Comandante Dusilov: Unser täglich Brot

Stadtleben | aus FALTER 35/98 vom 26.08.1998

Unser täglich Brot gib uns heute ...", empfahlen uns die Schulschwestern zu erbitten. Die stoische Gründlichkeit, mit der sie uns dieses Gebet einbleuten, fruchtete immerhin so sehr, daß mir ein Tag ohne Brot, zum Beispiel ein frühstückssemmerlreicher Sonntagmorgen, geradezu sündig erschien. Unkatholisch, gottlos, teuflisch, so ein Tag ohne Brot. Meine Mutter, die als Evangelische Augsburger Bekenntnisses fast so etwas wie ein hedonistisches Stigma trug, ging in ihrer ökumenischen Rücksichtnahme auf die Ziele der Ecclesia einen Schritt zu weit: Sie nahm das mit dem täglichen Brot wörtlich. Ich biß also schwer und hart an knochentrockenen Scheiben dunkelbrauner, granitverkrusteter Schulbrote. Jahrelang. Sparsam, als hätte der heilige Franz von Assisi seine Hand dabei im Spiel gehabt, war zwischen die beiden Schieferscheiben eine hauchzarte Schicht Butter gestrichen. Traurig war das, denn nicht einmal größter Hunger vermochte mich dazu zu bewegen, mich im täglichsten aller Brote zu vergessen. Ich begegnete dem Konflikt kompromißlos durch Sünde. Ich warf das täglich Brot täglich weg und kaute dafür täglich hart an den täglich resultierenden Gewissensbissen. Seit damals horte ich weichstes Weißbrot. Bis es hart wie Marmor ist. Und weggeworfen werden kann. Denn Brot ist auch Sterben.


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