Vom Himmel überdacht

Mythen: Am Heldenplatz trauerten Massen um Kaiser Franz Joseph genauso wie um Engelbert Dollfuß. Adolf Hitler jubelte das Volk zu, ebenso dem Papst. Feldherren wurde gehuldigt, Widerständlern gedacht. Der Wiener Heldenplatz ist Zentrum historischer Widersprüche und kollektiver Mythen.

Politik | Ernst Hanisch | aus FALTER 40/98 vom 30.09.1998

Die Magie des Raumes Das Ereignis war so überwältigend, daß Ernst Jandl in seinem Gedicht "wien: heldenplatz" keine Jahreszahl nennen muß. Auch der Name Hitler kommt nicht vor. Aber jeder erkennt sofort, wer dieser "gottelbock" ist, der von Sa-Atz zu Sa-Atz döppelt. Jandl war am 15. März 1938 als Vierzehnjähriger dabeigewesen, als Adolf Hitler "vor der deutschen Geschichte" - jenem übernatürlichen Wesen, das mit der "Vorsehung" verschmolz - den Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich vermeldete. Jandls grandioses Gedicht beschreibt meisterhaft die religiös begeisterte Stimmung mit ihren sexuellen und aggressiven Untertönen, um sie gleichzeitig zu ironisieren: "Der glanze heldenplatz zirka versaggerte in maschenhaftem männchenmeere ..."1) Auch Thomas Bernhard brauchte für sein Theaterstück "Heldenplatz" weder Jahreszahl noch Namen. Die Zeitangabe "März 1988", die Lokalisierung der Szenen in der Wohnung des jüdischen Professors Schuster ("nahe Heldenplatz")


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