Streifenweise

Kultur | aus FALTER 41/98 vom 07.10.1998

Vergangene Woche wurde der Potsdamer Platz in Berlin in einem feierlichen Akt "eröffnet": mit Politikern, Banddurchschneiden, Musikuntermalung, staunenden und skeptischen Bürgern. "Die leere Mitte" heißt das dokumentarische Essay der jungen Filmemacherin Hito Steyerl, das sich mit eben diesem Ort beschäftigt, unter der Prämisse, daß sich "am Potsdamer Platz ... die Bilder und Zeiten überlagern". Die Mittel dieses Films sind langsame Überblendungen und Doppelbelichtungen. Hito Steyerl, die ihren Film im Abspann einen "Abriß" nennt, trägt Schichten ab und reichert gleichzeitig die Geschichte des Potsdamer Platzes, gelegen in der Mitte der Stadt, Stück für Stück wieder an mit historischen Fakten, die vor allem durch ihre Ähnlichkeit verblüffen und beunruhigen. Oft weiß man nicht mehr so genau, von welchem Zeitabschnitt (zwischen 1743 und 1998) die Rede ist, so dicht ist das komplexe Netz von Wiederholung und Verschiebung, Veränderung und Kontinuität, von Familiengeschichte(n) und großen Migrationsbewegungen, Ausgrenzung und Verfolgung.

Steyerl konfrontiert Bilder (aktuelle Aufnahmen von Mauerklopfern und demonstrierenden Bauarbeitern, alte Dokumente und Archivbilder) mit Kommentar. Sie verfolgt auch dabei nie das Prinzip der simplen Verdoppelung, sondern setzt Bezüge frei, die zum Beispiel einen unscheinbaren U-Bahn-Abgang mit der historischen Kongo-Konferenz und ihrem Resultat, den "Berliner Grenzen" zusammenführt. Eine jener Stimmen, die Steyerl zitiert und in Erinnerung ruft, ist übrigens Siegfried Kracauer, Architekt, Essayist und Filmkritiker, dessen Kommentare aus den dreißiger Jahren der Film ebenfalls reflektiert.

"Die leere Mitte" sowie die früheren Arbeiten "Babenhausen 1997" und "Deutschland und das Ich" werden im Rahmen von coop on location am Samstag in Anwesenheit der Filmemacherin aufgeführt. Große Empfehlung! I. R.

Drei Filme von Hito Steyerl in den Kinoki-Lichtspielen im EKH, am 10. Oktober um 20 Uhr.


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