Standpunkt: Ratlosigkeit

Politik | aus FALTER 39/98 vom 23.09.1998

Warnung, unachtsames Spazierengehen kann zur Zeit in einem EU-Ministerrat enden! Minister im Nationalpark, Minister auf hochalpinen Grasmatten, Minister auf dem Fahrrad, Minister auf Stadtbummel, beim Essen, Minister im Weißen Rössel. Kein stiller Ort im Lande, wo man dieser Tage vor Ministern sicher wäre. Ist man vom Wasser- und Landweg abgeschnitten, schraubt man hub in die entlegensten Winkel des EU-Präsidentschaftslandes. Wozu eigentlich? Um sich "informell" zu beratschlagen, heißt es. "Informell"? Wir wollen das Wort als Beispiel dafür ansehen, daß Ähnliches nicht zwingend Gleiches zu sein hat. "Informell" hat nichts mit "Information", dem Austausch von Daten zur wechselseitigen Verarbeitung mit dem Zweck des gegenseitigen Verständnisses, zu tun. "Informell" stellt lediglich das amtlich beglaubigte Gegenteil von "formell" dar. Soll heißen? Ohne Form kein Inhalt. Nur "Formelles" hat Konsequenzen. "Formelle" Räte fassen Beschlüsse. "Informell" ist Neusprech für das, was früher unter dem Begriff konsequenzloser Meinungsaustausch, Unterkapitel Aneinandervorbeireden, Absatz "Lustwandeln" zusammengefaßt wurde. Aber gegenwärtig gibt es ohnehin nichts zu beschließen: Deutschland ist im Wahlfieber, verweigert und betoniert. Warten wir, bis alles wieder seine Form hat. P. V.


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