Kunst Kurz

Kultur | Markus Wailand | aus FALTER 41/98 vom 07.10.1998

Die den Tiger kommen hören. In Indien nämlich werden Dörfer weniger auf Parkplatzkapazitäten oder Blumenbalkondekor optimiert, sondern auf ihre akustische Funktionalität hin: Bestimmte Vegetation an dafür vorgesehenen Plätzen filtert den Lärm, die Konstellation der einzelnen Häuser gewährleistet den Transport von wichtigen Schallinformationen ohne Verstärker. Die Bewohner sind auf diese Art und Weise immer online, was die Vorgänge in ihrer Umgebung angeht; sei es, daß ein bestimmter Wind einen Wetterumsturz ankündigt oder aber einschlägige Geräusche den Tiger verraten, wenn dieser wieder einmal Ausflugslaune hat.

Mit solchen Dingen beschäftigen sich Christof Cargnelli und Peter Szely: mit der Wirkung von Klängen in Räumen, mit der Klangcharakteristik bestimmter Orte. "Jeder Raum ist ein einzigartiger Klangkörper, dessen Charakteristika sich herausarbeiten lassen wie ein Fingerabdruck", so Cargnelli. Das Prinzip dabei ist, den Raum selbst zur Membran zu machen, womit Cargnelli und Szely zur Zeit etwa in der Kunsthalle Exnergasse beschäftigt sind. Geräusche aus der Umgebung oder dem Inneren der Kunsthalle werden gesammelt, verarbeitet und wieder in den Raum geschickt - alles das, um die Kunsthalle zum Schwingen oder, wie im Titel "breathe" vorgeschlagen, zum Atmen zu bringen. Mit esoterisch-spiritistischem Wohlfühlambiente sollte man ihre "Klangraumarchitektur" (Szely) aber nicht verwechseln. Es ist vielmehr ein Demonstrationslabor oder ein "Klangobservatorium", wo die Wirkung unbeachteter akustischer Information aus ihrem Schattendasein geholt wird - etwa dann, wenn die beiden eine Straßenbahn durch die Kunsthalle donnern lassen, die davor noch mit idyllischem Wald- und Wiesengezwitscher gefüllt war.

Finissage am 10. Oktober ab 19 Uhr.


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