Comandante Dusilov: Theorie statt Praxis

Stadtleben | aus FALTER 37/98 vom 09.09.1998

Theoretisch gibt es Wohnungen mit Sicherheitsschlössern an den Eingangstüren. Die satt und lautlos in den Angeln schwingen. Praktisch pfeift durch mein flattriges Dünnholzentree die steife Brise des zweiten Bezirks. Theoretisch gibt es Küchen, die ausschließlich zum Kochen und Verkosten von Delikatessen verwendet werden. Praktisch ist das einzig Delikate an meiner Feuchtraumkombüse, daß die Frühstückskipferln die fette Nässe der Tropen annehmen, in der Duschtasse dafür die Krümel der abendlichen Leberkässemmel schwimmen. Theoretisch lassen sich die meisten Fenster sowohl öffnen als auch schließen. Praktisch verharren die meinigen in einem apertiven Koma mittenmang. Theoretisch kann man in modernen Wohnungen zwei Elektrogeräte gleichzeitig am Netz zappeln lassen. In meiner, die eher modernd denn modern ist, habe ich die Wahl zwischen Heizen, Waschen, Toasten und E-Mailen. Nie jedoch zwischen elektrotechnischen Mehrfachbelastungen. Daß in theoretischen Wohnungen auch Backen, Braten und Bähen möglich sein soll, zudem die zivilisatorischen Segnungen des Haarefönens, Schallplattenabspielens und des Mehralszweilampengleichzeitigeingeschaltet-habens, wurde mir erst jüngst wieder berichtet. Theoretisch sollte ich die Wohnung wechseln. Ganz schön praktisch wär das.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige