Bedient: Der feine Herr

Politik | Florian Klenk | aus FALTER 37/98 vom 09.09.1998

"Jetzt kommt ein richtiges Wienerherz", seufzt die Richterin zur Schriftführerin und ruft Otto, 54 Jahre, in den Verhandlungssaal. "Meine Verehrung allerseits", grüßt der Beschuldigte und nimmt Platz. Das kleine fettige Zopferl und der dicke ungepflegte Bart passen nicht ganz zu seinem Schönbrunner Akzent. Eine Körperverletzung und Psychoterror soll er begangen haben. An seinem ägyptischen Mitbewohner. "Eine unerhörte Unterstellung!" näselt Otto, "ich bin ein feiner Mensch." Als ihn ein ägyptischer Kolporteur auf der Straße um ein Dach über dem Kopf gebeten hatte, bot er ihm ein kleines Kabinett an. "Nur 500 Schilling und ein bißchen Gasgeld" wollte er, um die Sozialhilfe aufzubessern. Doch die Familie des Ägypters war undankbar. Eines Nachts, Otto telefonierte, "hat sich der Ägypter einfach so von hinten herangeschlichen und mir mit einer Holzlatte auf den Kopf geschlagen". Verletzungen? "Gottlob, keine", ruft Otto. Am Vortag hat er noch die "verlausten und verwanzten Ägypterkinder" mit dem Auto ins Spital begleitet und die schwangere Mutter betreut. "Das hat man davon!" Der Kolporteur und seine junge Frau schütteln den Kopf: Fünftausend Schilling hätte das kleine Kabinett monatlich gekostet. Plötzlich wollte Otto den Kolporteur und seine Kinder auf die Straße setzen. Getobt, gesoffen und gewütet hätte er. Auf dem Bett, das der Ägypter mietete, schliefen plötzlich Freunde Ottos. Als er um drei Uhr morgens lautstark nach Amerika telefonierte, bat ihn der Kolporteur, leiser zu sein. Ohne Holzlatte. Otto, betrunken, antwortete mit einem Faustschlag und den Worten: "Wenn ihr euch beschwert, werdet ihr abgeschoben." "Sie sind wirklich ein feiner Mensch", sagt die Richterin und vertagt. Nachdem Otto den Saal verlassen hat, äußert sie sich weniger fein.


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