganz richtig formulierte: „quasi Proust mit Bauernschmaus“.

Leider haben wir keine Zeit zu verlieren und müssen Hietzing auch schon wieder verlassen, und zwar per 56B, fahren von Schönbrunn aus über Hetzendorf, Rosenhügel gen Atzgersdorf und steigen kurz vor der Mauerischen Hochebene in der Tullnertalgasse aus – immer in dem Bewusstsein, dass wir natürlich auch mit einem echten, also einem A-Bus, hier herausgekommen wären, dann aber nur halb so viel erlebt, weil eben das postamerikanische Vorstadtvillen-Paradies der Tullnertalgasse verpasst hätten. Selbiges erwandern wir nun staunend in Richtung Intersport-Gelände, wo seit ein paar Monaten nicht mehr die „Frisch gekocht“-Schmähtandler werken, sondern der begnadete Claus Curn, der an Andis und Alex’ Stelle die ehemalige Fernsehkoch-Kantine befeuert und dabei seine sehr verfolgenswerte Version österreichischer Landküche-mit-Weltblick weitertreibt, also zum Beispiel in Richtung Alpenlachs mit Artischocken, Kärntner Speck und Mangold. Der Bodenhaftung dient die Abteilung Beuschl/Gulasch/Grammelknödel, bei Curn jeweils echte Urmeter ihrer Art.

Apropos Urmeter. Wir machen nun einen ziemlich breiten Sprung, nämlich von Liesing nach Donaustadt, in den nahen Osten Wiens. Eine Erkundung desselben lässt sich in zwei Schwierigkeitsgraden bewältigen. Da wäre zunächst die einfache, weil immer schön gerade, von Kaisermühlen brav an der Donau entlang stadtauswärts führende 92B-Tour, auf der die Orientierung kein Problem darstellt und auch die Lokalfindung relativ leichtfällt. Man verlässt den Bus einfach bei der Station Biberhaufenweg und folgt den verschwitzten Radfahrern ins Gasthaus Roter Hiasl, dem großen Lobau-Klassiker und Idealtypus eines Restaurants, dem zum Thema „vegetarisch“ gebackener Emmentaler einfällt, und für Gemüsefans gebackene Champignons. An Fleisch mangelt es dagegen nicht, an selbstgebrautem Bier genauso wenig, aber halt doch an Abenteuer. Deshalb, Schwierigkeitsstufe 2: Querfeldein per 95B, der nun wirklich radikal tangential verkehrt, vom Mühlwasser weg durch die Auen, Industriegstätten und Gemüsefelder der Donaustadt, am SMZ Ost vorbei und an der Sportplatzkantine des FC Stadlau, der man nicht nur an Matchtagen einen Besuch abstatten könnte, aber an solchen ganz besonders. Oder man fährt noch ein Stück des Weges weiter bis nach Hirschstetten, von wo aus man einen kleinen Abstecher machen muss zu Eveline Bachs Spektakelgärtnerei am Contiweg, und dann auch noch über den örtlichen Badeteich zum 100er-Heurigen auf eine kleine Schmalzbrotstärkung reinschauen sollte, weil ab hier wird’s definitiv vegetarisch: Spargelfeldstraße, Eibischweg, Bibernellenweg, Rautenweg. An letzterem bietet die örtliche Mülldeponie ein geradezu ideales Ausflugsziel, weil ja jeder Ausflug auch die Idee des Heimkehrens beinhalten sollte. Am Rückweg dürfen wir auch gleich an der ersten U-Bahn-Station umsteigen.

Klee am Hanslteich,

17., Amundsenstraße 10, Tel. 01/480 51 50, www.kleeamhanslteich.at, tägl. 11–24 Uhr

Schutzhaus am Heuberg,

17., Röntgengasse 39, Tel. 01/489 82 10, www.restaurant-heuberg.at, Di–Sa 9.30–22, So, Fei 9.30–20 Uhr

Gasthaus Lindwurm,

13., Ghelengasse 44, Tel. 01/879 77 04,
www.gasthaus-lindwurm.at, Sa–Do 10–23 Uhr

Purzl’s mit Claus Curn,

23., Walter-Jurmann-Gasse 4,
Tel. 0699/17 06 07 02, www.purzls.at, Mo 11–14.30, Di–Fr 11–23 Uhr

Roter Hiasl,

22., Biberhaufenweg 228, Tel. 01/280 71 22,
www.roterhiasl.at, tägl. 9–23 Uhr

Sportplatzkantine FC Stadlau,

22., Erzherzog-Karl-Straße 108,
Tel. 01/204 01 00, www.stadlau.at, tägl. 9–22 Uhr

Gärtnerei Bach,

22., Contiweg 12, Tel. 01/280 95 34,
www.gaertnerei-bach.at, Mo–Do 7–12, 15–18, Fr 7–18, Sa 7–12 Uhr

Zum 100er,

22., Hirschstettner Straße 100, Tel. 01/282 35 44,
www.zum100er.at, Mo–Fr 14–23, Sa 16–23 Uhr


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