Ein Spaltbreit Heimat

Literatur: Die Anthologie "Ein Niemandsland, aber welch ein Rundblick!" versammelt Texte von Emigranten, die nach Wien zurückgekehrt sind:eine Heimkehr in die Fremde.

Kultur | Edgar Schütz | aus FALTER 44/98 vom 28.10.1998

Wer im Wien der Nachkriegsjahre mit der "Elektrischen" fuhr, saß mittendrin in der österreichischen Geschichtslüge. Draußen zog eine zerbombte, aber "freie" Stadt vorbei, drinnen jedoch waren sie alle vereint: "die Schläger von gestern und die Geschlagenen von gestern, ohne daß man dem einzelnen je ansehen könnte, welcher der zwei Gruppen er zugehört hatte", schreibt der 1933 emigrierte und 1950 nach Österreich zurückgekehrte Günther Anders.

Nach dem Krieg positionierte sich Österreich in der politisch gut kalkulierten Übereinkunft, Opfer einer Annexion gewesen zu sein und nicht ein Volk von Tätern und Zuschauern. Eine Sicht der Dinge, die im Grunde erst mit der Causa Waldheim 1986 massiv in Frage gestellt wurde. Emigranten spielten in dieser Gesellschaft des gegenseitigen Schweigens eine besondere Rolle. Allein nach dem März 1938 waren durch diskriminierende Gesetze und offenen Terror der Nationalsozialisten mehr als 130.000 Menschen aus dem Land getrieben worden, die meisten


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