Kot macht erfinderisch

Stadttauben: Pro Tag lassen die rund 200.000 Wiener Tauben vier Tonnen Kot auf die Stadt ab. Doch in Wirklichkeit ist das "Taubenproblem" ein soziales: Die Vögel werden von einem Bruchteil der Bevölkerung exzessiv überfüttert.

Christopher Wurmdobler | Stadtleben | aus FALTER 33/98 vom 12.08.1998

Flapp, flapp. Aufgeregte Spannung bei der Endstation der Autobuslinie 57A im 15. Bezirk. Bereits seit einiger Zeit balzt und gurrt es auf einem Grünstreifen bei der Anschützgasse. Etwa hundert Tauben lugen neugierig von den Dächern der umliegenden Gebäude. Dann, Punkt 10 Uhr, kommt sie endlich. Sie ist 70 und trägt ein prall gefülltes, diskret auf links gedrehtes Billasackerl. Flapp, flapp! Jetzt gibt es kein Halten mehr. Von allen Seiten flattert Federvieh heran. Sie greift ins Sackerl, holt trockenes Brot heraus. Flapp, flapp. Mindestens 20 zerbröselte Semmeln landen am Boden. Sie wird umschwärmt. Die geflügelte Hundertschaft will nur eines: Gebäck. Die alte Frau ist glücklich: Sie wird geliebt und gebraucht. Kurz wird das Sackerl ausgeschüttelt, dann zieht die Taubenfreundin wieder von dannen. Morgen wird sie wiederkommen. Nicht unbedingt zur Freude der Anrainer.

Schätzungsweise 200.000 Tauben gibt es in Wien. Dank einiger alter Damen haben die Vögel ganzjährig genug zu

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