Standpunkt: Chefpartie

Politik | aus FALTER 44/98 vom 28.10.1998

Mir san da Chef." Und mit jedem Tag der EU-Präsidentschaft sind wir es mehr. Das nationale Selbstwertgefühl steigt, Staatsrepräsentanten gehen aufrechter und schütteln die Hände bewußter als sonst. Europäische Verteidigungspolitik, europäische Sicherheitspolitik, europäische Arbeitsmarktpolitik, europäischer Finanzausgleich, europäische Zukunft. Bundeskanzler und Außenminister haben viel zu sagen dieser Tage. Diese Themenflut verlangt Verständnis dafür, daß den Herren manch Kleinigkeit entgeht. Der Chef kann eben nicht zu jedem Provinzereignis Stellung nehmen. Soll er auch nicht. Der Herr, um den es geht, ist eben ein Privatbürger, der gerade eben verhaftet wurde. Ein gewisser Augusto Pinochet. Er ist Senator irgendeiner Bananenrepublik. Chile. Chile? Da hat die Nationalelf seinerzeit keine gute Figur gemacht. Keine Chefpartie. Wieder einmal nicht über die erste Runde der Weltmeisterschaft hinausgekommen. Was unterhalb der Stadiontribünen geschah, hat nicht sehr interessiert. Herr Pinochet war damals Staatschef und ließ dort foltern. Panzer? Ach ja, schweres Gerät wollte der Chef seinerzeit exportieren. Jetzt sitzt Herr Pinochet in London im Gefängnis und wartet auf seine Auslieferung an Spanien. Dort wollen ihn einstige Opfer vor Gericht sehen. Opfer gibt es auch hier. Der Chef kann aber eben nicht alles kommentieren.


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