Phettbergs Predigtdienst (Nr. 324): Geht's gut?

... vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Lerib* voller Geschwüre war ... Lk 16,19-31 (Evangelium am 26. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C)

aus FALTER 39/98 vom 23.09.1998

Sooft ich die letzten 17 Jahre aus meinen Fenstern sah, lag gegenüber das Kabellager der Firma Emmy Löschl, auch Kabl-Emmy genannt. Und gestern, 17.9.98, um 17.15 Uhr, war alles verschwunden. Die Fassade war weg. An dem grell geputzten Haus war die Mauer des Erdgeschoßes plötzlich schwarz und alt. Und lockt mich zurück in die Vergangenheit. Das ist ja gar nicht mehr wahr, sagen die Leute. Eine schwer entzifferbare Radiohandlung mit mehreren Ypsilonen im Namen dürfte dort früher gewesen sein. Es sind die Abdrücke der Buchstaben, die an die Mauer genagelt waren, wieder zu sehen. Wieder im September diese Melancholie! Nichts ist greifbar. Nichts bleibt uns. Alles fressen Roste und Motten, wenn wir nicht ununterbrochen polieren. Oh, was gäbe ich, einen Tag aus 1970 noch einmal zu durchwandern! An den Dienstagnachmittagen ist Masturbationszeit. Da wiederholen sie auf 3sat die ZDF-Hitparade aus der Zeit, da ich jung gewesen war. Ich brauche nur das Gesicht der Sänger-Jüngelchen zu sehen, und schon steht er mir, dann schwingen sie mit ihren Hüften, und ich spritze ab. Waterloo und Robinson sangen letztens ihre kleine Welt, und ich mußte auf den Arsch des alten Robinson wichsen. Er trug Jeans so voller schlechten Gewessins*, sodaß er die Beine, während er die Gitarre spielte, so sehr nicht spreizen konnte, daß ich abspritzen mußte. Und wenn sie heute am Freitag in der Nacht eine ganze Stunde nackerte Stolze spielen, lese ich den Teletext und schalte den Ton weg.

Geht's gut, fragen die Moderatoren von heute und schießen das "gut" nach dem "geht's" so scharf, daß alles sich schämte, ginge es schlecht. Sagenhaft jedenfalls ist, daß ich seit gestern ununterbrochen grüble, wie die Fassade vom Kabellager noch vorgestern aussah. Ich weiß es nicht mehr. Ich habe sie 17 Jahre täglich gesehen und einen Tag später vergessen. Fünfte Enzyklika Papst Masochs I., die Seele betreffend.

*Auf Wunsch des Autors übernommener Tippfehler (Anm. d. Red.)


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