Raubzug der Kleinbürger

Zeitgeschichte: Jahrzehntelang hatte Österreich kein Interesse, das Verbrechen der Arisierungen restlos aufzuklären und Juden zu entschädigen. Nun drohen auch österreichische Anwälte mit Klagen.

Politik | Gerald John und Florian Klenk | aus FALTER 35/98 vom 26.08.1998

Volksgenosse Etzler, ein Wiener Kleinbürger aus dem zweiten Bezirk, benötigte nur wenige Stunden, um reich zu werden: Jahrelang bewohnte er ein heruntergekommenes Dachgeschoß. Unter ihm besaß Familie Mandelbaum zwei große Wohnungen. Ausgestattet mit wertvollen Möbeln und Kunstgegenständen. Im November 1938 bat Etzler die Nazi-Ortsgruppe seines Bezirkes um einen kleinen Gefallen. Man möge die Juden unter ihm aus der Wohnung vertreiben. "Die Ortsgruppe", meldete der Völkische Beobachter im Herbst 1938, "griff tatkräftig ein, und in wenigen Stunden war der Umzug durchgeführt." "Zur Nachahmung empfohlen! Hinaus mit den Juden aus den billigen und schönen Wohnungen!" titelten die Zeitungen.

Wer bewohnt diese "billigen und schönen Wohnungen" heute? Wieviel sind sie wert? Und vor allem: Wem stehen sie zu? Fragen, die sechzig Jahre nach der nationalsozialistischen Arisierungswelle nicht nur die amerikanische Justiz, sondern bald auch den österreichischen Verfassungsgerichtshof beschäftigen


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