Standpunkt: Neulich, im Rauchsalon

Politik | aus FALTER 38/98 vom 16.09.1998

Einen Moment, bitte. Ich muß zuerst meine Zigarre weglegen. Ahhhh. Jetzt geht's. Also: Ich protestiere gegen die weltweite Verächtlichmachung des amerikanischen Präsidenten. Was ist daran auszusetzen, sich die fernmündliche Kommunikation mit irgendeinem puritanischen Langweiler nahmündlich versüßen zu lassen? Das ist doch nichts als ein Stück verwirklichter Utopie vom gelungenen Leben. Wieso soll es dann nicht auch als Stück vom amerikanischen Traum gelten? Eben. Und wer hätte noch nicht davon geträumt, Hobby und Beruf auf so harmonische Weise zu verbinden? Außerdem: Wen schädigt so ein Verhalten denn? Den langweiligen Puritaner am anderen Ende der Leitung? Die aufregende Praktikantin? Die kühle Zigarre? Niemanden. Gut - ob ein Blowjob einer Praktikantin beim Telefonieren in einer funktionierenden Beziehung (nicht mit der Praktikantin) das Maß aller moralischen Dinge darstellt, kann man schon fragen. Aber wen geht das etwas an - außer die Betroffenen? Eben. Als Zigarrenkenner muß ich allerdings einschränken: Bill mag etwas von Frauen verstehen - die Sache mit dem Humidor hat er offenbar mißverstanden. Das werde ich ihm erklären, wenn er das nächste Mal anruft. Ich hoffe nur, daß er mir dann auch wirklich zuhört. Er wirkt am Telefon oft etwas unkonzentriert. T. R.


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