Aufgeblättert

Kultur | aus FALTER 36/98 vom 02.09.1998

Dies ist ein todtrauriges Buch. Dies ist ein sehr komisches, ein sehr zärtliches, kurz und gut, ein sehr russisches Buch. Also wird während der "Reise nach Petuschki" auch unglaublich viel gesoffen und das Schicksal des russischen Volkes ausgiebig beklagt: "O du ohnmächtigste und schmachvollste Zeit im Leben meines Volkes - o Zeit zwischen Morgendämmern und Öffnung der Geschäfte!" Der Roman von Wenedikt Jerofejew (1938_1990; nicht zu verwechseln mit dem Viktor gleichen Namens) entstand 1969, wurde auf russisch zunächst in Israel und erst 1988, leicht gekürzt, in der sowjetischen Zeitschrift Nüchternheit und Kultur veröffentlicht.

All das hat seine Gründe, denn als Marschgepäck für den nächsten Fünfjahresplan ist diese weltschmerz- und alkoholgeschwängerte Prosa denkbar ungeeignet. Für die große Geschichte hat der Ich-Erzähler, er heißt Wenedikt Jerofejew, eher wenig über, auch wenn historische Personen (Robespierre, Lenin, Franco et al.) v.a. im zusehends delirös und gewalttätig werdenden letzten Drittel gehäuft auftreten. Aber nicht nur von ihnen, sondern auch von jenen der berühmten Monumentalplastik Muchinas wird der stockbesoffene Zugreisende heimgesucht ("Der Arbeiter versetzte mir mit dem Hammer einen Schlag auf den Kopf, und die Bäuerin schlug mir die Sichel in die Eier"). Ausgeprägtes Mitgefühl oder der Versuch, beim Trinken mitzuhalten (von den Cocktails "Konsomolzenträne" oder "Schweinegekröse" ist entschieden abzuraten), können der eigenständigen Lektüre abträglich sein, in welchem Falle man sich den Roman besser von Robert Gernhardt, Harry Rowohlt und Josef Bilous vorlesen läßt. Aber Achtung: Auch CDs einlegen ist nicht immer leicht! K. N.

Wenedikt Jerofejew: Die Reise nach Petuschki. Roman. Aus dem Russischen von Natascha Spitz. Frankfurt/M. 1998 (Bibliothek Suhrkamp; Neuauflage). 180 S., öS 166,Die Reise nach Petuschki, gelesen von Robert Gernhardt, Harry Rowohlt und Josef Bilous. Kein & Aber Records (4 CDs, Spieldauer: 4 Std., 49 Min., 49 Sek.)


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