Stadtrand: Kultimulti

Stadtleben | aus FALTER 40/98 vom 30.09.1998

Ganz Wien war Hallamasch. Eine Woche lang. Und super erfolgreich. Höhepunkt bei diesem Fest der Kulturen war die Parade vergangenen Samstag auf der Mariahilfer Straße. Lautstark feierten 40 Künstlergruppen, betrachtet von gut 170.000 Schaulustigen. Schön, in einer so glücklichen Multikulti-Stadt zu leben: keine Probleme, kein böses Wort. Und alle sind so schön bunt. Oder haben einige im Eifer der Feier gar Multikulti mit Tuttifrutti verwechselt? Ethnokitsch gegen Auseinandersetzung umgetauscht? Viele Alpenrepublikler sind - scheint's - davon überzeugt, Brasilien oder den Senegal im Blut zu haben. Sie trommelten und tanzten bunt kostümiert gemeinsam mit Profimusikern. Einige echte Wiener gaben sich echt "phantasievoll": Batikgewänder, Indianer(!)- oder Sambakostüme, eine Gruppe trat sogar in weißer Rippstrickunterwäsche und Büstenhalter an (österreichische TV-Schau-Tracht?). Gemeinsam feiern ist fein. Aber wieso gerade so? Kostüm heißt nicht Authentizität. Stadtmenschen anderer Stämme erkennt man nicht am Gewand, es sei denn Tommy-Hilfiger-Pullover sind jetzt Ethno-Wear.

Ähnlich skurril wäre es, wenn bei einer Multikulti-Party in Peru die lokale Bevölkerung in Steireranzug und Tirolerhut jodeln würde. Aus Sympathie mit der österreichischen Community. Weil's so authentisch multikulti ist. C.W.


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