Gegenwart in Wien

Musik: Vergangenen Montag starb der 1934 geborene deutsch-russische Komponist Alfred Schnittke in Hamburg an einem Schlaganfall. Der Vertreter der "Polystilistik", die - ohne Scheu vor der Tradition im Ausspielen unterschiedlicher Stile "neuen musikalischen Raum entstehen" läßt, lebte zwischen 1946 und 1948 in Wien. Hier ein leicht gekürzter Auszug aus seinen Erinnerungen an diese Zeit.

Kultur | aus FALTER 32/98 vom 05.08.1998

Seit fast dreißig Jahren wiederholt sich ein und derselbe Traum: Ich komme nach Wien - endlich, endlich, es ist ein unsagbares Glück, die Rückkehr in die Kindheit, die Erfüllung eines Wunsches, als würde ich zum ersten Mal vom Ostbahnhof über die Prinz-Eugen-Straße gehen, den Schwarzenbergplatz, über die Seilerstätte zur Ecke Singerstraße, ich gehe in den Eingang, zum Lift, fahre in den vierten Stock, links die Tür zur Wohnung, ich gehe hinein - alles wie damals, in dieser schönsten Zeit meines Lebens ...

Dann wache ich in Moskau oder sonstwo mit heftig schlagendem Herzen auf, mit dem bitteren und schuldhaften Gefühl der Hilflosigkeit, denn nie reicht es für die letzte kleine Anstrengung, die mich für immer in die ersehnte Vergangenheit zurückbringen könnte. Warum ist das so? In Wien, wo ich in der schwierigen Zeit zwischen 1946 und 1948 als Sohn eines Mitarbeiters der Österreichischen Zeitung (d.h. einer von der sowjetischen Besatzungsmacht auf deutsch herausgegebenen


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