Aufgeblättert

Kultur | aus FALTER 46/98 vom 11.11.1998

Wien hat sich den Ruf einer gewissen Morbidität erworben, und den gilt es zu verteidigen. Auch für den Polizeidirektor liegt die schneebedeckte Hauptstadt "unter einem hauchdünnen Leichentuch". Wir schreiben 1832, also ist "Biedermeier", so der Titel des Romans von Ernst Molden, in dem der historische Kriminalfall des Fürst Aloys von Kaunitz-Rietberg (ja, der Enkel) literarisch nachgestellt wird. Kaunitz, der auch als Ich-Erzähler auftritt, ist ein mürrisch-gelangweilter Charakter, der Franz I., diese "allerkatholischste Unterlippe", ebenso verachtet wie seine eigene Frau, der er Blutegel ins Badewasser schüttet. Alles, was ihn interessiert, sind Opium, Singvogeljagd und sein "Liebesstaat" aus vorzugsweise blutjungen Mädchen. Und obwohl es der Adel gemeinhin so treibt, will man - eben gerade deswegen - den Kopf von Kaunitz. In historisierendem Idiom liefert Molden ein mit Anekdoten, Klischees und Elend satt ausstaffiertes, flott zu lesendes Buch, das auch für den Mädchenschänder


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