Stadtrand: Gib's mir!

Stadtleben | aus FALTER 39/98 vom 23.09.1998

Das Leben kann so einfach sein. Sie lustwandeln des Sonntags durch die Innenstadt. Sie werden angeschnorrt: "Do you have some money? I'm hungry, I'm really hungry." Sie beginnen zu kramen. Ihr Begleiter hat nur einen Tausender, Ihr kleinster Geldschein ist immerhin nur hundert Schilling wert. Sie suchen nach Münzen. Da Sie jedoch alles, was silbern ist, in Kaffeeautomaten werfen, haben Sie nur Schillinge. Fünf. Mit dem unterwürfigsten Ausdruck des Bedauerns ("I'm really sorry, that's all I have") reichen Sie die fünf Schillinge rüber. Der abgrundtief verachtende Blick, den Sie dafür kassieren, geht ihnen durch Mark und Bein. Zwei Schritte weiter setzt schlechtes Gewissen ein. Sechs Schritte weiter bemerken Sie, daß Sie sich gerade dafür entschuldigten, jemandem Geld geschenkt zu haben. Einen Schritt weiter beginnen Sie sauer zu sein. Schlechtes Gewissen ("Wie überheblich von mir, ergebene Dankbarkeit für 5 Schilling zu erwarten!") und Sauerkeit ("Der wird ja wohl nicht erwarten, daß ich ihm 100 Schilling reib!") wechseln einander auf den folgenden 20 Metern ab.

Vielleicht sollten sich auch Schnorrer langsam Verkaufsschmähs einfallen lassen. Der Markt wird schließlich immer enger. Und irgendwann beginnt man zu überlegen, wem man sein sauer verdientes Geld lieber schenkt. S.N.


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